Der Schatz des goldenen Bären
Dies ist das zweite Märchen aus Inge Dreyers Projekt: MÄRCHEN ZAUBERN BROT FÜR KINDER
Unter dem weiten Himmel Sibiriens lag ein See, groß und tief wie das Meer. Die Menschen nannten ihn den Zaubersee und erzählten Märchen und Geschichten von seinen Geheimnissen.
Berge umgaben den See, bedeckt von dunklen Wäldern, in denen Wölfe und Bären hausten.
Am Ufer des großen Sees stand eine Fischerhütte, darin wohnte eine alte Frau mit ihrer kleinen Enkelin. Die Mutter der Kleinen war bei ihrer Geburt gestorben, ihr Vater war beim Fischen während eines Sturmes ertrunken. Nun lebten Großmutter und Enkelin von den Früchten des kleinen Gartens an der Hütte und von der Milch, die ihnen ihre Ziege gab,
und im Sommer ging die kleine Anuschka in den Wald und sammelte Kräuter, Beeren und Pilze.
Im Winter aber, wenn Schnee die Wälder und den See einhüllte, saßen sie am Holzfeuer, das im Kamin flackerte, und die Großmutter erzählte von den Geheimnissen des Sees.
Eins der Märchen wollte Anuschka immer wieder hören. "Bitte, erzähl von dem verzauberten Schatz", bat sie," und sing mir das Lied dazu."
Dann sang die Großmutter mit zittriger Stimme:
"Es ruht ein Schatz im Zaubersee,
tief unter Wintereis und Schnee,
tief unter wildem Brandungsschlag,
sanftem Wind am sonnigen Tag,
Wolkenschweben und Vogeltanz,
Mondesleuchten und Sternenglanz.
Der Schatz liegt gefangen im tiefen See.
Er singt von Trauer, Leid und Weh.
Nur der Liebe Zaubertanz
kann ihn erlösen zu neuem Glanz."
"Nun erzähl mir das Märchen", bat Anuschka. Die Großmutter erzählte es geduldig immer von neuem, während die Flammen im Kamin wehten:
"Es lebte einmal ein kleiner Prinz. Er war der älteste Sohn des Zaren und sollte das riesige russische Reich erben, sobald er erwachsen war. Da schlichen Attentäter ins Schloss und ermordeten die Herrscherfamilie. Nur der kleine Prinz entkam ihnen.
Er wanderte fort, weit fort in den weiten Osten seines Landes, und eingenäht in seine Gewänder trug er die kostbarsten Juwelen aus dem Schatz der Zaren.
Schließlich gelangte der Prinz in die Wälder am großen Zaubersee und begegnete im Wald einer Bärin. Die hatte ihr Junges verloren. Ein Jäger hatte es erschossen. Die Bärin nahm den kleinen Menschenjungen als ihr Kind an und zog ihn auf. Da wurde der Zarewitsch verwandelt in einen kleinen goldfarbigen Bären.
Die Juwelen aber, die der junge Kronprinz am Körper getragen hatte, brachte die Bärenmutter zum großen Zaubersee und bat den größten und ältesten aller Fische, die in den Tiefen des Sees lebten: `Bitte, nimm den Schatz hinunter auf den Grund des Sees und bewahre ihn auf, bis mein kleiner Sohn ihn von dir verlangt.´
Der Fisch versprach es und tauchte ab mit dem funkelnden Schatz im riesigen Maul."
"Und was geschah mit dem goldenen Bären"" fragte Anuschka. Doch die Großmutter schüttelte nur den Kopf: "Das wissen nur die Vögel, die hoch über dem See tanzen, und der alte Fisch auf dem Grunde des Wassers. Man erzählt sich zwar, der Prinz sei noch immer verzaubert und hoffe auf die Liebe eines Mädchens, das ihn erlösen kann. Aber sicher weiß das niemand. Vielleicht ist er schon längst gestorben, oder er wurde erlöst und regiert als Zar irgendwo weit hinterm großen Gebirge."
Jahre vergingen.Anuschka wurde ein hübsches junges Mädchen. Sie lernte, mit dem Boot ihres Vaters umzugehen und fuhr oft hinaus auf den See, um Fische zu fangen. So hatten die beiden Frauen mehr zu essen als früher, und es ging ihnen gut.
Das Märchen hatte Anuschka schon fast vergessen, da geschah ihr eines Tages etwas Seltsames: Als sie weit draußen war auf der blitzenden Weite des Sees, bewegte sich die Oberfläche des Wassers plötzlich ganz anders als sonst. Wellenkreise liefen auseinander. Dann hob sich aus der Tiefe ein riesiger, runder Fischkopf.
Anuschka erschrak so sehr, dass sie kaum atmen konnte. Doch der Fisch brummte freundlich: "Hab keine Angst.Ich will dir nur etwas bringen."
Er klappte sein gewaltiges Maul weit auf. Da entdeckte das Mädchen, dass auf seiner Unterlippe ein Ring glänzte.
Sie nahm allen Mut zusammen, beugte sich aus dem Boot und nahm den Ring aus dem Fischmaul. Der Fisch klappte sein Maul wieder zu und war schon wieder verschwunden, so schnell, dass das Wasser schwappte und das Boot in den Wellen fast gekentert wäre.
Anuschka betrachtete den Ring. Er war aus glänzendem Gold und trug einen blitzenden Edelstein.
Sie war verwirrt und konnte sich das alles nicht erklären. Um den Ring nicht zu verlieren, wollte sie ihn auf ihren Finger stecken; da war es, als schlüpfe der Ring von selbst auf ihren Finger, ganz so, als habe er genau dorthin gewollt.
Anuschka ruderte das Boot heim zum Ufer und zeigte der Großmutter den Ring. Die alte Frau wiegte den Kopf und murmelte: "Der Ring kann nur aus dem verzauberten Schatz stammen. Gib ihn mir, damit ich ihn genau ansehen kann."
Aber als das Mädchen versuchte, den Ring vom Finger zu ziehen, erwies sich das als unmöglich. Der blitzende Ring saß auf ihrem Finger wie festgewachsen.
Bald darauf starb die Großmutter, und Anuschka lebte nun ganz allein.
Oft, wenn sie einsam durch den Wald ging, um Pilze und Beeren zu sammeln, hielt sie Ausschau nach einer Bärenspur. Denn sie war überzeugt, der Ring sei ein Zeichen, das ihr der goldene Bär gesendet hatte. Aber nie fand sie auch nur die geringste Spur.
Wieder vergingen Jahre. Anuschka lernte einen jungen Fischer kennen, heiratete ihn und gebar Kinder. Wenn die Kleinen um sie herum saßen, baten sie: "Mutter, bitte, sing uns das Lied vom verzauberten Schatz." Und Anuschka sang wie einst ihre Großmutter; wie sie erzählte sie das alte Märchen, immer und immer wieder.
Nie aber verriet sie, woher sie den blitzenden Ring an ihrem Finger hatte. Selbst Mischa, ihrem Mann, hatte sie nur gesagt: "Der Ring ist mein Geheimnis. Ich habe ihn von keinem Mann bekommen und auch von keinem anderen Menschen. Er kommt aus der Tiefe der Märchen."
Viele Jahre einer glücklichen Ehe waren vergangen. Da kam Mischa an einem stürmischen Wintertag vom Fischen nicht nach Haus, undAnuschka weinte um ihn.
Der Frühling kam, der Sommer und der Herbst vergingen, neuer Schnee fiel auf Anuschkas Trauer.
Eines Tages, mitten im Winter, genau ein Jahr nach Mischas Verschwinden, fegte der Schneesturm ums Haus. Das Feuer flackerte im Kamin.
Wieder einmal baten Anuschkas Kinder: "Mutter, bitte, sing uns das alte Lied." Und Anuschka sang leise:
"Es ruht ein Schatz im Zaubersee,
tief unter Wintereis und Schnee..."
Da bekam sie Antwort. Draußen vor der Tür brummte eine Stimme, die ihr seltsam bekannt vorkam:
"Er singt von Trauer, Leid und Weh."
Anuschka begann zu zittern, aber nicht aus Angst. `Diese Stimme...´, dachte sie. `Ich kenne sie. Aber - das kann doch nicht sein...´
"Bitte, öffnet die Tür", bat sie die Kinder. Die gingen zur Tür und öffneten sie. Da tappte ein riesiger Bär herein mit goldleuchtendem Fell.
Die Kinder erschraken und weinten vor Angst. Anuschka aber erhob sich wie im Traum. Sie streckte dem goldenen Bären die Hände entgegen: "Sei willkommen, goldener Bär. Ich habe mein ganzes Leben auf dich gewartet."
"Das weiß ich", brummte der Bär. "Du hast ja auch ein Leben lang meinen Ring getragen."
Anuschka sah hinunter auf ihre Hand, die noch immer den blitzenden Ring trug, und als der Edelstein im Widerschein des Kaminfeuers aufblitzte, wusste Anuschka plötzlich, woher sie die Stimme des Bären kannte. "Du - du bist - Mischa?"
"Ja!" antwortete der Bär. "Und ich danke dir für deine Liebe. Sie hat mich für dreimal sieben Jahre aus meiner Bärengestalt erlöst, und ich durfte mit dir als Mensch leben. Dann musste ich wieder ein Bär werden."
Anuschka umarmte ihren Bären. Dann fragte sie: "Gibt es nicht irgendeinen Weg, dich für immer zu erlösen?"
"Denk an das Lied vom Zauberschatz", brummte der Bär, und Anuschka flüsterte das Ende des Liedes, das sie ein Leben lang begleitet hatte:
"Nur der Liebe Zaubertanz
kann ihn erlösen zu neuem Glanz."
Da wußte sie, wie sie Mischa erlösen konnte. Zitternd tat sie etwas, das sie noch nie in ihrem langen Leben getan hatte: Sie tanzte.
Es war ein unbeholfener Tanz, dieser erste Tanz ihres Lebens. Aber da er aus der Mitte ihrer Liebe kam, hatte er mehr Zauberkraft als alle Tänze junger Mädchen und Männer.
Die Kinder blickten staunend auf Anuschkas Tanz. Sie selbst aber sah nichts mehr. Sie war ganz gefangen in sich selbst und in diesem Tanz ihrer Liebe.
Als sie wieder aufschaute, stand vor ihr Mischa.
"Dann warst du also der Prinz, der Zarewitsch", flüsterte Anuschka, und Mischa nickte, fasste ihre Hand und führte sie hinunter zum See.
"Alter weiser Fisch", rief er. "Ich bin gekommen, um meinen Schatz zu holen."
Da rauschte das Wasser auf. Ein riesiger Fisch erschien und hielt in seinem Maul die schimmernden Juwelen. Der Prinz nahm sie entgegen, dankte dem Fisch und führte seine Frau in sein schönstes Schloß.
Dort feierten sie nochmals ihre Hochzeit, diesmal mit allem Glanz des Zarenhofes.
Es vergingen Jahre des Glücks. Anuschka bekam Enkel, und wieder wurde sie von Kindern gebeten: "Großmutter, bitte sing uns das Lied vom Zaubersee." Und Anuschka sang mit zittriger Greisenstimme:
"Es ruhte ein Schatz im Zaubersee,
tief unter Wintereis und Schnee,
tief unter wildem Brandungsschlag,
sanftem Wind an sonnigem Tag,
Wolkenschweben und Vogeltanz,
Mondesleuchten und Sternenglanz.
Der Schatz lag gefangen im tiefen See.
Er sang von Sehnsucht, Leid und Weh.
Doch der Liebe Zaubertanz
hat ihn erlöst zu neuem Glanz."
"Schön..." flüsterten die Kinder, und die alte Zarin nickte.
www.inge-dreyer.de