Peter und der Drache Ledunklu
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Peter und der Drache Ledunklu

aus Lieschens lustige Märchenwelt Teil 1, ISBN 3-86548-635-5

Im Königreich hinter den drei Meeren, sechs Bergen und neun Wäldern lebt der junge Bursche Peter. Schon nach dem ersten Hahnenschrei steht er seit zwei Monaten im Wald und fällt dicke Eichen für das königliche Schloss.
„Wozu braucht König Karl nur so viel Holz? Er baut kein Schiff und wir haben den herrlichsten Sommer“, murmelt er vor sich hin und schlägt mit der Axt kräftig zu.
„Die braucht er für ein unterirdisches Schloss“, ertönt plötzlich eine piepsig heisere Stimme hinter ihm. Peter dreht sich blitzschnell um, erschrickt aber nicht, da er kein Hasenfuß ist. Vor ihm steht ein kleines hutzeliges Männlein mit grünem Hütchen, einem Wanderstab in der Hand und schaut ihn aus lustigen großen grünen Augen an.
„Wer bist du denn? Hab dich hier noch nie gesehen“, sagt Peter verwundert, stellt die Axt beiseite, setzt sich mit dem Rücken gegen eine Eiche ins weiche Moos und macht Pause.
„Ich bin Agratz, Waldtroll und Beschützer der Bäume und Tiere des Waldes“, stellt sich das Männlein vor und nimmt neben Peter Platz. Peter wickelt ein großes Päckchen aus. Das Käsebrot duftet so verführerisch, dass sich die Nase des Trolles wie von selbst dem Brotpäckchen nähert und er unwillkürlich schlucken muss.
„Na, hast wohl auch Hunger?“, schmunzelt Peter, reicht ihm ein großes Stück und nimmt selbst erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. Das Männlein lässt sich nicht lange bitten und hast du nicht gesehen, ist kein Krümelchen mehr übrig. Genüsslich leckt es sich die Finger ab, klopft zufrieden auf sein Bäuchlein und bedankt sich artig.
„Jetzt erzähl mir mal etwas von diesem unterirdischen Schloss“, drängt Peter. „Wozu braucht unser König ein Schloss unter der Erde?“
Das Männlein verzieht das Gesicht, als hätte es Zahnschmerzen.
„Das ist eine verflixte Geschichte. Du musst wissen, im Nachbarreich regiert der schon etwas betagte König Ignatius. Eines Tages besuchte er unseren König und verliebte sich in alle drei Prinzessinnen gleichzeitig.“
Peter beginnnt herzlich zu lachen: „Der alte Gockel ist ja ein rechter Nimmersatt.“
„Du sagst es“, seufzt Agratz sorgenvoll und schaut traurig auf die gefällten Eichen und eine aufgeregte Eichhörnchenmutter. „Schlimm ist, dass ihn keine der drei Prinzessinnen haben wollte. Da hat er Rache geschworen. Jedes Jahr will er sich mit Gewalt eine Königstochter holen.“
„Wie will er das denn anstellen? Unser König wird sich das doch nicht gefallen lassen, oder?“, fragt Peter bestürzt, sein Lachen erstarrt urplötzlich. Das Männlein kneift seine grünen Augen zusammen.
„Kaum einer weiß, dass Ignatius einen Drachen besitzt. Er hat ihn selbst groß gezogen und er ist ihm hörig wie ein Hund. Er soll die Prinzessinnen eine nach der anderen stehlen. Unser König weiß von dem Drachen. Er heißt übrigens Ledunklu. Komischer Name, findest du nicht auch?“
Peter ist verblüfft, er achtet nicht auf die letzten Worte des Trolls.
„Nicht dumm, unser König. In einem unterirdischen Schloss kann der Drache nichts ausrichten. Das wird aber auf die Dauer auch kein schönes Leben für die Prinzessinnen, wo sie doch jede freie Minute in den Gärten herumlaufen und spielen. Ich sehe sie jeden Tag, wenn ich auf dem Weg in den Wald bin.“
Peters Augen werden ganz warm, verträumt lehnt er sich gegen die Eiche und denkt an die jüngste und lieblichste Königstochter.
„Ja und wegen diesem Ignatius musst du so viel Holz schlagen, was mich schrecklich ärgert. Die Vögel und Eichhörnchen jammern mir täglich die Ohren voll, da sie dauernd herumziehen müssen und ihre Nester vernichtet werden. Das kann so nicht weiter gehen. Es muss etwas geschehen, was dem König, dem Wald und den Tieren hilft“, klagt Agratz, stützt sich beim Aufstehen umständlich auf seinen Wanderstab und baut sich vor Peter auf.
„Du musst ins Nachbarreich gehen und den Drachen Ledunklu vernichten. Schließlich bist du klug und stark, ohne Furcht und jung. Vielleicht bekommst du zum Lohn eine der Prinzessinnen und wirst selbst einmal König. Na, wie würde dir das gefallen, he?“
Ein verschmitztes Lächeln umspielt den faltigen Mund des Trolles, dabei kramt er wie zufällig in seiner Hosentasche, die wie weiche Baumrinde wirkt. Heraus zieht er eine Strippe. Aus seiner Blätterjacke holt er ein Messer. Beides hält er Peter hin und sagt: „Ich gebe dir drei Dinge mit auf deinen Weg. Sie werden dir sehr nützlich sein. Das sind die Strippe Bindab oder Bindzu, das Messer Schneidab und mein Wanderstab Hauzu oder Lassab. Je nachdem, was du befiehlst, diese Dinge werden es ausführen. Nur eines darfst du ihnen nicht übel nehmen. Sie quasseln viel, doch so fühlst du dich nie allein.“
Peter nimmt alles entgegen und bevor er noch eine Frage stellen kann, ist der Troll verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
„Na, auf was wartest du eigentlich noch? Oder traust du dich nicht, mit so einem Schoßhündchen von Drachen zu kämpfen? Ich glaube kaum, dass du mit dem Viech viel Ärger haben wirst, auch wenn es ein Drache ist. Der kann vielleicht nicht mal Feuer spucken. Vielleicht qualmt er bloß noch.“
Die Strippe verkringelt sich in alle möglichen Knoten bei ihrer Rederei.
„Halt doch mal die Luft an, du Quasselstrippe. Geht ja gleich los“, grinst Peter.
Schmollend kriecht die Strippe wie eine Raupe am Körper hoch und hängt sich lässig über sein linkes Ohr. Das Messer macht es sich am Gürtel seiner Hose bequem. Der Wanderstab drückt sich fest in die rechte Hand des Burschen und zieht ihn mit einem kräftigen Ruck nach oben.
„Dann wird mir wohl nichts weiter übrig bleiben. Jetzt gleich gehe ich zum König. Wenn ich den Drachen erledigt habe, brauche ich auch nicht unnötig Holz schlagen“, ermuntert er sich selbst, schultert die Axt und singt ein Wanderlied. Die drei Gesellen stimmen ein und Peter hat tatsächlich das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein.

Spät am Nachmittag kommt Peter in Sichtweite des Schlosses. Schon von Weitem sieht er schwarze Fahnen wehen. Ein ungutes Gefühl steigt in ihm hoch und beschleunigt seine Schritte. Die bis über beide Ohren in Rüstungen steckende Schlosswache will ihn nicht einlassen, doch als er sein Anliegen vorträgt, geleiten sie Peter sogar zum König. Karl sitzt zusammengesunken mit schiefer Krone auf seinem Thron und weint zum Stein erweichen. Neben ihm knien zwei Prinzessinnen, die Peter auf seinem Weg in den Wald schon gesehen hat und schluchzen herzzerreißend.
„Wo ist die dritte, die Jüngste?“, jagt es ihm durch den Kopf.
Die Schlosswache knallt die Hacken zusammen, dass es nur so scheppert und meldet den Holzfäller Peter. Die Prinzessinnen bemerken vor lauter Herzeleid vorerst gar nichts. Nur der König hebt traurig den Kopf, schiebt sich die Krone gerade und schimpft: „Peter? Na, du kommst mir gerade recht. Es ist alles deine Schuld. Du hast viel zu wenig Bäume gefällt. Mein unterirdisches Schloss wird so nie fertig werden und der Drache wird bald die nächste Prinzessin holen. Jetzt bist du auch nicht bei der Arbeit. Was willst du eigentlich hier?“
„Ich werde ins Nachbarreich gehen und den Drachen Ledunklu vernichten. Und deine Tochter werde ich dir auch zurück bringen. Das verspreche ich.“
Bei diesen Worten schauen die Prinzessinnen Peter zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich an. König Karl scheint auch versöhnlicher gestimmt, wischt sich die Tränen aus den Augen, nickt zustimmend und meint: „Sicher brauchst du Geld.“
„Braucht er nicht“, ertönt die kindliche Stimme der Strippe, die jetzt als Schleifchen munter an Peters Ohr hin und her baumelt.
„Na, dann gebe ich dir die Schlosswache mit“, bietet der König an.
„Braucht er auch nicht“, kommt es metallen klingend vom Messer an Peters Gürtel.
„So, so. Ja, dann vielleicht ein Gewehr?“
„Er hat doch mich“, brummt der Wanderstab mit ruhiger überzeugender Stimme.
„Nun, Herr König, ihr seht mich bestens für den Kampf gerüstet“, sagt Peter heiter, aber gar nicht so überzeugt wie seine Weggesellen.
„Gut, aber einen Lohn erhält schließlich jeder, der seine Sache gut gemacht hat. Also, wenn es dir gelingt den Drachen zu töten und meine geliebte und jüngste Tochter zurück zu bringen, sollst du sie zur Frau haben und mein Königreich regieren. Meine beiden anderen Töchter sind bereits versprochen. Doch König Ignatius droht uns mit sofortigem Krieg, wenn ich sie verheirate. Ich bin alt und habe einfach nicht mehr die Kraft, mich mit den Geschäften und Widersachern meines Landes zu befassen. Meine beiden Töchter und die Schlosswache sind Zeugen, dass ich mein Wort nicht brechen werde. Und nun geh und komm bald mit meinem Prinzesschen wieder.“
Peter verneigt sich tief vor dem König und seinen Töchtern, dreht auf dem Absatz um und schreitet fest entschlossen aus dem Schloss. Die Schlosswache begleitet ihn bis zum Tor, wobei sie scheppern und klappern wie alte Blecheimer.

„Wo sollen wir nun langgehen? Bestimmt verirren wir uns. Dann müssen wir den ganzen Weg zurück und in die nächste Richtung und das immer so weiter. Na, das kann ja ewig dauern“, plappert die Strippe aufgeregt an der Weggabelung der Landesgrenze.
„Bleibt ganz ruhig. Ich kenne den Weg, halt dich nur an mir fest, Peter“, brummelt der Wanderstab gutmütig und zieht ihn nach Norden.
„Na, ein Glück aber auch, dass wir dich haben. Stellt euch mal vor, wenn keiner den Weg wüsste und wir immer …..“
Die Strippe an Peters Ohr quasselt ohne Unterlass und bindet sich dabei ruhelos in verschiedene Knoten und Schleifchen.
Das Messer macht inzwischen ein Nickerchen und schnarcht leise.

Nach zwei Tagen Fußmarsch kommen sie am Gasthaus „Zum Drachen“ an. Müde und hungrig kehrt Peter ein. Eine seltsam wirkende Wirtin mit großen, an Fächer erinnernde rote Ohren, einem Gesicht wie ein Krokodil, Krallen an den haarigen schuppigen Händen und einem kurzen grünen Schwanz, den sie nicht völlig unter ihrem weiten schwarzen Rock verbergen kann, tritt an den Tisch.
„Womit kann ich dienen, hübscher Bursche“, fragt sie mit krächzender aber freundlicher Stimme.
„Wenn ihr etwas Brot und Wasser für mich übrig hättet, wäre ich sehr dankbar. Geld habe ich leider keines.“
Peter schaut die seltsame Wirtin so mitleidig an, dass sie mit ihren blauen Augen lustig zwinkert und das Gewünschte nebst einer großen Grützwurst schon bald auf dem Tisch stellt.

Nach dem Essen setzt sich die Wirtin zu Peter an den Tisch und fragt nach dem Woher und Wohin des Weges. Peter erzählt ihr von dem Drachen, den er töten muss, um die Prinzessin aus den Händen des alten und bösen Königs Ignatius zu befreien. Die Augen der Wirtin werden immer größer und ihr Mund bleibt vor lauter Erstaunen offen stehen.
„So, und nun muss ich weiter. Vielen Dank für das Mahl“, sagt Peter höflich, steht auf, greift nach seinem treuen Wanderstab und verabschiedet sich. Die Wirtin bekommt einen nachdenklichen, dann sorgenvollen Ausdruck und sagt beim Abschied mit leiser, erstickter Stimme: „Wenn er es ist, tu ihm nicht weh, Peter.“

Nach einem guten Stück Weg kann die Strippe nicht mehr an sich halten.
„Wen hat die komische Wirtin bloß gemeint? Wem sollst du nicht wehtun? Etwa dem ollen Ignatius oder gar dem Drachen? Die spinnt doch wohl! Sollst du vielleicht warten, bis er dich ein bisschen angeknabbert hat und erst dann darfst du ihm eins auf die Mütze hauen?“
„Für das Hauen bin immer noch ich zuständig“, brummelt der Wanderstab belustigt.
„Reg dich ab, Strippe. Wir werden schon noch zeitig genug erfahren, wer unserer Schonung bedarf“, meldet sich das Messer zu Wort. Kurz darauf schnarcht es schon wieder. Peter will nichts mehr hören, singt ein Lied, worauf alle drei gleich mit einstimmen.

Am späten Abend des folgenden Tages stehen sie vor dem Schloss von Ignatius. Es ist alt und verwittert. Kein Garten, nirgends ein Blümchen.
„Nicht einmal ein Vogel schwirrt über dieser Gruft“, flüstert die Strippe ängstlich.
„Am besten, wir warten, bis es ganz dunkel ist und die Wachen schlafen. Dann schleichen wir uns ins Schloss. Bestimmt hält Ignatius die Prinzessin im Keller versteckt und der Drache bewacht sie. Aber der schläft sicher auch. So können wir ihn vielleicht überrumpeln“, schlägt Peter vor. Alle sind einverstanden.

Die Schlossuhr schlägt Mitternacht. Der Mond ist auf Peters Seite und scheint nur sehr dürftig. Unbemerkt schlüpft er an den Wachen vorbei und findet nach kurzem Suchen die Treppe zu den unterirdischen Gewölben.
„Hier stinkt es ja entsetzlich“, flüstert Peter.
„So? Ich rieche nichts“, wispert die Strippe in sein Ohr.
„Kunststück, bist ja auch nur eine Strippe“, kichert das Messer.
„Ruhe! Ihr weckt mit euerm Gequatsche noch jemanden auf“, brummt der Wanderstab grimmig. Wie aus dem Nichts erscheint vor ihnen eine große, leicht geöffnete Eisentür.
„Wir haben Glück“, flüstert Peter und schleicht in das Gewölbe dahinter.
„Was ist denn das?“, wispert die Strippe erschrocken.
Peter kann kaum etwas erkennen. Er nimmt eine Fackel von der Wand und geht ein paar Meter weiter. Plötzlich stutzt er. An der Wand hängen riesige Flügel, ein langer grüner Schwanz, Handschuhe mit langen scharfen Krallen, auf dem Boden stehen ein paar Eimer Wasser und liegen stinkende abgenagte Knochen von Ochsen und Schweinen.
„Das ist ja eine schaurige Schweinerei“, wispert die Strippe und verknotet sich ängstlich.
„Wer schnarcht denn da so penetrant? Schneidab, bist du das? Du weckst noch das ganze Schloss auf“, schimpft die Strippe leise.
„Spinnst du? Ich kann doch jetzt genauso wenig schlafen wie du. Das ist bestimmt Ledunklu. Wie günstig aber auch. Los Peter, überrumpeln wir ihn“, feuert das Messer an. Peter steuert festen Schrittes mit der Fackel in der Hand auf das immer lauter werdende Schnarchen zu. Da liegt er, der Tunichtgut. Aber was ist das? Peter leuchtet dem Drachen ins Gesicht.
„Das ist der böse Drache Ledunklu? Komischer Name übrigens. Den hab ich doch schon irgendwo gesehen“, murmelt er erstaunt. „Die gleichen roten Fächerohren, die kralligen schuppigen und behaarten Hände, der kurze grüne Schwanz und zu kleine Flügel hat er obendrein. Eigenartig!“
Im selben Moment schlägt der Drache die Augen auf.
„Sogar die gleichen großen blauen Augen“, bringt er noch heraus, da braust der Drache auf und Feuerschwaden stieben aus seiner Nase. Peter kann gerade noch zur Seite springen.
„Der qualmt ja doch nicht bloß“, schreit die Strippe entsetzt. Doch bevor der Drache eine zweite Ladung Feuerwalzen loslassen kann, schreit Peter: „Hauzu! Bindzu!“
Der Wanderstab verwandelte sich in einen Prügel und gerbt dem Drachen ordentlich das Leder. Bindab dehnt sich, wickelt sich blitzschnell mit einem ihr selber noch unbekannten Knoten um die krokodilförmige Schnauze von Ledunklu, so dass er nur noch ein bisschen zischt. „Ganz schön heiß hier“, schreit die Strippe kläglich. Peter schnappt sich einen Wassereimer und schüttet ihn dem Drachen ins Gesicht.
„Jetzt qualmt er doch bloß noch“, kichert die Strippe erleichtert.
Der Drache weint plötzlich dicke Kullertränen. Peter bekommt Mitleid mit ihm und befiehlt: „Lassab! Bindab!“
Der Wanderstab befindet sich sofort wieder in seiner rechten Hand. Die Strippe windet sich wie verrückt, kommt aber nicht los.
„Das ist mir noch nie passiert“, keucht sie verbissen.
Der Drache beginnt vor Schmerzen zu wimmern.
„Schneidab!“, befiehlt Peter und schmunzelt über die wilden Verrenkungen der Quasselstrippe. Das Messer lockert die Strippe vorsichtig, um sie nicht zu verletzen. Geschafft zieht sie sich zusammen und hängt sich schnell über Peters Ohr. Der Drache dagegen sitzt wie ein begossener Pudel auf dem Boden und schaut Peter traurig aus seinen großen blauen Augen an.
„Ich weiß, dass du wegen der Prinzessin da bist. Willst sie befreien, stimmt’s? Hab ja gar nichts dagegen. Aber wenn das Ignatius rauskriegt, bin ich geliefert. Er jagt mich bestimmt fort, wenn er erfährt, dass mich jemand ohne mein Kostüm gesehen hat. Keiner würde ihm je mehr glauben, dass ich so schrecklich bin, wie er immer behauptet. Bin ich auch nicht. Aber was soll ich machen. Er füttert mich ja schließlich. Er ist auch der Einzige, den ich noch habe. Meine Mutter kenne ich nicht. Sie war halb Mensch und halb Drache, hab ich Ignatius mal hören sagen, aber wohl nicht böse genug. Tot ist sie auch, hat er gesagt. Und ich bin froh, dass mich überhaupt jemand mag.“
Ganz nebenbei schießt Peter ein Gedanke durch den Kopf: „Hat die komische Wirtin im Gasthaus „Zum Drachen“ etwa ihn gemeint? Dann ist sie möglicherweise ...“
Doch zum langen Überlegen ist keine Zeit und er schlägt Ledunklu vor: „Weißt du was? Du zeigst mir jetzt, wo die Prinzessin ist. Wir holen sie und machen uns schnell aus dem Staub. Und du kommst mit, denn so böse willst du ja gar nicht sein, wie Ignatius dich hinstellt. Einverstanden?“
Die großen Augen des Drachen beginnen zu leuchten.
„Ich darf mit euch mitkommen? Von Herzen gern. Verlieren wir also keine Zeit mehr. Ich kenne alle Hintertürchen in diesem Schloss. Mir nach!“
Flink steht er auf, führt Peter in ein neben gelegenes Verlies und knackt das Türschloss auf. Unerwartet bricht ein Getöse aus, dass sämtliche Wachen und auch Ignatius aus dem Schlaf reißt. Peter stürmt ins Verlies, schnappt die noch halbschlafende Prinzessin und rennt dem Drachen nach, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Da sind auch schon Ignatius und viele Wachen auf schnellen Pferden zur Stelle. Ignatius brüllt: „Waschlappen! Verräter! Tod!“
Ledunklu bekommt es mörderisch mit der Angst zu tun und schreit: „Wir müssen es über die Schlossbrücke schaffen. Hätte ich doch mein Kostüm nicht vergessen, dann wären wir besser dran.“
„Lamentiere nicht, renne, was du kannst!“, schreit Peter und feuert den Drachen an. Doch seine krummen Beine können nicht so schnell. Der Wanderstab zieht Ledunklu so gut es geht. Nach dem letzten Schritt schreit Peter: „Schneidab!“
Das Messer schießt aus dem Gürtel. Die Reiter haben gerade die Mitte der Schlossbrücke erreicht, da wird aus dem Messer ein riesiges scharfes Schwert. Mit einem „Ratsch“ schneidet es die Brücke durch, wie ein Brotmesser einen Laib Brot. Die Wachen und auch Ignatius stürzen in die Tiefe. Keiner kommt dabei zu Tode. Sie werden alle nur pudelnass und da Ignatius nun keinen Bösewicht mehr hat, mit dem er andere erpressen kann, kehrt er in seine Schlossruine zurück und niemand hat je mehr etwas von ihm gehört.

Peter und Ledunklu bedanken sich beim Messer und beim Wanderstab für ihre großartige Hilfe. Der Wanderstab brummt zufrieden. Das Messer ist mächtig stolz auf sich. Die Strippe ist darüber frustriert und bindet sich aus lauter Trotz als Schleifchen um das Handgelenk der Prinzessin, die überglücklich nur noch Augen für ihren hübschen Retter hat.

Nach zwei Tagen endlosen Laufens kommen sie am Wirtshaus „Zum Drachen“ an. Die Wirtin begrüßt Peter und die Prinzessin ganz herzlich. Dann entdeckt sie Ledunklu. Tränen schießen ihr in die Augen. Mit ausgebreiteten Armen tappt sie auf ihn zu und drückt ihn an ihr Herz.
„Mein Junge, mein geliebtes Herz. Dass ich das noch erlebe, du bist wieder da. König Ignatius hatte dich als Baby gestohlen und ich hatte keine Möglichkeit dich wiederzubekommen. Wer hilft schon einem Drachen?“
„Peter hat mir geholfen“, schluckt Ledunklu die Worte unter Tränen hervor.
„Ich hab das alles nicht gewusst und bin glücklich, dass es dich doch noch gibt. Ignatius hat gesagt, du wärest tot und er hätte mich aus Mitleid zu sich genommen und ich war ihm dafür dankbar und habe schlimme Sachen für ihn gemacht.“
„Dafür hast du auch eine ordentliche Tracht Prügel bekommen“, lacht der Wanderstab lauthals.

Nach einem fürstlichen Mahl und einer ordentlichen Mütze voll Schlaf machen sich Peter und die Prinzessin am nächsten Morgen bei Zeiten auf den Weg ins väterliche Schloss. Schon bald erreichen sie die Landesgrenze und den nahe gelegenen Wald des Schlosses. Am Waldrand erwartet sie bereits Agratz. Peter erzählt, wie es ihnen ergangen ist. Natürlich weiß die Strippe immer alles besser, was zu allgemeinem Gelächter führt. Plötzlich rauscht es in der Luft.
„Das ist doch Ledunklu“, ruft Peter erstaunt. Da kommt der Drache auch schon auf die Erde getobt.
„Da staunt ihr, was? Ich bin noch mal zu Ignatius zurück, hab ihm kräftig meine Meinung gesagt, ein paar saftige Ohrfeigen verpasst, mein Kostüm geholt und bin euch gefolgt, um mich noch einmal zu bedanken.
„Ah ja, der berühmte Drache Ledunklu“, grinst Agratz.
„Hast du dich schon mal gefragt, warum du eigentlich Ledunklu heißt?“
Agratz schaut sichtlich vergnügt in die Augen des Drachen. Peter und die Prinzessin verstehen nicht recht. Der Drache schüttelt den Kopf und schaut mit großen erwartungsvollen Augen auf den Troll.
„Na, dann lies mal deinen Namen in umgekehrter Buchstabenfolge.“
Agratz schreibt den Namen in den Sand des Wegrandes.
L e d u n k l u
U l k n u d e l
Alle schauen einen Moment lang verwundert auf die Buchstaben bis jeder bereift. Der Einzige, der nicht lachen kann, ist Ledunklu. Er guckt recht bedeppert drein.
„Mach dir nichts draus“, jappst Agratz vor Vergnügen. „Den Namen hast du von deinem Vater bekommen. Er war schon ein rechter Spaßvogel, übrigens ein Riese, der sich damals unsterblich in deine Mutter verliebte. Ich gab ihr den Rat, den Namen so zu ändern. Die Buchstaben blieben ja, nur der Name klang dann doch eher nach einem Drachen. Und ich bin sehr froh, dass du unter dem Einfluss von Ignatius nicht wirklich bösartig geworden bist.“
Jetzt kann auch Ledunklu lachen, wenn auch nicht so, wie die anderen.

Peter und die Prinzessin bedanken und verabschieden sich nun bei Agratz und seinen Gesellen. Ledunklu nimmt die beiden auf seinen Rücken, breitet seine Kostümflügel aus und bringt sie schnell und wohlbehalten ins Schloss.

Nach einer Woche wird eine sagenhafte Hochzeit gefeiert. Nicht nur Peter und die jüngste Prinzessin, nein, alle drei Prinzessinnen heiraten am gleichen Tag. Alle Freunde sind herzlichst eingeladen. Nach kurzer Zeit übernimmt Peter Zepter und Krone und der alte König Karl erwartet voller Ungeduld seinen ersten Enkel.

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