Hans und Gerda
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Hans und Gerda

Hans (Spitzname Hänsel, weil er wegen seines Handicaps oft gehänselt wurde) lebte mit seinem Vater am Waldrand. Als Sohn eines Försters hatte Hans ein besonderes Verhältnis zur Natur. Er war mit Flora und Fauna praktisch per DU. Doch wie alles im Leben hatte auch diese Harmonie einen kleinen Schönheitsfehler. Hans hatte Schwierigkeiten mit der Orientierung! Selbst in der kleinen Stadt in der er wohnte, konnte es vorkommen, dass sich Hans verlief.
Doch Hans wusste sich zu helfen. Mit einem wasserfesten Stift zeichnete er kleine Pfeile auf die Straßenschilder, damit er in die richtige Richtung lief, falls er mal wieder orientierungslos durch die Stadt irrte.
Doch was machte Hans, wenn er mal wieder in den Wald wollte?
Er packte sich die Taschen voller Kieselsteine und markierte so den Weg. Dadurch fand Hans immer wieder nach Hause, wenn er alleine durch den Wald streifte, um Abenteuer zu suchen.

Auf der anderen Seite des Waldes war eine Familie aus der Großstadt zugezogen. Sie hatten eine Tochter namens Gerda (Spitzname Gretel, weil sie wegen ihres Handicaps oft gegretelt wurde).
Gerda hatte das Problem, bei Vollmond spazieren zu gehen. Und so kam es, dass sich Gerda in einer Vollmondnacht im Wald verirrte und Hans die frühen Morgenstunden nutzen wollte, Rehe bei Sonnenaufgang zu beobachten. Gleichzeitig machte sich ein Niederländischer Holzhändler daran, die Sturmschäden aus dem Wald zu beseitigen.
Gerda erwachte am Rande der Lichtung, an der kurz darauf auch Hans ankam. Sie war froh, dass ein Einheimischer ihren Weg kreuzte, von dem sie annahm, dass er sie wohl sicher Heim bringen würde. Hans erzählte ihr von seinem Handicap, machte aber den Vorschlag, sie mit zu nehmen und vom Forsthaus ihre Eltern anzurufen. Gerda war einverstanden.
In diesem Augenblick kamen die ersten Rehe auf die Lichtung. Gerda war begeistert, so was hatte sie noch nie gesehen. Aber die Ruhe dauerte nicht lange, da sich die ersten Fahrzeuge des Niederländers näherten. Die Tiere des Waldes verschwanden und auch Hans trat mit Gerda den Heimweg an. Doch plötzlich waren die Kieselsteine auf dem Weg verschwunden. Es war der Niederländer, der mit seinen Fahrzeugen die Markierungen unkenntlich gemacht hatte.
Orientierungslos irrten die beiden Teenys im Wald umher. Dazu kamen noch Hunger, Durst und lästige Mücken. Erst nach Stunden ein erster Lichtblick:
Es roch nach gegrilltem Fleisch. Euphorisch liefen sie der Rettung entgegen. Doch was sie vorfanden war eine „Nichtsesshafte“, die im Wald ihr Domizil errichtet hatte.
Die nette alte Dame lächelte ihnen zu. „Kommt ruhig näher! Besuch ist selten in dieser Gegend. Setzt euch, ihr müsst Hunger und Durst haben.“
Die beiden waren froh über die Gastfreundschaft der etwas seltsamen Dame. Sie erzählten von ihrem Missgeschick und baten um Hilfe.
„Selbstverständlich helfe ich euch, aber – mein Rücken schmerzt so sehr, dass ich mich kaum noch rühren kann! Würdet ihr mir auch einen Gefallen tun?“
Hans und Gerda waren einverstanden.
Kochen, Waschen, Aufräumen und Donnerbalken putzen. Die Wünsche der alten Dame waren reichlich und zeitaufwändig. Erst als es schon wieder dämmerte, waren Hans und Gerda fertig.
„Setzt euch! Ihr ward fleißig und habt euch eine Stärkung verdient.“
Aber die beiden Teenys wollten lieber nach Hause. Doch die alte Dame winkte ab. Es sei ein weiter Weg und es wurde ja schon dunkel. „Im Dunkeln ist es zu gefährlich im Wald herum zu laufen. Man verirrt sich leicht! Ihr könnt gerne bleiben, ich mag euch…“
Hans und Gerda wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten. Sie beschlossen sich schlafen zu legen, schließlich war es ein anstrengender Tag. Eng aneinander gekuschelt flüsterten sie noch eine Weile. Gerda war sich ziemlich sicher, dass diese Hexe sie nie und nimmer nach Hause bringen würde. Hans stimmte ihr zu. Sie beschlossen, gleich morgen bei Sonnenaufgang zu flüchten.

Die ersten Sonnenstrahlen kamen nur spärlich zwischen den Bäumen durch. Hans, der die ganze Nacht kaum geschlafen hatte, weckte Gerda leise. „Die Alte hat die ganze Nacht geschnarcht! Ich habe Kopfschmerzen davon bekommen.“
Vorsichtig verließen sie das Domizil der alten Dame. Doch irgendwas machte Hans stutzig. Irgendwas war ungewöhnlich. Leise ging er noch einmal zurück und schaute vorsichtig ins Zelt. Hans sah sofort - die alte Frau war tot. „Vermutlich hat sie sich in der Nacht zu Tode geschnarcht.“
„Und nun?“ wollte Gerda wissen.
„Wir werden die Polizei informieren müssen. Doch zuerst sollten wir sehen, dass wir aus den Wald kommen. Aber was noch wichtiger ist, wir müssen diese Stelle hier wieder finden!“ Hans begann nach Dingen zu suchen, mit denen er den Weg markieren konnte. Denn nur so konnte er die Polizei zu der Toten führen.
Bei seiner Suche fand er auch ein kleines Kästchen, in dem fast 600 Euro lagen. Hans und Gerda beschlossen, das Geld als Lohn und Entschädigung für den gestrigen Tag zu behalten. Dann machten sie sich auf den Heimweg. Nach einer halben Stunde wurden die beiden Teenys von dem Niederländischen Holzhändler entdeckt und nach Hause gebracht. Von dort aus informierten sie die Polizei, die nach intensiven Untersuchungen den Herztod der alten Dame feststellten.
Und was war nun mit den fast 600 Euros?
Hans und Gerda kauften sich je ein Navigationsgerät. Damit fanden sie immer wieder zueinander und anschließend auch zurück nach Hause.


Und wenn sie nicht gestorben sind dann Leben sie noch heute.