Waldhof
Waldhof beschreibt den Wohnort der Familie des königlichen Jägers und die nähere Umgebung.
Alle Mitglieder der Familie werden ihre Abenteuer bestehen, ein etwas dümmlicher König spielt auch eine Rolle. Erzählt werden diese Märchen von Susi. Du kennst sie noch nicht? Na, das ist kein Wunder, denn Susi wohnt mit Erwin, ihrem Mann schon viele Jahre lang, eigentlich viel länger, als Mäuse überhaupt leben könne, in der alten Scheune. Ganz oben, da wo die Balken sich kreuzen. In jeder Nacht fällt ihr eine neue Geschichte ein.
So das Märchen von der Siebenkindermutter, von Emilie im Zauberwald, Lars, Anton - das ist der Ziegenbock in der Familie-, Nanu und Achso - die Zwillinge, Krötenangst und Karlchen und die roten Schatten- Damen.
WALDHOF
Im tiefen Wald, am Rande einer großen Wiese steht ein Häuschen. Am Rand der Wiese neben dem Häuschen wiederum fließt ein Bach, dessen klare Wasser lustig über Steine und alte Äste, alles von
einer kristallklaren Eisschicht umschlossen, plätschern.
Das Häuschen ist ein Holzhaus.
Die Stämme sind sehr dick, so dass auch ein heftiger Sturm das Haus nicht umwerfen könnte. Diese Stämme müssen von uralten Fichten stammen, denn sehr schnell wächst so ein Baum nicht. Da
braucht es mindestens hundert Jahre. Es sei denn, da zaubert jemand. Aber die Bäume verraten nicht, ob sie verzaubert wurden. Was die dicken Stämme wohl in ihrem hundertjährigen Leben schon
gesehen haben? Standen da zwei stolze, aber einander feindliche Ritter auf der Wiese? Die stritten, um sich gar mit den langen Schwertern zu bekämpfen? Ist der Sieger anschließend auf seinem Schlachtross davon geritten, während der unterlegene Ritter sich, aus zahlreichen Wunden blutend, mit großer Mühe zum Bach schleppte, um vom kühlen, klaren Wasser zu trinken und sich vom Kampf zu erholen? Oder hat er sich vielleicht sogar im nahe gelegenem Busch verkrochen, um zu sterben? Seine Knochen sind längst zerfallen, nur die Ritterrüstung hat noch eine ganze Weile vor sich hin gerostet, dann war auch sie zu Staub zerfallen.
Sein Pferd wird erst noch eine Weile auf ihn gewartet haben, um sich anschließend in den Wald zurück zu ziehen und in der Wildnis und ohne Menschen weiter zu leben.
Oder haben die Bäume beobachten können, wie ein Hasenjunge und ein Hasenmädchen sich zum ersten Mal trafen und miteinander den Sternenhimmel beobachteten? Vielleicht haben sie sogar das leise
Hasengemurmel verstanden, mit dem der Hasenjunge dem Hasenmädchen versicherte, dass er sie ein ganzes Leben lang lieben würde? Dann haben sich die beiden Häschen eng aneinander gekuschelt und viel später noch diese Wiese als Familie mit drei Jungen und drei Mädchen aufgesucht. Hat dann der Hasenvater seinen Kindern erzählt:
„Hier haben wir uns das erste Mal getroffen und ich habe eurer Mutter einen Heiratsantrag gemacht.“, wobei er stolz seine Hasenfrau umarmt? Die lächelt ihrem Gatten freundlich zu und die
Kinder? Andächtig schauen die sechs jungen Hasen auf die Wiese, und denken wohl bei sich:
„Aha, hier also haben sie sich miteinander das erste Mal´verabredet.“
Keiner weiß es genau, denn die Holzstämme können nicht erzählen, sie halten nur die Wände und das Dach des Holzhauses fest zusammen. Und das schon viele Jahre. Fast schon mehr als ein
halbes Hundert von Jahren.
Das Holzhaus ist braun gefärbt. Die Sonne, der Regen, Schnee und Wind haben daran schon sehr lange
gearbeitet. In jedem Jahr haben sie das Holz Schicht für Schicht getrocknet, befeuchtet und wieder getrocknet, wobei der Regen und der Schnee im Winter für das Befeuchten zuständig waren. Wind und
Sonne sorgen für die Trockenheit. So wurde das Haus dunkler und dunkler. Auch die Holzschindeln, oben auf dem Dach, haben diese Farbe der Holzbalken. Logisch! Sie bekommen ja Regen, Schnee und die Sonne als erste zu spüren. Oben auf dem Dach ist auch ein Schornstein zu sehen, aus dem
dicke Rauchschwaden in die Luft aufsteigen.
Aha! Es ist also jemand im Haus. Offenbar leben da Menschen, die gerade den Tag beginnen, indem
sie den Kamin heizen. Das ist im Winter immer die erste Aufgabe des Tages, denn die Nacht kühlt die Wohnung aus. Und wer will schon im Winter frieren, wenn rund um das Haus und auch daneben große Mengen an Feuerholz (vermutlich schon im Sommer) aufgestapelt wurden. Wie kleinere Holzhäuschen stehen eins, zwei, drei (und dahinter noch eine), also vier Holzmieten, zwischen dem Wohnhaus und dem Stall auf dem Hof.
Der Stall steht an der Seite des Hofes. Auch er ist vollkommen aus Holz. Allerdings ohne Schornstein. Einen Ofen oder einen Kamin gibt dort es nicht. Die Hühner, der stolzen Hahn, vier Ziegen und einem Ziegenbock kommen ohne aus. Vier Abteilungen gibt es, die durch
etwa einen und einen halben Meter hohe Wände aus dünnen Balken Boxen für Ziegen, Hühner und eine bunte Kuh bieten. Der Ziegenbock ist leicht zu erkennen, denn er hat zwei große geschwungene Hörner auf dem Kopf, während die Ziegenmädchen eher kleine Hörnchen haben. Der Ziegenbock droht gerade dem braunen Hund, der laut bellend einen Scheinangriff auf den Ziegenbock startet, um kurz vor ihm auszuweichen und im weiten Bogen wieder zurück zu kehren. Sein fröhliche Gebell schallt weithin und auch das Gemecker vom Ziegenbock klingt eher fröhlich, als kampfwütig. Ganz offensichtlich spielen die beiden miteinander.
Sie kennen sich gut. Und an jedem Morgen beginnen sie den Tag mit einem fröhlichen Spiel.
Rund um den Hof steht ein Zaun. Nein, kein Maschendrahtzaun! Der Zaun ist natürlich auch aus Holz. Schließlich steht das Gehöft im Wald und das Baumaterial wächst ringsherum. Und sogar ein
königlicher Jäger hat nur wenig Geld für das Bauen. Vor allem, wenn in seiner Familie noch eine Menge Kinder sind, also viele Münder, die essen wollen. Die einzelnen Zaunpfosten tragen dieser
Tage eine Pudelmütze. Es hat ausreichend geschneit. Und zwar so ausgiebig, dass auch Haus, Stall und Holzmieten mit einer dichten Schnee- Pudelmütze bedeckt werden konnten. Die Luft ist im Winter
sehr kalt, das sieht man beim Ausatmen, da raucht es aus dem Mund, obwohl man gar keine Zigarette raucht. Sogar die Tiere rauchen, nur die Hühner und der Hahn nicht. Jedenfalls kann ich
es nicht erkennen. Und der Hahn kräht lieber ein lautes „Kickerickie!“ in die Frostluft. Seine Hühner scharren derweil den Schnee am Rande des Misthaufens beiseite. Bis auf den Hund kommen die Tiere vom Hof seltener in das Haus, da wo die Menschenfamilie wohnt. Hinter der Eingangstür, auch die besteht natürlich aus dicken Holzstämmen, befindet sich ein großer Raum.
Der ist Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer zugleich. Nein, da steht kein Fernseher oder ein Computer. In der Mitte steht ein großer, runder Tisch. Seine dicke Platte trägt jeden Tag Krüge,
Holzteller, Holzbretter, Löffel, Gabel und Messer, den Suppentopf aus gebranntem Ton und die Fleischplatte. Mal ist der Tisch Babywickelplatte, Schultisch, Spieltisch (Mensch- ärgere- dich -
nicht gibt es schon lange), Arbeitsplatte und dann wieder Essensplatz. Rundum den Tisch stehen Stühle und zwei Hocker, ebenfalls aus Holz. Da können mindestens zehn Leute gleichzeitig essen. Aber es sind meistens nur neun. Sieben Kinder und die Eltern. Geheizt wird der Raum mit dem erwähnten Kamin. Das ist eine breite Feuerstelle an der linken Seite des Raumes. Ein Herd aus
Feldsteinen und Lehm ist er auch. Da kocht die Mutter der Familie das Essen für alle und es brennt im Winter stets ein Feuer, das je nach dem wie kalt es ist und wer von den Kindern mit dem
Heizen dran ist, mal größer und mal kleiner in den breiten Abzug lodert. Oft ziehen wundersame Gerüche in den Raum. Wenn die Mutter das Essen zubereitet oder wenn ein besonders kienigharziges
Holzstück brennt und sozusagen einen Sommergruß im Winter riechen lässt.
Der Kamin erfüllt aber auch noch andere Aufgaben.
Wenn es am Abend draußen und drinnen dunkler wird, weil die Sonne vom Mond abgelöst wird. Und das weiß man ja, dass der Mond nicht so hell leuchten kann wie die Sonne. Dann erleuchtet auch die
Flamme vom Kamin den Raum im Haus. Für die Kleinen, die ihre Bettchen auf der dem Kamin gegenüberliegende Seite haben, ist es gut, dass die Flamme nicht gänzlich bis zu ihnen hin leuchtet. Sie schlafen ruhiger, begleitet von sanften, flimmernd, fröhlichen Träumen. Die zuckende Kaminflamme zaubert flatternde Schmetterlinge dazu. Bund sind sie und haben Flügel, die sind
hauchdünn. Einige von ihnen haben farbige Streifen, andere Figuren auf den Flügeln, die mal wie Augen scheinen und mal wieder wie bunte Tupfer auf hellem Grund.
Sie sind der Sommer, von dem alle gerne träumen.
Während die Kleinen schon sanft schlummern, sind die Großen noch wach. Zusätzlich zum Licht des Kaminfeuers schummern kleine Öllampen mit gelblich rußender Flamme Licht zu denen, die nun
noch am großen runden Tisch sitzen.
Die Mutter stopft noch ein langes Loch in der Hose von Karlchen zu. Das hat er sich heute auf der Rodelbahn geholt, als er ohne Schlitten rodelte. Das ging ganz prima, wie er es schon am
Nachmittag seiner Mutter erzählte. Die lachte und sagte: „Zieh sie aus, die kann ich noch heute Abend flicken.“ Karlchen sieht ihr am Abend dabei zu. Weil die Hose repariert wird, hat er sich ein dickes Fell um die Beine gewickelt. Den Hirsch hatte der Vater im vergangenen Jahr geschossen und in der königlichen Küche abgeliefert. Der dicke Koch gab ihm später das Fell mit den Worten: „Das ganze Schloss hängt voller Pelze, nimm mal das Fell für deine Familie mit, hier braucht es keiner wirklich.“ Seitdem dient es manches Mal als zusätzliche Schlafdecke, falls mal einer friert oder als Ersatzbekleidung, wie bei Karlchen.
Auch der Vater sitzt heute Abend mit am runden Tisch. Er unterhält sich mit der Mutter. Da geht es um solche Sachen wie Einkaufen, was noch fehlt, wer am nächsten Morgen welche Aufgabe
erledigen muss. „Die Kinder haben Ferien, die können ruhig etwas helfen.“, endet
des Vater Rede und die Mutter nickt ihm zu. „Eigentlich helfen sie mir schon eine ganze Menge. Die Tiere füttern sie, sie bringen die Eier herein und holen mir die Holzscheite für das Feuer hier drinnen. Auch Wasser vom Bach bringen sie. Da bin ich schon recht zufrieden.“ „Wirst es schon richten, Frau!“ und „Kommt, es ist Zeit zu schlafen.“, erwidert er. Während die großen Kinder nun in ihre Bettkästen huschen, die unterhalb der Kojen der Kleinen stehen, löscht der Jäger die
Ölfunzeln über dem großen Tisch. Das Kaminfeuer züngelt nur noch wenig und leise.
Einige Scheite hat der Vater für die Nacht noch aufgelegt und sanfte Dunkelheit verhüllt fast, dass die Mutter inzwischen noch ein paar Sachen der Kinder auf einem Hocker geordnet, sich selbst
ein langes Nachthemd angezogen hat und bereits im breiten Bett liegt und nur noch darauf wartet, dass der Jäger ebenfalls schlafen kommt.
„Gute Nacht Kinder“, flüstert die Mutter den großen Kindern noch zu und die entgegnen
„Gute Nacht, Mutter.“, dann ist nur noch das leise Atmen der Kinder zu hören.
Erfahrungsgemäß ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie eingeschlafen sind.
Der Vater aber ist noch einmal vor die Haustür gegangen, schaut im Stall nach dem rechten, macht eine schnelle Hofrunde - der Fuchs ist schon wieder unterwegs und frisst für sein Leben gerne
Huhn – ist es ihm noch durch den Kopf gegangen, dann kehrt er in das Haus zurück. Fest verschließt er die Haustür und hängt das Hirschfell von innen an, damit die Nachtkälte nicht zu sehr in
den Raum eindringen kann. Dann zieht auch er sich aus und legt sich in das breite Bett, in
dem seine Frau schon wartet. Es gibt noch einen liebevollen Kuss und ein freundliches „Schlaf schön“ und „gute Träume“, dann schlafen sie ein.
Noch immer flackert das Feuer im Kamin mit kleiner Flamme.
Kaum ein Lichtschein reicht in den Raum, nur der Herdrand wird ein wenig beleuchtet.
Immer leiser klingt das Schnaufen und Seufzen der schlafenden Familie.
Die Nacht beginnt.