Die Blütenkrone
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Die Blütenkrone

Einer zu bescheidenen Kollegin will ich unter die Arme greifen, indem ich hier eine kleine Märchenreihe festhalten
möchte, die sie für ihr Hilfsprojekt "Märchen zaubern Brot für Kinder" geschrieben hat. Sie ist Rektorin i.R., schreibt seit 1978 und sammelt durch Lesungen Spenden für Kinderhilfsprojekte. Mein Bemühen ist, auf sie und ihr Engagement durch die Internetmöglichkeit aufmerksam zu machen. Sie ist damit einverstanden. T.B.Z. 1.02.07


Tief unter Russlands grossem Himmel lebte einst ein kleines Mädchen, das war von Geburt an gelähmt Es hieß Nadjeschda, Das bedeutet "Hoffnung" und erschien ihr wie Hohn. Denn sie hatte keine Hoffnung, jemals gehen zu können, jemals einen Wald von innen zu sehen oder gar das Gebirge, das sie an schönen Tagen am Horizont erahnen konnte.
An warmen Sommertagen trug Nadjas Vater sein Töchterchen morgens vor die Hütte, bevor er zu seiner Arbeit auf den Feldern des Gutsherrn fortging.
Dort saß sie dann und träumte in die Wolken hinauf, die über den weiten Himmel glitten wie riesige, fliegende Schiffe. Wie gerne wäre sie mit ihnen fortgeflogen, fort aus der Gefangenschaft ihrer Lähmung.
Im Winter war alles noch viel schlimmer. Denn konnte sie nur ein bisschen Himmel sehen, wenn der Vater ihren Stuhl an das winzige Fenster der Hütte rückte. Dennoch schaute sie unentwegt hinauf in das eisige Blau der stillen Tage oder in das Flockengestöber, wenn die Schneekristalle aus dem Grau herauswuchsen und vor ihren sehnsüchtigen Blicken immer größer wurden, oder wenn der Sturm den Schnee am Fenster vorbeijagte und sein wildes Lied dazu sang. Nachts im Bett lauschte sie dem Brausen, und ihre Sehnsucht wurde zu Tränen
Als Nadjeschdas Vater starb, wurde ihr Leben noch schwieriger. Sie konnte sich ja nicht selbst versorgen, und wenn ihr nicht eine Nachbarin geholfen hätte, wäre sie verhungert. Sie versuchte, durch die Hütte zu krabbeln, und anfangs war es, als schleppe sie ihre lahmen Beine wie Gewichte hinter sich her. Aber sie übte unentwegt weiter und lernte, sich auf einen Stuhl zu setzen und auch, sich am Herd hochzuziehen und zu kochen.Schließlich gelang es ihr sogar,in den kleinen Garten hinterm Haus zu kriechen, Kartoffeln und anderes Gemüse zu pflanzen und zu ernten.
Am meisten litt Nadjeschda unter ihrer Einsamkeit. Nie sprach jemand mit ihr. Außer dem Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Blätter und des Windes, dem Klingen von Regentropfen und ihrem eigenen Weinen hörte sie keinen Laut.
Längst war sie erwachsen, aber sie konnte nicht auf eine Heirat hoffen. Wenn der Winterwind ums Haus stürmte, schluchzte sie wie einst als Kind.
Eines nachts aber geschah es, dass aus dem Gesang des Sturmes ein anderer Klang wuchs, zuerst ganz fern und leise, dann stärker: das Läuten feiner Glöckchen. Nadja wusste nicht, was das sein konnte, denn sie hatte nie das Glöckchen eines Schlittengespannes gehört.
Sie kroch zur Tür und öffnete sie einen Spalt weit. Da stand draussen im Wirbel des Schneesturms ein weißes Tier, wie sie noch nie eins gesehen hatte: mit vier hohen Beinen und langer silberner Mähne, die im Sturm wehte.
Das Tier wieherte leise, und Nadja konnte verstehen, was es ihr sagen wollte: "Steig ein in meinen Schlitten, kleine Nadjeschda!"
Erst jetzt entdeckte Nadja, dass hinter dem großen Tier ein weißer Schlitten auf sie wartete, ein wunderschöner Schlitten aus lauter glänzendem Eis, mit dicken, weißen Pelzen darin.
"Wie soll ich einsteigen, weißes Tier?" fragte sie. "Ich bin doch gelähmt."
"Du wirst es können, wenn du es nur richtig willst. Du hast es ja auch bis zur Tür geschafft."
Nadjeschda spürte, wie in ihr eine neue Kraft wuchs. "Ja," dachte sie, "ich will und ich werde es schaffen." Und wirklich gelang es ihr, sich hinauf in den Schlitten zu ziehen.
Kaum saß sie in den Pelzen, da warf das weiße Tier seine Mähne hoch und jagte mit dem Schlitten davon, so schnell,dass die Flocken an Nadja vorbeiflogen wie Geister, und die Kufen auf dem Schnee sangen. Hell klangen die Glöckchen, und Nadja schrie auf vor Freude an der rasenden Fahrt.Nie hatte sie gedacht, dass es etwas so Schönes geben könne.Endlos erschien ihr die herrliche Fahrt durch Schnee und Sturm, hinein in den großen Wald, den sie bisher nur von weitem gesehen hatte, unter den schneebeladenen Ästen hindurch, weiter, weiter, dem fernen Gebirge entgegen, das ihr immer größer entgegenwuchs und hinein in eine Schlucht zwischen steil aufragenden Felswänden.
Riesige Eiszapfen hingen wie ein Vorhang vor dem steilsten Abbruch, einer weit überhängenen Felswand.
Gerade dort blieb der Schlitten stehen. Das weiße Tier wendete den Kopf: "Steig aus, Nadjeschda, und geh in die Höhle der Hoffnung, in deine Höhle."
Tatsächlich erblickte Nadja direkt hinter den langen Eiszapfen einen Felsspalt. Sie wusste: sie würde es schaffen, in die Höhle zu gelangen, deren Namen sie trug. Mühsam kriechend erreichte sie wirklich den niedrigen Eingang und schob sich hinein.
Drinnen öffnete sich der enge Gang zu einem weiten Gewölbe. Gefrorene Wasserfälle bedeckten die Felswände. Gewaltige Zapfen aus schwarzem Wintereis hingen von der Höhlendecke herab, geheimnisvoll schimmernd in einem unwirklichen Leuchten.
Im Innersten des Raumes war das Leuchten am Stärksten, und von dort erklangen sanfte Töne, die Nadja als das Schönste erschienen, das sie je gehört hatte, schöner als Vogelgesang oder das Klingen von Wassertropfen, ein Tönen wie aus unwirklicher Ferne, aus dem sich Worte formten: "Nimm die Blütenkrone, kleines Mädchen, und tanze für mich!"
Tanzen? Nadja wusste nicht, was das war. Ratlos sah sie sich um. Als sie in die Höhe schaute, um den Ursprung der Stimme zu finden, entdeckte sie hoch über sich einen großen Blütenkranz mit bunten Bändern daran. Er schwebte unter der Höhlendecke in einem weichen Wiegen, und seine wehenden Bänder schwangen auf und ab. Dieser Kranz war es, von dem das geheimnisvolle Leuchten ausging.
Nadja starrte atemlos zu dem Kranz hinauf. Da bemerkte sie etwas Seltsames. Es war, als ströme aus dem Leuchten dort oben eine warme Kraft in ihren Körper, in ihre toten Beine. Die fingen an, zu prickeln und zu beben, und Nadja spürte eine Kraft, die sie nie geahnt hatte, die Kraft, auf ihren Beinen zu stehen. Ganz langsam, ungläubig noch, schob sie ihren Körper über ihre Füße und dann in die Höhe - und stand.
Glücklich streckte sie die Arme in die Höhe, dem Blütenkranz entgegen. Der senkte sich herab zu ihr und wurde immer kleiner, bis er nicht mehr größer war als ihr Kopf. Sie setzte sich ihn ins Haar. Da wurde das Klingen in der Höhle zu Musik, und plötzlichspürte Nadja, dass ihre Beine sich zu dieser Musik bewegen wollten. Ungläubig versuchte sie zu gehen, unsicher zuerst, dann aber wurde ihr Gehen gleitend, wurde Tanz. Sie hob ihr glückliches Gesicht, sie hob die Arme, die Hände zu einer weiten Bewegung, und ihre Füße vergaßen die Lähmung.
Später hätte sie nicht sagen können, wie lange ihr Tanz gedauert hatte und wann der Schlitten sie heimbrachte in die Hütte ihres Vaters.
Am nächsten Morgen lag sie wieder auf ihrem Lager, mit lahmen Beinen, und dachte, alles sei ein Traum gewesen. Aber auf ihrer Bettdecke thronte wie ein Wunder der Kranz aus bunten Blüten und Bändern.
Nadja ahnte,dass sie ihr Geheimnis vor allen Menschen verbergen musste. Das tat sie. Aber wenn sie allein war, holte sie ihre Blütenkrone aus dem Versteck und setzte sie sich aufs Haar - und schon schnaubte und wieherte ihr Zauberpferd vor der Tür. Die Glöckchen klangen, und sie konnte aufstehen und gehen, zur Eishöhle ins Gebirge fliegen und dort tanzen, so lange sie wollte.
Denn sie brauchte keine gesunden Beine mehr, um zu tanzen. Ihr Tanz war ein Leben lang in ihr, war Musik und Glück, war wie fliegende Wolken am weiten Himmel.
Als sie schließlich eine alte Frau war mit weißem Haar und alle andere Frauen ihres Alters tatterig geworden waren, da tanzte Nadjeschda noch immer. Und wenn jemand sie fragte, warum sie so jung aussehe, dann lächelte sie: "Das kommt nur von meinem Tanz. Der Tanz der Hoffung endet nie."
Dann guckten die Leute sie verwundert an und dachten: "Die Arme, nun ist sie auch noch verrückt geworden." - Denn sie wußten ja nichts von der Höhle und der Blütenkrone und Nadjas heimlichem Tanz.
Als aber Nadjeschda gestorben war, fanden ihe Verwandten in ihrem Schrank einen Kranz aus bunten, frischen Blüten, die aussahen und dufteten, als seien sie soeben erst gepflückt worden. Staunend sahen sie ihnan und hängten ihn dann sorgsam an die Wand unter das Bild der Heiligen Mutter. Und seltsam: immer am Abend strahlte aus der Blütenkrone ein geheimnisvolles Leuchten...

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