Vor vielen Jahren hatten die Menschen im Lande nichts mehr zu essen, denn neue Maschinen nahmen ihnen die Arbeit weg.
Es war nämlich so- viele Menschen webten Tücher zu Hause auf ihren Webstühlen, aus denen die Kleider für Fürsten und Reiche gemacht wurden. Mit dieser Arbeit verdienten sie sich ihr Brot. Es hatte aber jemand eine Maschine erfunden, mit der viel mehr Tücher in viel kürzerer Zeit gemacht werden konnten. So wurde den Menschen die Arbeit und das Brot weggenommen.
Es gab aber Menschen, die sahen dies und sagten unter sich: „Es kann nicht sein, dass unsere Nachbarn verhungern und wir haben so viel zu Essen, dass wir die Reste an die Schweine verfüttern. Also sammelten sie Brot und Gemüse, auf dass es nicht verderbe, und gaben es den Menschen, die nichts zu essen im Hause hatten.
Zu jener Zeit lebte ein armer Weber mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, einem Mädchen und einem Jungen. Die Maschinen hatten ihm zwar die Arbeit genommen, doch durch die Gaben der guten Nachbarn hatte er immer ein Stück Brot auf dem Tisch und für die Kleinen auch den einen oder anderen Becher Milch. Doch seine Frau konnte es nicht ertragen, dass sie nicht von eigener Hände Kraft leben konnten. So wurde sie krank und übers Jahr verstarb sie.
Um seinen Kindern wieder eine Mutter zu geben, nahm sich der Weber eine neue Frau, die ihre Tochter mit ins Haus brachte. Diese aber war eine garstige Hexe und fortan bekam ihre eigene Tochter, was auf den Tisch kam und die beiden Kleinen mussten die Krümel essen, die herab fielen. Der Weber aber in der Trauer um seine erste Frau bemerkte dies nicht.
Nach einiger Zeit reichten der Hexe die guten Gaben nicht mehr aus und sie schielte nach dem, was anderen Armen gegeben wurde. In ihrem Neid sah sie ihr Brot immer kleiner und das der anderen immer größer werden, obwohl sie doch alle gleich waren. Und so ging sie zu den guten Nachbarn und sagte: „Schaut doch zu den anderen, wie sie prassen und bei uns essen die Kinder die Krümel, die vom Tisch fallen.“ Dabei zeigte sie auf die beiden Kleinen, ihre eigene Tochter aber zeigte sie nicht.
Die guten Nachbarn gaben ihr mehr zu essen, doch bald reichte der neidischen Hexe auch das nicht mehr und sie zeigte wieder auf die Kleinen und sagte: „Seht ihr nicht, wie sie immer dünner werden und die anderen nur die besten Sachen bekommen?“ Und wieder versteckte sie ihre eigene Tochter.
Noch ein drittes Mal trieb sie dieses Spiel. Doch inzwischen war den guten Nachbarn ein Licht aufgegangen, denn sie sahen überall die Menschen hungern. Also sagten sie: „Du zeigst uns immer nur die Kinder deines Mannes, aber wo ist denn deine eigene Tochter?“ Die aber konnte die Hexe nicht mehr zeigen, denn sie passte vor lauter Verfressenheit nicht mehr durch die Tür.
Da sagten die guten Nachbarn: „Zur Strafe geben wir dir so lange nichts mehr zu essen, bis deine Tochter durch ein Mauseloch passt. Die Kleinen aber und ihren Vater, den Weber, nehmen wir zu uns und geben ihnen das gleiche wie allen anderen auch.“
So mussten die neidische Hexe und ihre Tochter verhungern, denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelör als eine dicke Hexe durch ein Mauseloch. Die Kinder aber und ihr Vater, der Weber, lebten in Zukunft wie alle anderen auch – zwar nicht in Reichtum, aber immer mit einem Stück Brot auf dem Tisch und dem einen oder anderen Becher Milch für die Kleinen.
So seht ihr, wie der Neid den Menschen das Leben schwer machen will und schließlich doch nur sich selbst auffrisst. Mein Märchen aber ist jetzt zu Ende und wer sich selbst darin sieht, der mag sich kräftig die Augen reiben.