Magister Anselm
Es war einmal zu der Zeit, als fleißiges Lernen und tüchtiges Arbeiten noch geholfen hat. Damals lebte in Hohenkamme, der kleinen Universitätsstadt des Bergischen Waldes ein Studiosus der Mathematik und der Philosophie.
Wir wollen ihn den Anselm nennen, um seine Nachfahren nicht mit unserer Geschichte mißmutig zu machen, da sie heute noch seinen wirklichen, guten Namen tragen.
Nun ist „Anselm“ ein ebenso guter Name, wie der Blick ins Buch des Wissens weist. Der Name setzt sich aus dem Germanischen
Ans = „germanische Gottheit“ (siehe Ase)
und dem Althochdeutschen Helm = „Schutz“
zusammen, und bedeutet etwa „unter dem Schutz der Götter stehend“, aber eben keinesfalls jener des studiosus mathematicae, dessen Idendität wir seiner Kinder und Kindeskinder willen verborgen halten wollen.
Unser Anselm zeigte sich selten über Tags in der Stadt Hohenkamme, an deren Alma Mater er seit nunmehr 7 Jahren eingeschrieben war. Er hatte die Gesellschaft seiner Kommilitonen aufgegeben, deren Gutteil freilich diese schon Monate und Jahre vor dieser Zeit verlassen hatte.
Nach dem Auszug Hanspeters, der mit seinem endlich frischerworbenem Diplome eine Anstellung in den ballistischen Werkstätten des Kurfürsten antrat, war unser Anselm Letztverbliebener. In die Zirkel der Jungimmatrikulierten mochte er so recht nicht passen, seiner nunmehr schon zwei Dutzend vollendeter Lebensjahre und nicht zuletzt auch seiner eigenbrötlerischen Art wegen.
Hoch über dem Bergischen Wald verfügte er über eine Kammer, über deren Qualitäten als Studierzimmer wir Hervorragendes wissen. Vor den Herbstwinden verbargen hölzerne Läden das doppelseitige Fenster, welches über Wald und Fluß und Berg hinaus den Blick bis zum Horizont schweifen ließ, an klaren Tagen fast bis ins Böhmische hinein.
Nicht nur, dass es neben der Turmkammer des im vergangenen Jahrhundert säkularisierten Klosterkonvents keine Nachbarn gab, die ihn mit ihren Trinkgelagen und liederlichem Lebenswandel aus den Gedanken reißen konnten. Auch erhöhten ein Vorzimmer und ein mächtiger Alkoven den Komfort weit über das studentisch Übliche hinaus.
Doch von Komfort konnte nur mittelbar die Rede sein, wo doch jeder Zentimeter des Dielenbodens fein säuberlich vollgestapelt war mit Broschüren, Quartheften, Fachbüchern, Lexika und den absonderlichsten Folianten aus aller Herren Länder, soweit sie sich mit den Wissenschaften befassen mochten. Zwischen den Büchertürmen führten ellenbreite Gänge zum eichenen Schreibtisch, zum Waschtisch und zur Bettstatt, in der Anselm sich den Schlafplatz auch schon seit einigen Monaten mit günstig erworbenen Jahrgängen der „Mitteilungen der kurfürstlich-bergwaldischen mathematischen Gesellschaft“ teilen musste.
Der eichene Schreibtisch war nun nichts weniger als ein Prunk- und Paradestück, welches in die Bibliothek eines Fürsten gehört hätte. Aus rohen, mit grobem Schmirgel geglätteten Brettern gefügt, die ihren Dienst schon in einer ägyptischen Rudergaleere versehen haben mochten, war er Werkbank und Trutzburg der Geistesarbeit. Eine mit Brot, Speck und Äpfeln gefüllte Lade sorgte dafür, daß unser Anselm diesen Ort innerer Einkehr für ein einfaches Mahl nicht zu verlassen brauchte, eine eingelassene Schiefertafel, ein gewaltiger Abakus mit je 19 Reihen schwarzen und weißer Holzperlen, eine Batterie Schreibfedern nebst zweier Tintenfässer, Löschrolle, ungeschnittenes Papier ... für jede Utensilie des Rechnens und Schreibens war Raum. Eingekerbt in die Tischplatte auch ein einfaches Modell des Nachthimmels, unterteilt in ein Raster, welches 9 Sterne einschloss. All diese Herrlichkeiten natürlich über-säht mit Notizzetteln, ausgelaufener Tinte und abgebrannten Kerzenstummeln.
Doch den größten Schatz barg wohl der linke untere Schub, der extra mit einem Schloß gesichert war und seinen Inhalt neugierigen Augen nicht preisgab.
Wir verlassen nun mit unserer Geschichte vorerst diesen gewöhnlichen Aufenthaltsort unseres Anselm für einige Züge frischester Luft, die die Lungen nach solchem Bade in Bücherstaub wohl herbeiwünschen werden.
Hohenkamme war eine Stadt milder Winde, die auch im Herbst und bei beginnender Winterkälte jede Grimmigkeit vermissen ließen. Eher spielerisch wehten sie die Laubhaufen durcheinander und zauberten mit deren Rotgelbgrün und den letzten Sonnenstrahlen des frühen Abends Lichtspiele auf die zwei- und dreistöckigen Bürgerhäuser der Konvents- und der Schloßallee. Mit untergehender Sonne bliesen diese etwas stärker und schlugen auch da und dort die Laubdecke der Gehwege vollends zurück, die eine oder andere ver-gessene Gerätschaft freilegend, die wohl im Trubel des letzten Markttages abhanden gekommen gewesen war.
Mit dem letzten Atem vor Nacht und Ruhe setzte der Wind auch eines dieser Wesen frei, die dazumalen noch selten und vor allem recht unauffällig waren.
Heute würde keiner unserer Leser dieses graue, halbdurchsichtige, kaum handgroße nackte Wesen als einen sehr kleinen Vertreter der mächtigen Art der Fehler, die entfernt von den Axolotln abstammen sollen, erkennen. Zu sehr haben sich diese seit damals, als unser Anselm der wohl erste war, der einem der Ihren zu Öffentlichkeit verhalf, in ihrer äußeren Gestalt verwandelt.
Man bräuchte jetzt nur aus dem Fenster zu schauen, um gleich mehrere ihrer Art, von gewaltigem Ausmaß und in jeder erdenklichen Pracht gewandet, zählen zu können.
Nichts mehr ist da zu spüren von der Scheue, die das ängstliche Leben unseres kleinen Fehlers, der schon auf Grund seiner Hilfsbedürftigkeit und Zurückhaltung unserer Sympathie sicher gewesen wäre, auf dessen Gestus warf.
Nun, tempora mutandur und zurück zu unserem kleinen, nunmehr aufgedeckten und frierenden Wesen.
Seine Suche nach einem Winterquartier war schon mehrmals unvermutet gescheitert, zuletzt an den Stacheln eines Igels, der mehr Wert auf Ungestörtheit als auf Gastfreundschaft legen zu müssen meinte.
Missmutig musterte der kleine Fehler die wirbelnden Laubhaufen der Konventallee und huschte nach ausgiebigem Niesen suchend bergauf. Doch von lauschigen, unverwehten Ecken war nichts mehr zu sehen. Die Fassaden der Bürgerhäuser waren verschlossen und abweisend. Kein Winkel auch nur, in dem der kleine Fehler Schutz gefunden hätte!
Zerzaust und hab erkältet landete er schließlich auf den Keller-rosten des Gebäudes Konventallee 1968. Wie der geneigte Leser richtig vermutet, verbirgt sich hinter dieser Adresse die Studentenherberge „Zum Fuchskonvent“, die neben der vortrefflichen Küche des Studentenkellers auch die beschriebene Turmkammer und unseren Anselm beheimatete. Anläßlich der Tag- und Nachtgleiche bereitete die Küche die erste „Große Glühweinkneipe“ vor, der heiße Küchenbrodem entwich durch die Kellerfenster und Kellerroste.
Der Aufwind war stark genug, den kleinen Fehler mit sich zu reißen. Da half ihm keine Jammern, er verlor den Boden unter den Füßen und wirbelte hinauf bis unter das Turmfenster. Dort hatte der Wind die Regenrinne wohl mit trockenem Laub gefüllt. Dahinein zog sich der kleine Fehler nach überstandenem Schreck zurück und hoffte nun endlich auf Schlaf. Dieser war ihm auch vergönnt – zumindest für die Stunden bis Mitternacht.
Kurz nach ihm erreichte unser Anselm das Portal der Herberge, mit stiller Missbilligung die Zurichtungen zur „Großen Glühweinkneipe“ ignorierend. Er würde heute sein Fenster geschlossen halten müssen.
Treppauf, durch die Halle und die Bibliothek gings in den Turm. Anselm zog den Schlüssel aus einer Mauerspalte und sperrte die Tür auf.
Endlich daheim! Er warf den Mantel auf den Stapel mit „Brock-burgs Converstionslexicon“ und nahm Platz auf dem Schreibtisch-schemel, die Einkäufe – Ziegenkäse, Gerstenbrot und einen Krug Holundersaft in der Lade verstauend. Gerade griff er zum Messer, um das erhoffte Mahl zu teilen, als sein Blick auf die linke untere Schublade fiel. Da wurden ihm die Hände schlaff und sein Oberkörper fiel in sich zusammen. Jeder Appetit war ihm auf einmal vergangen, er schob die Lade zu und konnte dabei doch den Blick nicht abwenden. Auch nicht, als er in zunehmender Dunkelheit einen Kerzenstumpf entzündete und gleich darauf noch eine neue, große Lichtkerze. Der Messingbeschlag des Schubladenschlosses spiegelte verschwommen das Kerzenlicht.
Ein Warten, bei dem unserem Anselm die Unterlippe aufs Kinn zu gleiten schien und sein Mund immer weiter aufging bis er die Kühle der ungeheizten Turmkammer seine Zähne traf.
Ein Warten, bis Anselm mit einem Ächzen in seine Westentasche griff und den gefundenen Schlüssel im Schloß drehte und es schließlich öffnete.
Weiß schimmerte ein Block besten Büttens im flackernden Licht. Mit einem satten „Plopp“ nahm das Papierbündel seinen Platz auf der Schreibunterlage ein und offenbarte den Grund für Anselms Apathie.
Seite um Seite lesend und umlegend ergriff Anselm wieder die Freude an der Tiefe und Logik seiner Gedankengänge. Eine wahrhaft gewichtige Magisterarbeit war da in den vergangenen 7 Jahren entstanden, die nicht einmal unter der typischen Trockenheit wissenschaftlicher Abhandlungen litt. Anselm hatte seine Freude am Thema auch in eingängigen Formulierungen münden lassen, da und dort einen kleinen Scherz für Eingeweihte eingebaut und viel Sorge dafür getragen, daß der Lesende seinen Beifall aus vollem Herzen spenden würde.
Doch je größer die Freude am Wiedergenießen des vertrauten Textes gedieh, desto mehr wuchs auch die zehrende Verzweiflung in Anselms Augen.
Seine Magisterarbeit zum Thema „Mathematische Methoden der neueren Philosophie“ war perfekt.
Anselm hatte im Geheimen aus seiner Himmelskarte und dem Abakus ein Modell der Welt erstellt, dass ihm gestattete, zumindest zu erahnen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gestützt auf den Geist dieses intuitiven Erkennen war sein Werk gewachsen, auf 19 Kapitel mit 361 Unterpunkten.
Oder eben doch nicht auf alle 19 Kapitel. Modular erarbeitet war Kapitel um Kapitel verfertigt und abgeschlossen worden, nur von Kapitel 13, dem Herzstück des Werkes und seiner eigentlichen Probe aufs Exempel, stand bisher nur die Überschrift auf dem Papier. „Isolierung des impliziten Asymmetriequants in der weißen Schwarzweißfeldmatrix“.
Auf diesem Asymmetriequant baute Anselms komplette mathematische Theorie der Philosophie auf.
Anselm wußte genau, wie dieses beschaffen war. Vor sieben Jahren, als Anselm vor Studienbeginn als Auszeichnung eine Reise zum Großen Jahresspiel nach Waldzell erhalten hatte, war dieses Quant während einer abendlichen Diskussion Magister Josefs mit Abiturienten wie eine Erscheinung in ihm aufgetaucht. Seitdem träumte er jede Nacht davon und sah es nunmehr deutlich, deutlicher als es mit Augen wäre, vor sich. Nur konnte er es nicht in Worte fassen. Das Asymmetriequant entzog sich jeder wörtlichen oder formelhaften Beschreibung, als würde es nur über oder zumindest jenseits aller Worte existieren.
Morgen war Ultimo, der endgültig letztmögliche Tag des öffentlichen Vortrags der Magisterarbeit unseres Anselm. Schon mehrfach zu Gunsten einer erneuten Konkretisierung verschoben, war morgen seine letzte Chance, Ruhm oder Schande zu erlangen.
Hic rhodus hic salta, er würde sich seinem Schicksal nicht entziehen können. Magistrat und Senatoren, der Kanzler des kurfürstlichen Rechnungshofes, Honoratioren aller Wissenschaften waren unwiderruflich eingeladen und zum großen Teile auch schon angereist. Noch mehr als diese waren allerdings die spottsüchtigen Erstinskribenten der Alma Mater Hohenkammea zu fürchten. Deren Gelächter hatte schon manchen aus dem Amt, wenn nicht gar in den Selbstmord getrieben.
Wohl an denn, nun mußte es werden. Blütenweißes Bütten, feierliche, blutrote Tinte, Eintauchen in die Asymmetrie ...
Nie sah Anselm die Welt klarer. Die weiße Schwarzfeldgleichung entfaltete sich vor seinen Augen, danach die schwarze Weißfeldgleichung ebenso. Sein Blick glitt die unendlichen Reihen der Quanten entlang, isolierte das Asymmetriequant und auch dieses entfaltetete sich vor seinen Augen. Es bot ihm wiederum sein Asymmetriequant zur Entfaltung dar. Weiter und weiter trieb Anselm seinen Blick in die Unendlichkeit des Mikrokosmos.
Schließlich schossen ihm Tränen der Erleichterung und des Glücks aus den Augen. Er schluchzte, die Unendlichkeiten hatten sich in sich geschlossen, das Quant war digital isoliert, 42 war die Antwort auf die letzte Frage. Ein großer Tropfen perlte von Anselms Stirn und Nase, noch einer und noch einer.
Die 42 verschwamm. Kapitel 13 war nur noch ein kleiner scharlachroter See mit langsam verwirbelnden Tintenadern.
Was war das? Das Quant entzog sich. Wieder! Wieder! Die Turmuhr von St. Egidien schlug Mitternacht.
Glück und Enttäuschung, wie sie Anselm schon die vorigen 99 Nächte erlebt hatte. Nur war das Glück noch etwas größer und die Enttäuschung noch etwas abrupter geworden. Eine seltsame Leere machte sich in ihm breit. Er würde morgen seinen Magistervortrag halten und konnte wohl mit tosendem Beifall rechnen. Er würde dem Magistrat dann sein Manuskript zur Prüfung überreichen, wozu sicher Tage und Wochen notwendig sein würden. Wenn das Fehlen von Kapitel 13 bemerkt würde, wäre er über alle Berge und bräuchte nie wiederkehren. Adé.
Er spürte Lust auf einen Hauch kalter Nachtluft und öffnete das Fenster mit dem letzten Glockenschlag. Er blickte hinaus bis weit an den Horizont auf eine sternenhelle Wiese, die wohl schon zum Böhmischen gehören würde und wieder zurück, bis auf seine Fen-sterbank – und die Regenrinne davor. Wie spielerisch ergriff er den schlafenden kleinen Fehler.
Ein seltsames Wesen, dachte er. Sympathisch vom Anblick, aber wie es sich wohl anfühlt. Ein bißchen unangenehm. Sehr unangenehm. Von Widerwillen geschüttelt schleuderte Anselm den kleinen Fehler auf die Schreibtischplatte und sah ihn im Licht der Kerze mit ganz anderen Augen.
„Das Quant“ schrie es in ihm, und „Bleib“.
Schlaftrunken taumelte der kleine Fehler über den Schreibtisch und suchte den Schatten der Schreibfedern, um weiterzuschlafen.
„Bleib!!!!“ schrie es in Anselm, und er ergriff seinen schwersten Folianten, einen Riesenband mit den Sternenkarten des Go Sei Gen, und schlug krachend auf den kleinen Fehler ein, immer und immer wieder.
Heute wissen wir, daß diese Behandlung Fehler nicht umbringt, sondern vertieft und sie bei kraftvoller und umsichtiger Handhabung bis zu unendlicher Größe anschwellen lassen kann.
Anselm jedenfalls, als sich seine Raserei legte, stellte fest, daß der kleine Fehler größer geworden war und nun wunderbarerweise Kapitel 13 füllen würde. Daß er da nicht hingehörte, das wusste nur er.
Alle seine Schlußfolgerungen waren richtig, das bewies die Logik, und das Quant, die Grundlage aller Schlussfolgerungen, hatte er in seinen Träumen gesehen – wieder und wieder. Es war real.
Anselm fiel das erste Mal seit sieben Jahren in traumlosen Schlaf. Er hielt seinen bejubelten Vortrag, und als der Magistrat sein Manuskript gebührend geprüft hatte und ihm sein Diplom – nur „cum laude“ angesichts der Länge der Studienzeit – ausgehändigt hatte, wurde Anselm zum Geheimen Minister für Zukunftsfragen in das Kabinett des Kurfürsten erhoben.
Seine Theorie erwies sich immer wieder als richtig, weshalb wir heute noch alle nach seinen Gesetzen leben und bei allen auftretenden Problemen einfach einen noch größeren Fehler als Korrekturglied zur Schwarzweißfeldmatrix hinzufügen.