Das Land Ostern
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Das Land Ostern

In der Hochgrafschaft Großkapodrannenstein, gerade zwischen der hochgräflichen Burg und dem Dorfe Hausen, lebte ein Schankwirt, der zwei Kinder hatte: ein Mädchen, das Inge hieß, und einen Jungen namens Klaus. Inge sollte, dies hatte der Schankwirt von langer Hand vorbereitet, gleich nach ihrem vierzehnten Geburtstag den Dienst als kammerzöfliche Hilfskraft in der hochgräflichen Burg antreten, denn ihre Eltern versprachen sich von einem solchen Beginn eine glückliche Zukunft für das Mädchen.

Am Abend ihres vierzehnten Geburtstags – Inge hatte ein weißes Häubchen geschenkt bekommen, eine große Schachtel Konfekt und ein schmales Geschichtenbuch – schaute sie aus sämtlichen Fenstern ihres Elternhauses hinaus und stieg nacheinander alle Treppen hinauf und hinab. Dann schloss sie sich im Klosett ein. – Nach einiger Zeit kam Klaus herbei, der vor dem Schlafengehen noch einmal pinkeln wollte, rüttelte an der Tür und legte schließlich sein Ohr ans Schlüsselloch. Er hörte deutlich, wie drinnen seine Schwester weinte.

„Komm heraus“, sagte Klaus vor der Tür, „ich muss pinkeln.“ Inge schluchzte weiter und antwortete nicht. „Komm heraus“, rief Klaus, „ich schenke dir auch eine Tafel Schokolade!“ – Keine Antwort von drinnen. „Komm heraus“, sagte Klaus schließlich, „ich will dir auch drei Geschichten vorlesen!“ – Nun hatte aber Klaus mit dem Lesen seine liebe Mühe: Er kannte zwar alle Buchstaben, aber manchmal, besonders wenn er müde war, brachte er die Reihenfolgen und Richtungen durcheinander. Inge war deshalb gerührt über sein Angebot; sie öffnete die Tür des Klosetts, lächelte trotz ihrer Tränen und sagte: „Komm aber bald!“ Dann ging sie in das Kinderschlafzimmer.

Als Klaus kurze Zeit später das Zimmer betrat, weinte Inge schon wieder. „Sag mir, warum du weinst!“ bat Klaus. Aber Inge reichte ihm das Geschichtenbuch und schluchzte: „Lies! Du hast es versprochen! – Klaus schlug das Buch auf und las: Das Märchen vom Schlaraffenland. Als er fertig war mit dieser Geschichte, fing Inge leise an zu sprechen: „Wo ich morgen hin soll, dort möchte ich nicht sein.“ – „Warum nicht?“ fragte Klaus. „Ach, lies mir noch eine Geschichte“, sagte Inge, “du hast es mir versprochen.“ Und Klaus las: Das Gespensterschiff. Als er fertig war mit der zweiten Geschichte, sagte Inge: „Im Schloss ist es kalt, aber man darf nicht zittern. Der Hochgraf sieht alles, aber keiner sieht ihn. Sie sagen, es sei mein Glück, aber sie wissen nicht, was Glück ist.“ – „Weißt du es denn?“ fragte Klaus. „Ach, lies noch eine Geschichte, du hast es mir versprochen." Und Klaus las: Die Geschichte vom Tannenbaum. Als er mit der dritten Geschichte fertig war, fing Inge wieder an zu reden und sagte: „Ich weiß nicht genau, was Glück ist; aber ich bin sicher, dass ich mich vom Glück entferne, wenn ich zum Schloss gehe. Wo das Glück ist, muss es warm sein. Man muss sich bewegen können. Alles muss einem gegönnt sein.“ – „Aber wie willst du das Glück finden?“ fragte Klaus. „Ich weiß es nicht!“ sagte Inge und fing wieder an zu weinen. „Hör auf zu weinen!“ bat Klaus noch einmal. „Ich bin schon sehr müde, aber ich will dir noch eine Geschichte vorlesen.“ – „Ja, bitte!“ sagte Inge. Klaus rieb seine Augen, schlug das Geschichtenbuch wieder auf und las: „sortabla red“.

Inge lächelte, Klaus erschrak ein wenig über dieses Wort, und da erlosch plötzlich die Deckenlampe im Kinderschlafzimmer, im Raum war ein Summen wie von einem Wespenschwarm, und in einem Winkel glühte es grünlich. Klaus zuckte zusammen und klappte das Geschichtenbuch zu, und da verstummte auf einmal das Gesumm, und aus dem grünen Licht stieg eine zierliche Frauengestalt empor. Sie war nur zwei handbreit hoch, ihr kleiner nackter Körper leuchtete flimmernd, aber ganz dunkel waren ihre Augen. Mit feiner Stimme sprach das Wesen: „Ich bin Ultima Morgana. Ihr habt mich gerufen; da bin ich.“

Die Kinder fürchteten sich ein wenig, aber sie waren auch bezaubert von der Erscheinung. Inge fand als erste die Sprache wieder und fragte vorsichtig: „Wie haben wir dich denn gerufen?“ Die Fee sagte: „Wenn zwischen elf und zwölf Uhr nachts jemand das tut, was dieser Junge soeben getan hat, und wenn er das sagt, was er soeben gesagt hat, dann erscheint Ultima Morgana.“ Klaus murmelte: „Aber was habe ich denn...“, dann steckte er seinen Daumen in den Mund und nuckelte daran. „Ich muss fort von hier,“ sagte Inge zu der Fee, „und ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Morgen früh bin ich aufs Schloss bestellt, aber das ist ein Unglück – auch wenn ich dies erst seit heute weiß. Hier kann ich nicht bleiben; mein Vater würde mich zwingen, doch ins Schloss zu gehen. Ich will dorthin, wo das Glück ist. Mein Bruder will uns begleiten. Hilf uns!“

Die leuchtende Gestalt antwortete, und ihre Stimme klang wie Mückenflug dicht am Ohr:
„Anders für ihn, anders für sie,
feste Gestalt bietet es nie.
Anders gestern, anders heut’,
anderer Raum, andere Zeit.
Glück ist ein Schein, Glück ist ein Wort:
Sag einen Platz, nenn einen Ort!

Da nahm Klaus seinen Daumen aus dem Mund und sagte: „Das Schlaraffenland!“ Inge war überrascht, dann nickte sie. „So“, sirrte die Fee, „das ist schon besser, damit vermag ich etwas anzufangen. Aber leider ist das Schlaraffenland nicht mehr das, was es einmal war; es ist ganz unzugänglich geworden, jedenfalls für Menschen. Das ist aber folgendermaßen gekommen: In den letzten Jahrhunderten wollten sich kaum noch Menschen auf die Suche nach diesem Lande begeben, sei es, dass immer weniger den Weg in Erfahrung bringen konnten, oder sei es, dass die Leute an anderen Orten das Glück leichter zu erlangen hofften. Und für diejenigen, die dennoch bis zu den Grenzen des Schlaraffenlandes gekommen sind, wurde der Grenzwall aus süßem Brei ein immer unüberwindlicheres Hindernis. Den meisten wurde schon übel, wenn sie den Breiwall nur sahen oder gar rochen; ein paar aßen einige Happen und gaben dann auf, und den wenigen, die sich in den letzten hundert Jahren wirklich in die Wand hineingefressen haben, ist es wohl nicht gelungen, bis zur anderen Seite vorzudringen. So wurden der Schlaraffen immer weniger, und der Brei quoll und quoll, weil keiner ihn mehr aß. So ist es gekommen, dass heute im Schlaraffenland keine Schinken mehr an den Bäumen reifen, keine Weinbäche mehr sprudeln und nicht mehr die gebratenen Tauben durch die Lüfte fliegen; vielmehr ist heute so gut wie das ganze Land von einem riesigen Breifladen bedeckt. Leider ist der Brei auch nicht mehr süß, sondern er hat an einigen Stellen zu faulen und zu gären begonnen und stinkt inzwischen so widerwärtig, dass sogar die Krähen betäubt aus der Luft herunterfallen, wenn sie es wagen, über dem Schlaraffenlande herumzufliegen. Doch sagt mir ein anderes Land, damit ich euch vielleicht doch zu eurem Glück verhelfen kann.“

Inge überlegte lange. Sie dachte an die Seefahrergeschichten, an Sindbads Abenteuer und an ganz ferne Länder, und schließlich sagte sie zögernd: „Übersee“. Die Fee glomm ein wenig auf, dann schwirrte wieder ihre Stimme: „Armes Kind! Du suchst dort die Mangrovensümpfe mit den Ebenholznattern, das Große Firngebirge mit seinen blutroten Schluchten, weite Pulversavannen, Sassafras, Segelaffen und die riesigen Herden von Korallengazellen. Aber leider, leider ist auch diesem Lande etwas Schreckliches widerfahren. Einmal, es ist noch nicht so lange her, ist dort ein Mann hingekommen, der gar nicht nach Übersee wollte. Er war unterwegs mit seiner Verbrennungsmaschine von Hiernochmal nach Danochnicht, und der Abend brach an. Plötzlich erblickte der Mann in der Luft etwas Leuchtendes, das wie ein Pfeil aussah und sich bewegte. Es war ein überseeischer Glühschwanzsegler, der auf einem seiner Gleitflüge die Randgebiete überflogen hatte und sich sehr weit ins Plattland vorgewagt hatte. Der mann hatte davon gar keine Ahnung, sondern er sah bloß etwas Glühendes, das er für ein illuminiertes Hinweiszeichen hielt, und schlug die entsprechende Richtung ein. Der überseeische Glühschwanzsegler, erschreckt durch den Lärm der Verbrennungsmaschine, eilte auf seine heimatlichen Gebiete zu. Der Mann fuhr ihm nach – er fuhr durch den majestätischen Lautlosen Finsterwald, durch das unheimliche Große Blasenmoor und durch das gefürchtete Bleiche Raschelried, aber all dies merkte er gar nicht, weil seine Verbrennungsmaschine immerzu knatterte. Er fuhr die ganze Nacht hindurch, und als es wieder hell war, sah er natürlich den leuchtenden Schwanz am Himmel nicht mehr. Da merkte er anscheinend, dass er Hunger hatte; jedenfalls hielt er seine Maschine an, stieg herab oder heraus, was weiß ich, und setzte sich unter einen Suguiabaum. – Nun musst du wissen, dass die Frucht dieses sehr seltenen Baumes berühmt war als eine der erlesensten Köstlichkeiten des Landes Übersee. Es hat Leute gegeben, die die weite und gefahrvolle Reise nach Übersee nur deshalb unternommen haben, um einmal in ihrem Leben von der Suguiafrucht zu kosten, und manch einer ist sein halbes leben im Lande Übersee herumgeirrt, ohne auch nur einen einzigen Suguiabaum entdeckt zu haben. Hatte aber einer den Geruch einer Suguiafrucht erhascht, so blieb er zeitlebens dabei, dass es auf der ganzen Welt keinen köstlicheren Duft gebe. – Genug: Unser Mann also saß unter einem der wenigen Suguiabäume von Übersee, seine stinkende Verbrennungsmaschine stand neben ihm. Da holte er aus einem in oder an dieser Maschine angebrachten Behälter eine Blechbüchse heraus, öffnete diese und aß daraus Sirup mit konservierten Obstfleischstückchen. Die Dose mit einem Obstrest darin warf er hinter sich auf die wunderbar fruchtbare überseeische Erde, sah sich nach einem Wegweiser um, fand natürlich keinen, bestieg seine Verbrennungsmaschine und ratterte denselben langen Weg wieder zurück, den er gekommen war.
Die Dose mit dem Obstrest, die der Mann im Lande Übersee zurückließ, entwickelte sich zum Unheil für das ganze Land, denn aus diesem Rest wuchs die erste Staude der Quadratischen Ananas. Das ist eine knallgrüne Pflanze, die aussieht wie eine vierkantige Säule. Ihr Wurzelwerk breitet sich genau über einen Quadratmeter Land aus und verdrängt alles andere von dort. Die Quadratische Ananas vermehrt sich über unterirdische Sprosswurzeln, und zwar nach allen Seiten und sehr rasch. Du kannst dir also denken, was geschehen ist: Ganz Übersee – oder vielmehr: das Land, das einmal Übersee war – ist bedeckt von einem regelmäßigen Raster giftgrüner Säulen. Quadratische Ananas, so weit das Auge reicht, und nacktes Erdreich dazwischen. Die Mangroven haben noch am längsten standgehalten, aber inzwischen sind auch sie verdrängt.“

Die Fee schwieg. Ihr leuchtender Leib schwebte ganz langsam höher. Inge sagte schließlich: „Nein, dorthin möchten wir nicht. Aber wohin dann?“ Auf einmal strahlten die Augen von Klaus, er nahm den Daumen aus dem Mund und sagte: „Weihnachten!“ – „Ach, du Dummerchen; ein Land ist das doch nicht!“ flüsterte Inge etwas verlegen. Aber da sagte die Fee: „Ein Land ist Weihnachten doch, und es ist auch ziemlich groß und recht bevölkert. Aber vielleicht habt ihr von dieses Landes Art nicht die rechte Meinung. Hättet ihr euch sonst das Schlaraffenland oder gar Übersee vorher gewünscht? Ich habe freilich das Land Weihnachten nie betreten, weil unsereinem dort der Eintritt verwehrt ist, aber ich habe mich des Öfteren mit Engeln unterhalten, die dort gelebt und gearbeitet haben. Das wirklich Wichtige im Lande Weihnachten, so haben mir alle Engel erzählt, die ich darum befragt habe, das Wichtigste also seien nicht die Tannenwälder und die Hirten, nicht die Herbergen, die Krippen und die Stalltiere, sondern das Wichtigste sei das Himmelloch. Der Himmel soll dunkel sein im Lande Weihnachten und sehr tief hängen, und an einer Stelle muss ein großes Loch im Himmel sein, aus dem es weißlich hervorleuchtet. Dieses Loch will Rauch. Es saugt ihn aus dem Lande Weihnachten heraus; es muss immer mehr davon bekommen. Riesige Mengen von Weihnachtsbäumen werden deshalb Woche für Woche dort verbrannt, aber auch Strohsterne, Bienenwachs, Holzpferdchen, Wunderkerzen, Puppen, Christstollen, Handschuhe, Rauschgoldengel, Walnüsse und Pelzstiefel. Das Himmelloch saugt den Rauch im Nu weg, so dass die Luft im Lande Weihnachten meist ganz klar ist; sie soll nur stets ein wenig nach Fichtennadeln und Zimt riechen. Immer mehr Menschen kommen ins Land Weihnachten und lassen dort ungeheure Mengen von ganz verschiedenen Dingen in Rauch aufgehen.
Früher sollen die menschlichen Besucher des Landes Weihnachten selbst ihre bescheidenen Feuerchen entfacht haben. Das Himmelloch soll noch viel genügsamer gewesen sein als heute, und die Engel waren rosig und feist und flatterten freudig unter dem dunklen Himmel herum. Doch langsam wurde das Himmelloch größer und gieriger, und auf sein Geheiß entstanden zwei Mächte im Lande Weihnachten. Die eine heißt Gloria In Excelsis, die andere heißt Pax Hominibus. Gloria In Excelsis hat Öfen gebaut, die größer sind als Häuser, mit turmhohen Schornsteinen darauf. In diesen Öfen wird dem Himmelloch der Rauch gebrannt. Gloria In Excelsis bekommt von den Menschen die vielen Weihnachtsdinge und lässt alles in diesen großen Öfen zu Rauch verbrennen für das Himmelloch. Die Dinge aber, die so in Rauch aufgehen, werden von den Menschen nicht mehr selbst gemacht oder mitgebracht oder gesammelt: Die zweite Macht, Pax Hominibus mit Namen, stellt heute in großen Arbeitshöhlen alle Weihnachtsdinge alleine her, und die Besucher brauchen alles, was sie verbrennen lassen wollen, nur bei Pax Hominibus zu kaufen. – Beide Mächte beschäftigen viele Engel; aber die Engel sind heute, wie ihr sicher wisst, bleich und schmal geworden, und sie tragen Weihnachtsuniformen von Pax Hominibus oder Gloria In Excelsis. Weil die beiden Mächte so glatt zusammenarbeiten, haben sie gemeinsam an den Grenzen des Landes Weihnachten große Bilder aufgestellt, die Gänse und Kuchen und Wälder mit Raureif zeigen. Aber damit wollen sie wohl nur Leute anlocken, damit das Himmelloch mehr Rauch bekommt. Beide Mächte gemeinsam führen auch immer wieder Läuterungsaktionen durch – das sind Maßnahmen, durch die alles aus dem Lande vertrieben wird, was dem Himmelloch keinen Rauch zuführt. Bei der jüngsten Läuterungsaktion musste zum Beispiel eine ledige Mutter mit ihrem kleinen Sohn das Land Weihnachten verlassen, obwohl beide ganz still und harmlos waren. Es hieß zwar, dass die beiden schon sehr lange in dem Lande ansässig gewesen seien, aber das hat ihnen nichts geholfen. – Also, im Lande Weihnachten scheint es sehr hektisch zuzugehen; aber wenn ihr sicher seid, dass ihr dort euer Glück findet, so will ich euch gerne den Weg dorthin weisen.“

Klaus sah seine Schwester verwirrt und etwas niedergeschlagen an. „Ich glaube,“ sagte die, „ich weiß so ungefähr, wie es dort zugehen muss. Auch bei uns ist letztes Jahr der Christstollen im Ofen verbrannt, weil Vater nicht das richtige Weihnachtspapier für die Weihnachtsgeschenke finden konnte. Nein, auch zum Lande Weihnachten wollen wir nicht gehen. Aber nun wissen wir kein Land mehr, wo für uns das Glück wohnen könnte. Du weißt doch jetzt recht gut, wonach wir suchen: Kannst du uns nicht ein Land nennen?“ – Der Lichtschein der Fee wurde fahler. „Das ist schwierig, sehr schwierig!“ summte sie matt. – „Ultima Morgana, Ultima Morgana!“ rief Inge beschwörend, und die Fee erglühte wieder etwas mehr und schwebte ein wenig nach oben. „Es gibt ein Land, welches Land Ostern heißt“ sagte sie. „Es ist fern und schwer zu finden, aber es heißt, dort beginne alles neu. Lust und Leid würden dort neu gemischt und gleich verteilt, und alles sei dort für alle. Mir ist dieses Land nicht näher bekannt, aber die Richtung sei euch genannt.
Dem Mädchen geb ich ein Mäulchen“
– und da steckte sie Inge etwas in den Mund –
„dem Knaben geb ich ein Pfeilchen“
– da steckte sie Klaus etwas in die Tasche –
„und euch beiden ein Gäulchen, es steht vor der Tür.
Das Mäulchen macht süß, was beschwerlich ist,
das Pfeilchen macht schwach, was gefährlich ist,
und das Gäulchen trägt euch und noch andre dazu.
Aber gebt Acht, Kinder: das Gäulchen galoppiert, wohin ihr es lenkt. Es ist aber ein Zauber in seinem Zaumzeug, ohne den ihr das Land Ostern nie erreichen könnt. Das Zaumzeug dreht den Kopf des Gäulchens in die Richtung, in der das Land Ostern liegt, wenn ihr dazu den richtigen Spruch sagt. Hört her!“ In der Ferne begann die Schlossuhr zu schlagen, und die Fee sagte schnell:
„Ebenholz, Hagestolz,
Rosenrot, Freier tot,
Kikriki, Pechmarie,
Seilchen, zieh’s Gäulchen;
Lass dem Köpfchen keine Ruh,
dreh’s dem Lande Ostern zu!“

Bei jedem Glockenschlag der Schlossuhr wurde das Leuchten der Fee blasser und ihre Stimme leiser. Beim zwölften Schlag glomm noch etwas wie ein gekrümmter Finger im Zimmerwinkel, und dann war der Feenspuk vorbei.
„Geh du voran!“ sagte Klaus. Inge stieg leise das dunkle Treppenhaus hinab, ihr Bruder folgte nach. Draußen fanden die Kinder ein fremdes Pferdchen mit hellem, struppigen Fell. Halfter und Zügel waren aus einem Seil geknotet; einen Sattel hatte das Tier nicht. Inge fasste die Zügel und sagte:
„Ebenholz, Hagestolz,
Rosenrot, Freier tot,
Kikriki, Pechmarie,
Seilchen, zieh’s Gäulchen;
Lass dem Köpfchen keine Ruh,
dreh’s dem Lande Ostern zu!“
Sogleich wendete das Pferdchen seine Nase zum Dorfe Hausen hin und schnaubte leise. Inge und Klaus setzten sich auf den Rücken des Gäulchens und trabten nach Hausen.

Dort schlief schon alles, aber als sie am letzten Haus des Dorfes vorbeiritten, sahen sie im Giebelfenster einen Mann stehen, der hatte einen Strick um den Hals. Inge hielt das Pferd an, und Klaus fragte den Mann neugierig: „Was machst du da?“ – „Ich hänge mich auf“, sagte der Mann. „Warum?“ wollte Klaus wissen. „Das geht dich nichts an!“ war die Antwort. „Sei nicht so barsch!“ mischte sich Inge ein, „vielleicht fällt uns ja etwas Besseres ein. Also, lass hören, was dich treibt.“ – „Nun“, sagte der Mann, „der Vogt kommt morgen mit seinen Gendarmen und will mir dieses Haus wegnehmen, denn ich kann die Abgaben ans Schloss nicht bezahlen.“ – „Verdienst du denn gar kein Geld?“ fragte Klaus erstaunt. „Nein,“ sagte der Mann, „jetzt nicht mehr. Bis vor einigen Wochen war ich allerdings noch der Schulmeister von Hausen, und das war immerhin etwas. Aber dann hat mich ein auswegloses Leiden befallen: Ich kann den Namen unserer Hochgrafschaft nicht mehr aussprechen, ohne zu stottern; nur die erste Silbe schaffe ich gerade noch. Das ist fatal, besonders deshalb, weil man als Schulmeister ja jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn den Glück- und Segenswunsch sprechen muss: Es lebe seine Durchlaucht, der Hochgraf von Großkakapopo...“ Inge und Klaus brachen in ein prustendes Gelächter aus. „Seht ihr?“ sagte der Mann im Giebelfenster. „Genau das haben meine Schulkinder zuerst auch getan. Aber schon am nächsten Tag blickten ängstliche oder finstere Bauerngesichter in den Schulraum hinein, und am dritten Tag kam morgens der Schultheiß zu mir und sagte, der Hochgraf habe mir meine Schulmeister-Approbation entzogen, weil ich den Namen unserer Hochgrafschaft verunglimpft hätte. Er nahm mir höchstpersönlich den Schulschlüssel weg und steckte mir gleichzeitig den Abgabenbescheid vom Schloss in die Jackentasche... für das ganze bevorstehende Jahr. Natürlich kann ich nicht zahlen, und deshalb wollen sie mir morgen dieses Häuschen fortnehmen. Was soll ich da noch länger leben?“ Inge sagte darauf: „Auch ich war in einer ganz aussichtslosen Lage, doch ich habe mich nicht umgebracht, sondern ich bin mit meinem Bruder hier unterwegs zum Lande Ostern, wo wir gewiss das Glück finden werden.“ – „Ostern, Weihnachten, Pfingsten,“ brummte der Mann, „mit Kinderkram habe ich mich jetzt genug herumgeschlagen. Und nun lasst mich wenigstens in Ruhe sterben!“ Aber Inge öffnete ihr Mäulchen und schilderte das Land Ostern in so satten Farben und den Weg dorthin in so bunten Tönen, dass der Mann schließlich herunterkam und sich hinter die beiden Kinder auf das Gäulchen setzte. Rufus nannte er sich, den Strick nahm er unter seinem Arme mit.

Klaus ergriff den Zügel und sagte den Spruch, und das Pferd drehte seine Nüstern zum Wald hin. Die drei Reiter schlugen also den Weg ein, der dorthin führte. Bald bemerkten sie, dass sich vor ihnen etwas in dieselbe Richtung bewegte, und sie erreichten rasch eine dunkel gekleidete Gestalt, die unablässig etwas vor sich hin murmelte. „Hallo, dunkles Ding,“ rief Inge keck, „was willst du denn nachts im Wald?“ – Die Gestalt murmelte etwas lauter: „Dieses Rabenaas, dieser aufgeblasene Hosenzipfel, dieses dickhäutige Kartoffelschwein, diese Fettkröte...“ – „Wer ist es denn, den du mit so liebevollen Namen bedenkst?“ fragte Inge. „Mein Mann!“ sagte die Dunkle grimmig. „Ich laufe ihm jetzt weg.“ Die Reiter ließen das Pferd gemächlich neben der Frau hergehen. „Und was hat er dir angetan?“ fragte Inge. „Er war hochgräflicher Landgendarm.“ sagte die Frau. „Kürzlich ist er jedoch zum Adjutanten ernannt worden, und da ist er gleich zum Personenstandsregistersekretär gegangen und hat die einstweilige Auflösung unserer Ehe beantragt. Mir hat er erst heute Abend davon erzählt, und zwar ‚in aller Freundschaft’ – so hat er das tatsächlich genannt. Er habe ja nichts gegen mich persönlich, aber mir müsse doch klar sein, dass man als Adjutant, wenn überhaupt, mit einem ganz anderen Typ von Frau verheiratet sei. Er war dann ganz verwundert, dass ich laut gebrüllt habe. Wo denn ich dabei bliebe, habe ich geschrieen. Ich könnte, meinte er ruhig, in seinem Adjutantenhaushalt gern nach dem Rechten sehen; es würde gewiss mein Schaden nicht sein. Da bin ich fortgegangen.“ Die Frau hob jetzt ihren Kopf hoch. Sie war weder jung noch alt, und sie war fest entschlossen, immer weiter zu gehen. „Wohin willst du?“ fragte Klaus. „Fort, möglichst weit fort!“ sagte die Frau. Da kam Inge auf das Land Ostern zu sprechen und erzählte dazu ihre eigene Geschichte. Rufus berichtete, wie er sich angeschlossen hatte, und alle Drei luden die Frau ein, sich auch auf das Gäulchen zu setzen und mitzukommen. „Warum nicht?“ meinte die Frau und setzte sich hinter Rufus auf den Rücken des Pferdes. „Ich heiße Erika“, sagte sie.
Mit den vier Menschen auf dem Rücken trabte das Gäulchen auf den Wald zu. Als man am Waldrand angekommen war, sah der Weg aber gar zu finster aus, und man beschloss, den Rest der Nacht erst einmal zu verschlafen und am nächsten Tag ganz früh in den Wald hineinzureiten. Auf einem Haufen Reisig kuschelten sich die Gefährten eng aneinander und waren bald eingeschlafen.

Am nächsten Tag war die Sonne schon seit ein paar Stunden aufgegangen, als plötzlich ein lautes Wiehern alle zugleich aus dem Schlaf riss. Ein Gendarm stand neben dem Gäulchen und hielt die Zügel schon in der Hand. Dann schwang er sich auf das Pferd hinauf, schrie „Hussa!“ und stieß ihm seine Absätze in die Flanken. Das Gäulchen machte einen Satz. Da holte Klaus ganz schnell, während die anderen noch wie erstarrt dalagen, das Pfeilchen aus seiner Hosentasche und schleuderte es mit aller Kraft auf den Gendarmen. Etwas Kleines, Funkelndes sauste durch die Luft, berührte den Kopf des Gendarmen und verschwand dann sofort. Der Gendarm stieß einen gedehnten Pfiff aus, ließ die Zügel los, rutschte, während das Pferdchen noch galoppierte, seitlich herunter und fiel ins Gras. Das Gäulchen lief einen großen Bogen und kam zu den Vieren zurück, und gemeinsam gingen sie zu der Stelle, wo der Gendarm heruntergefallen war. Er lag dort im Grase, geschüttelt von einem lautlosen Lachen.
Die Gefährten bestiegen ihr Pferd und ritten in den Wald hinein. Klaus, der diesmal ganz hinten saß, blickte sich noch einmal um: Der Gendarm hatte sich gerade mühsam erhoben. Das Pfeilchen fiel dem Jungen wieder ein, und er griff in seine Hosentasche. „Es ist wieder bei mir“, murmelte er beglückt.

Das Gäulchen brauchte fast den ganzen Tag, um den Wald zu durchqueren, so groß war er. Am späten Nachmittag kamen die Gefährten an einen breiten Fluss. Ein flaches Boot war neben dem kleinen Fährhaus am Ufer vertäut. „He, hol über!“ brüllte Rufus laut. Die Tür des Fährhauses öffnete sich, und heraus trat ein baumlanger Schwarzer, der die kleine Gesellschaft prüfend betrachtete. „Vier Leute und ein Tier“, sagte er nach einer Weile, „da muss ich zwei Mal übersetzen. Das kostet zwei Taler.“ Die vier Reiter sahen sich ratlos an; Geld hatte keiner von ihnen bei sich. Schließlich sagte Klaus: „Ach, Fährmann, kannst du uns nicht umsonst übersetzen? Wir müssen unbedingt möglichst weit weg von Großkapodrannenstein; die Gendarmen sind hinter uns her!“ – „Dann könnte ich euch ja auch festhalten; vielleicht bekomme ich dann eine Belohnung!“ sagte der Schwarze. „Aber nein, das würde meinen Grundsätzen nicht entsprechen: Ich bin immer neutral und will es auch bleiben. Aber ich mache keine Fahrt umsonst. Das hier ist mein Beruf; davon ernähre ich mich. Wenn es sich herumspräche, dass ich euch ohne Bezahlung übergesetzt hätte, was soll ich dann allen anderen sagen, die genau so gute Gründe und genau so wenig Geld haben wie ihr? – Nein, ich will zwei Taler!“ Erika nestelte an ihrem Hals und hielt dem Fährmann eine feine Silberkette entgegen. „Hier,“ sagte sie, „das müsste doch ausreichen!“ – „Vielleicht ist es zu viel, vielleicht aber auch zu wenig,“ sagte der Schwarze, „woher soll ich das wissen? Ich kaufe bei Bauern, Schmieden und Schreinern, und die wollen Geld, nicht Draht. Und in die Stadt, wo ich so eine Kette vielleicht an einen Juwelier verkaufen könnte, komme ich nur selten. Außerdem: Wie sollte ich beweisen, dass der Schmuck nicht gestohlen ist? – Nein, ich will meine zwei Taler, sonst müsst ihr schwimmen oder bleibt hier.“
Die anderen wollten schon ganz mutlos werden, da öffnete Inge ihr Mäulchen und sprach: „Fährmann, was hast du hier denn für ein Leben? Viele Leute siehst du, aber du wohnst allein. Neutral kannst du dich nur deshalb nennen, weil der Hochgraf seine Landgendarmen noch nicht zu dieser Fähre geschickt hat. Wenn sie aber kommen – und eines Tages werden sie kommen, das darfst du mir glauben – wie willst du dich wehren? Schau uns an: Wir alle haben das Leben in Großkapodrannenstein satt, aber wir wissen, dass man allein nicht weit kommt. Bis hierher ist nicht weit genug, und auch bis zum Gebirge ist nicht weit genug. Wir haben ein fernes Ziel, und wir haben einen Zauber, der uns führt. Wir ziehen zum Lande Ostern, wo alles ganz neu gemacht wird: Jeder wird für alle kostbar sein, einem jeden ist alles gegönnt. Lust und Leid sind gleich verteilt; Neid und Bosheit wird es nicht geben. Reich ist keiner, aber alle sind freigiebig. – Also, Fährmann, überleg dir, ob du nicht mit uns ziehen willst. Unser Pferd trägt auch dich!“ Als der Fährmann diese Worte gehört hatte, ging er in sein Haus und steckte sich eine Bootsaxt in den Gürtel. Dann kam er wieder heraus und sagte: „Ich will euch übersetzen, und dann komme ich mit euch!“ Als alle am anderen Ufer waren, schlug der schwarze Fährmann mit seiner Axt ein Loch in den Boden des Fährbootes und warf ein paar dicke Steine hinein. Das Boot versank im Fluss. Klaus nahm die Zügel des Pferdchens in die Hand und sagte:
„Ebenholz, Hagestolz,
Rosenrot, Freier tot,
Kikriki, Pechmarie,
Seilchen, zieh’s Gäulchen;
Lass dem Köpfchen keine Ruh,
dreh’s dem Lande Ostern zu!“
Sogleich wendete das Pferd seinen Kopf dorthin, wo gerade die Sonne zwischen fernen Bergen verschwand. Alle Fünf setzten sich auf den Rücken des Gäulchens, und Inge fragte den Mann, der hinter ihr saß: „Fährmann, wie heißt du?“ – „Pharaoh“, sagte der Schwarze.

Inge und Klaus, Rufus, Erika und Pharaoh zogen viele Monate hindurch auf das Land Ostern zu. Jeden Morgen ließen sie sich vom Gäulchen die Richtung weisen. In den wenigen Dörfern, durch die sie unterwegs kamen, wurden sie freundlich aufgenommen. Pharaoh erledigte kleine Zimmermannsarbeiten; Erika verstand sich darauf, mit Kräutern allerlei Beschwerden zu lindern; Rufus sang lange Balladen; Inge wusste viele seltsame Geschichten zu erzählen. Deshalb beherbergten die Dorfbewohner sie gern. Oft übernachteten die Gefährten jedoch unter freiem Himmel. Dann saßen oder lagen sie eng aneinander gekuschelt an einem glühenden Feuer, und immer wieder malten sie sich aus, wie es im Lande Ostern zugehen werde. Manchmal erzählten Inge und Klaus auch den anderen von der Nacht, in der sich ihnen die Fee Ultima Morgana gezeigt hatte. „Und sie hat wirklich gesagt, Klaus, dass du sie gerufen hast?“ fragte Pharaoh jedes Mal. „Ja, aber ich weiß nicht, wie!“ sagte Klaus dann.

Als sie das Gebirge durchquert hatten, war es schon Herbst. Sie kamen in ein Land, das keiner von ihnen je gesehen hatte. Die Menschen dort kleideten sich ein wenig anders als die Leute auf der anderen Seite, und sie sprachen auch ein wenig anders. so dass die oft erzählten Geschichten jetzt bisweilen nicht recht in die Ohren der Leute hineingehen wollten. Erika bemerkte, dass auf den Wiesen und an den Wegen etwas andere Kräuter wuchsen als bei ihr daheim, und manchmal war sie nicht ganz sicher. Rufus kam dahinter, dass seine Lieder hier anders aufgenommen wurden als vor dem Gebirge: Dort hatten die Leute zugehört wegen der in vertrauten Tönen gesungenen neuen Kunde; hier hörten sie zu, weil die Lieder ihnen ganz und gar fremdartig klangen. Selbst Pharaoh musste feststellen, dass man hier die Balkenköpfe an den Hausgiebeln und die Steven der Boote etwas anders haben wollte, als er sie bisher gemacht hatte. Aber die Bauern und die Winzer waren großzügig; die Erntezeit war ja eben erst zu Ende gegangen.

Der Winter dagegen wurde hart. Die fünf Reiter durchquerten eine Gegend, in der es viele Moore gab und Heideflächen mit verstreuten Gehöften, aber nur wenige Dörfer. Dem Gäulchen schienen zwar die Kälte und der schneidende Wind kaum etwas auszumachen; es stapfte selbst durch tiefen Schnee und fand auch im vereisten Moor immer noch Nahrung. Aber die fünf Menschen litten sehr unter Hunger und Frost. Des Nachts fanden sie manchmal in einem Haus Unterschlupf, bisweilen mussten sie auch in einer Feldscheune oder einem Schuppen übernachten. Vom Lande Ostern sprachen sie jetzt nur selten und vorsichtig, aber Inge und Klaus mussten immer wieder von der Erscheinung erzählen, mit der alles angefangen hatte.

Eines Abends. Pharaoh hatte seine erstaunte Frage wieder gestellt, und Klaus hatte geantwortet, er wisse nicht, wie er die Fee gerufen habe, sagte Rufus plötzlich: „Du musst dich aber erinnern, Klaus. Wir könnten die Hilfe einer Fee jetzt verdammt gut gebrauchen!“ – „Ich habe alles erzählt, was ich weiß!“ sagte Klaus verwundert. „Ich wollte eine neue Geschichte vorlesen, aber ich war sehr müde.“ – „Er hat etwas Komisches gesagt“ erinnerte sich Inge, „und sich die Augen gerieben. Vielleicht hat er etwas verkehrt herum gelesen; so etwas konnte ihm passieren, wenn er müde war. Aber was er genau gesagt hat, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ – „Wenn er gerade eine neue Geschichte anfangen wollte, dann muss es doch eine Überschrift gewesen ein!“ sagte Rufus. „Er braucht also nur bis elf Uhr nachts zu warten, dann alle Überschriften aus dem Geschichtenbuch rückwärts zu lesen und sich jedes Mal dabei die Augen zu reiben. Habt ihr das Buch nicht bei euch?“ – „Nein,“ antwortete Inge leise, „es ist zu Hause geblieben.“ – „Erinnerst du dich denn wenigstens an ein paar Überschriften?“ – „Das Buch war ganz neu!“ sagte Inge.„Ich hatte es zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen. Drei Geschichten hat Klaus mir an dem Abend vorgelesen: die Geschichte vom Schlaraffenland, vom Gespensterschiff und das Märchen vom Tannenbaum. Sonst weiß ich keine Überschrift.“ Rufus schaute mürrisch drein und sagte den ganzen Abend kein Wort mehr. Jedoch in der Nacht murmelte er immer wieder „muabnennat“ und „fischretsnepseg“ und „dnalreffaralsch“ und rieb sich dabei die Augen. Aber alles blieb finster, und irgendwann schlief auch Rufus ein.

Nach dieser Nacht ließ die Kälte allmählich nach, und ein paar Wochen später konnte man schon sehen und riechen, dass der Frühling bevorstand. Die fünf Gefährten wurden aber immer schweigsamer, wenn sie unter sich waren; jeder schien für sich allein über etwas zu grübeln.
An einem Sonntag im April erreichten sie endlich wieder einmal ein etwas größeres Dorf. Schon von Weitem hörte man getragene Posaunenklänge und dumpfe Trommelschläge, und als die fünf auf ihrem Tier in das Dorf einzogen, wurden sie kaum von den Einheimischen beachtet, trotz ihres auffälligen und fremdartigen Aussehens. Jeder Dorfbewohner zeigte ein ernstes Gesicht und alle schritten zum Dorfplatz hin. Erika fragte schließlich ein Kind, das aus einem Fenster heraus das Pferd mit den fünf Reitern bestaunte, ob ein besonderes Fest im Dorf sei. „Unser Prediger ist gestorben“, sagte das Kind, „und wird jetzt begraben, und dann soll auf dem Marktplatz ein neuer Prediger gefunden werden.“ – „Und wie findet man einen Prediger?“ fragte Rufus lächelnd. „Das weiß ich nicht,“ sagte das Kind, „ich bin noch zu klein.“ Die Gefährten stiegen ab und gingen auch zum Dorfplatz; Klaus führte dabei das Pferd am Zügel. Am Rande einer recht großen Menschenansammlung blieben sie stehen und schauten zu.

Ein würdig aussehender Mann, der auf einem Podest in der Mitte des Platzes stand, verkündigte gerade, dass jetzt, da die Trauerfeierlichkeit fürs Erste beendet sei, der Beauftragte seiner herzoglichen Durchlaucht, Hofrat von Zirkumflex, das Wort ergreifen werde. Dann machte er Platz, und ein zerknittertes Männlein bestieg die Empore und begann: „Meine lieben Einwohner von...“ hier unterbrach er sich, blätterte in einem Heftchen und fing wieder an: „Treue Untertanen des Herzogs von Langenrestland! Einen guten Prediger haben wir zu Grabe getragen, einen würdigen Prediger. Er hinterlässt ein schmerzliches Loch, welches zu stopfen nicht leicht sein wird. Dennoch erfordert es das staatsmännische Kalkül und der politische Weitblick, dass dieser Posten umgehendst aufs Neue besetzt wird; denn, nicht wahr, was wäre gewissermaßen die Welt ohne den Mond, was wäre unser Herzogtum ohne den Erzpropst, und was wäre dieses Dorf ohne einen Prediger? So lasset uns denn nach den geltenden Bestimmungen und nach altem Brauch hier und jetzt ermitteln, wer unter euch, den an Ort und Stelle Anwesenden, für dieses würdevolle Amt geeignet ist. Sei es Mann oder Weib, Einheimischer oder Fremder – Prediger wird, wer auf der Stelle eine einzige Aufgabe löst, und zwar die folgende:“ – das Männlein bückte sich und hielt ein Bündel dürrer Schilfhalme hoch – „Er muss ein sprödes Rohr vollständig beugen, ohne es dabei zu zerbrechen!“ Ein Murmeln ging durch die Menge. Nach einiger Zeit kam ein junger Mann zögernd auf das Podest, ergriff eines der Schilfrohre und bog vorsichtig. Doch schon bald knackte es vernehmlich, und das Rohr war zerbrochen. Der Hofrat wiederholte: „Wer Prediger werden will, muss ein sprödes Rohr vollständig beugen, ohne es dabei zu zerbrechen.“ Verschiedene andere versuchten sich, doch immer brach der trockene Halm rasch. Bald musste weiteres Schilf besorgt werden – der Hofrast achtete aber darauf, dass alle Schilfrohre ganz bleich und trocken waren.
„Lasst uns gehen“, sagte Inge zu den anderen Gefährten am Rand der Menschenmenge, „hier hat man für Geschichten und Lieder anscheinend nichts übrig.“ – „Nein, wartet!“ sagte Rufus. „Ich möchte doch gar zu gern wissen, ob es jemand schafft. Wer hier Prediger wird, legt sich in ein gemachtes Bett.“ Die anderen schauten Rufus erstaunt an. „Im Gebirge habe ich furchtbar gefroren!“ murmelte er, dann schaute er wieder zum Podium hin.

Dort lag inzwischen ein Haufen zerbrochener Schilfhalme. – „Langenrestland“ sagte Rufus vorsichtig vor sich hin, „Lalalalangenrestland!“ Der Hofrat auf dem Podium wiederholte zum achtundzwanzigsten Mal die Aufgabe: „Wer Prediger werden will, muss ein sprödes Rohr vollständig beugen, ohne es dabei zu zerbrechen.“ Rufus runzelte die Stirn und wiederholte leise: „Vollständig – beugen; vollständig...“ und auf einmal schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, sagte: „Hurra, Grammatik!“ und begann, sich durch die Menge hindurch zum Podium zu drängen. Die anderen vier betrachteten ihre Fußspitzen; keiner versuchte Rufus zurückzuhalten. Er war bald an der Empore angekommen, sprang gleich hinauf, nahm einen Schilfhalm in die Hand und sagte laut und deutlich:
“Ein sprödes Rohr, eines spröden Rohres, einem spröden Rohre, ein sprödes Rohr, durch ein sprödes Rohr!“

Alle Anwesenden schwiegen gespannt, aber der Hofrat sprach: „Bravo, junger Mann, dieses war die zutreffende Lösung der Aufgabe. Ortsvorstand, dies hier ist der neue Prediger von... äh... von diesem Dorf; zeigen Sie ihm sein Domizil und weisen Sie ihn ein. Junger Mann, wie heißen Sie und woher kommen Sie?“ – „Ich heiße Rufus und komme“ sagte Rufus „aus Hausen in Großkapodrannenstein.“ Am Rande des Dorfplatzes sagte Inge leise zu Erika, Pharaoh und Klaus: „Er hat nicht einmal gestottert!“ Die Gefährten schwiegen betreten; schließlich murmelte Klaus, der den Zügel immer noch in der Hand hielt, den Spruch:
„Ebenholz, Hagestolz,
Rosenrot, Freier tot,
Kikriki, Pechmarie,
Seilchen, zieh’s Gäulchen;
Lass dem Köpfchen keine Ruh,
dreh’s dem Lande Ostern zu!“

Das Pferdchen schnaubte und zeigte mit dem Kopf nach Norden. Die vier Menschen setzten sich auf seinen Rücken und ritten fort.. Während der folgenden Tage sprachen sie wieder mehr miteinander, aber Rufus wurde nicht erwähnt. – Nach einer Woche kamen sie wieder einmal an einen Fluss. Nachdem sie ihn mit einem selbstgebauten Floß überquert hatten, erklärte Erika plötzlich, sie sei sich mit Pharaoh einig geworden, und sie wollten gemeinsam ein neues Leben beginnen, indem sie sich am Ufer dieses Flusses hier niederlassen wollten; Pharaoh könnte wieder eine Fähre betreiben, und dazu werde man vielleicht ein Gasthaus oder eine Herberge unterhalten können.
“Und das Land Ostern?“ fragte Inge scharf. „Das Land Ostern“, sagte Pharaoh, „ist überall und nirgends. Wir wollen nicht länger suchen.“ – „Er meint“, sagte Erika, „dass vielleicht jeder auf seine eigene Weise...“ aber dann verstummte sie, weil Klaus sie sehr grimmig anblickte. „Ich habe schon verstanden!“ sagte er. „Komm, Inge!“ Inge saß auf, etwas zögernd. Erika und Pharaoh blieben am Ufer des Flusses zurück.

Die beiden Geschwister ritten mehrere Stunden hindurch durch eine grüne Wiesenlandschaft. Klaus hatte für die Gräser, die Blumen und die Wolken nicht einen einzigen Blick übrig; er brütete den ganzen Tag finster vor sich hin. Gegen Abend sahen sie eine kleine Stadt vor sich liegen; sie machten in Sichtweite Halt und richteten ein Nachtlager her. Als beide etwas gegessen hatten und am wärmenden Feuer saßen, fing Klaus an zu reden:
„Inge, die anderen haben uns verlassen. Wir sind jetzt nur noch zu zweit, und das Pferdchen. Wie sollen wir da noch das Land Ostern finden? Es hätte gelingen können, wenn wir alle beisammen geblieben wären, aber nun ist es unmöglich geworden. Wir müssen jetzt zusehen, wie wir überhaupt am Leben bleiben. Ich glaube, es gibt nur den einen Ausweg, wenn er auch hart ist: Wir müssen das Gäulchen verkaufen, und von dem Geld, das wir dafür bekommen, können wir uns vielleicht ein kleines Häuschen anschaffen.“ – „Um das Land Ostern ist es mir Leid,“ sagte Inge, „aber ich glaube auch nicht, dass wir beide es jetzt noch allein erreichen können. Eins aber verstehe ich nicht: Wieso nimmst du an, dass wir für dieses struppige Pferdchen so viel Geld bekommen werden, dass wir uns dafür ein Häuschen kaufen können? Dass das Gäulchen die Richtung weisen kann zum Lande Ostern, das dürfte seinen Wert für die Käufer kaum erhöhen.“ – „Das nicht,“ antwortete Klaus, „aber du vergisst, dass dieses Tier fünf Menschen auf einmal getragen hat, ohne auch nur ein bisschen zu wanken. Wir werden es anpreisen als ein Wunderpferd, das jede noch so schwere Last tragen kann.“

Am nächsten Tag boten Inge und Klaus auf dem Marktplatz der Stadt das Gäulchen zum Kauf an. Manchmal fragten Bauern nach dem Preis, aber als sie hörten, dass das Tier tausend Taler kosten sollte, schüttelten sie die Köpfe und gingen weiter. Doch dann kam ein dicker Mann mit einem roten Gesicht; der fragte auch nach dem Preis. Als er aber die Summe gehört hatte, fragte er weiter: „Und warum soll jemand für diesen Gaul, der unter Brüdern vielleicht seine zweihundert Taler wert ist, so viel Geld bezahlen?“ – „Weil“ sagte Inge, „dieses Pferd kein gewöhnliches Pferd ist. Es trägt jede Last, die ihm aufgepackt wird. Fünf Leute hat es durchs Gebirge getragen, ohne müde zu werden. Wir zwei waren selbst dabei, und die anderen waren schwerer als wir.“ – „Wenn das wahr ist,“ sagte der dicke Mann, „dann ist dieses Pferdchen vielleicht wirklich tausend Taler wert. Aber: hic Rhoda, hic saltus, wie mein alter Schulmeister immer sagte. Ihr habt doch gewiss nichts dagegen, wenn ich mich zunächst von der Leistungsfähigkeit dieses Tieres überzeuge?“ Er schnippte mit den Fingern, und sogleich stand ein bleicher Mann neben ihm und sagte: „Ja bitte, Herr Krapp?“ – „Mal drei Sandsäcke, gefüllt!“ sagte der dicke Mann. Der andere verschwand, und bald kamen mit Ächzen und Schnaufen sechs starke Kerle daher. Immer zwei von ihnen trugen je einen schweren Sandsack.

Herr Krapp gab ein paar knappe Anweisungen. Die ersten zwei Träger riefen: „Eins, zwei, hupp!“ und ließen ihren Sandsack auf den Rücken des Gäulchens plumpsen. Das Pferd zitterte ein wenig. „Eins, zwei, hupp!“; der zweite Sandsack. Das Gäulchen schwankte; Inge kniff Klaus erschrocken in den Arm. „Eins, zwei, hupp!“ Der dritte Sandsack knallte auf die beiden anderen, und das Pferd brach augenblicklich zusammen. „Dacht’ ich’s doch!“ sagte Herr Krapp und entfernte sich. Inge und Klaus stürzten zu dem Tier hin. Es lag reglos unter den schweren Säcken. „Tot!“ flüsterte Inge.

Ein Abdecker gab ihnen drei Taler für den Pferdekadaver, dafür kauften sich die Geschwister einen alten Mantelsack. Sie sind weitergezogen, aber da sie kein Ziel mehr hatten, war ihnen die Richtung gleichgültig. Inge erzählt Geschichten für Geld, und Klaus tritt manchmal auf Jahrmärkten als Messerwerfer auf. Ihr Glück suchen sie gar nicht mehr, und das Land Ostern haben sie fast vergessen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.