Die rote Wolke
Es war einmal vor langer Zeit, da lebte eine Frau mit ihrem Sohn in einer kleinen Hütte. Als der Sohn das fünfzehnte Jahr erreichte, sagte die Mutter: „Mein Sohn, Du bist nun in dem Alter, wo Du Dir einen Meister suchen musst, um etwas Anständiges zu erlernen. Ich gebe Dir hier ein Säckchen, in das ich alle Groschen tat, die ich entbehren konnte. Zieh in die Welt hinaus, und sieh zu, dass Du es zu etwas bringst, damit Du Dein Leben nicht in Armut fristen musst.“ Da verabschiedete sich der Junge von seiner Mutter, die ihn schweren Herzens in die weite Welt entließ. Und so schlug er den Weg in die nächste Stadt ein. Nach einiger Zeit traf er auf einen armen alten Mann, der aus der Stadt kam. Der sagte zu ihm: „Geh‘ nicht in die Stadt. Die Stadt beherrscht ein böser Zauberer, und alle müssen ihm schwere Dienste leisten.“ Der Junge dankte dem Alten für seine Auskunft und weil der so arm aussah, schenkte er ihm einen Groschen. Daraufhin holte der Alte eine Pfeife hervor und sagte: „Wenn Du in Not bist, dann steck Dir die Pfeife an.“ Dann zogen die beiden ihrer Wege. Nach einiger Zeit erblickte der Junge von einem Hügel die Stadt, und über der Stadt schwebte eine rote Wolke. Als er an das Stadttor kam, fragte er den Wächter, was es mit der roten Wolke wohl auf sich hätte. Da sagte der Wächter:
„Die Stadt kann Dein Glück oder Unglück sein. Willst Du es wissen, so musst Du hinein.“
So betrat der Junge die Stadt. Da ging er zum Rathaus und fragte, bei wem man etwas Anständiges lernen könne. Da wurde ihm gesagt, dass der Pfeifenmachermeister einen Lehrling suche. Und so ging der Junge zum Pfeifenmachermeister und gab ihm sein ganzes Säckchen mit den Groschen als Lehrgeld, um das Handwerk zu erlernen. Nach einigen Jahren wurde der Junge ein rechter Pfeifenmachergeselle und auch bald ein Pfeifenmachermeister. Die ganze Zeit über aber schwebte die rote über der Stadt, und niemand wollte erzählen, was es damit auf sich hatte. Eines Tages nun sagte der alte Pfeifenmachermeister: „Ich bin recht alt und will mich aufs Altenteil setzen. Übernimm Du die Werkstatt.“ Da sagte der Junge aber zum Meister: „Ich übernehme Deine Werkstatt, aber nur, wenn Du mir alles über die rote Wolke erzählst!“ Zuerst zögerte der Alte, doch als der Junge nicht abließ, sagte er: „Niemand weiß etwas darüber, nur eines ist bekannt: Alles sieben Jahre verschwindet die rote Wolke für einen Tag und nach einem weiteren Tag kommt sie dann wieder. Die sieben Jahre sind aber Morgen vorüber.“ Da sagte der junge Pfeifenmachermeister: „Das will ich mir einmal näher ansehen.“ Am nächsten Tag zog die rote Wolke davon. Der junge Pfeifenmachermeister folgte aber der Wolke bis sie über der Spitze eines roten Berges verharrte. Da stieg er auf den Berg. Doch auf dem Berg wohnte ein böser Zauberer, der ganz alt und zerknittert aussah. Der böse Zauberer hielt seinen Kopf in die Wolke und atmete den Wolkendunst ein. „He, Zauberer, was machst Du da?“ fragte ihn nun der junge Pfeifenmachermeister. „Ich verschaffe mir Zeit.“ Sagte der böse Zauberer. „Ich habe einer ganzen Stadt die Zeit gestohlen. Alle hundert Jahre atme ich neue Zeit ein. Die Menschen in der Stadt denken, es seien sieben, aber in Wirklichkeit sind hundert Jahre vergangen, wenn die Wolke zu mir zieht. So kann ich mir die Unsterblichkeit bewahren, die mir mein Stiefbruder, der gute Zauberer gestohlen hat.“ Fügte der böse Zauberer noch hinzu. „Dann ist meine Mutter schon verstorben, weil Du die Zeit gestohlen hast?“ Fragte der junge Pfeifenmachermeister. „Das ist sie wohl. Und nun, da du alles weißt, wirst du auch gleich sterben müssen.“ Antwortete der Zauberer und wollte den jungen Pfeifenmacher packen. Da sagte dieser: „Gewähre mir noch einen letzten Wunsch: Ich bin Pfeifenmacher und möchte mir Dir ein Pfeifchen rauchen.“ Und er gab dem bösen Zauberer eine seiner selbst gefertigten Pfeifen, sich selbst steckte er aber die Pfeife an, die der alte Mann ihm vor langer Geschenkt hatte, bevor er in die Stadt gegangen war. Da erschien jener alte Mann groß wie ein Riese, atmete einmal ein und die rote Wolke verschwand in seien Lungen. Der böse Zauberer aber wurde mit einem Mal aschfahl und zerfiel zu Staub. Nun erzählte der alte Mann, dass er der gute Zauberer sei, nämlich der Stiefbruder des toten, bösen Zauberers. Dieser hatte aber durch lauter Untaten seine Unsterblichkeit eingebüßt. Um nicht Sterben zu müssen, hatte er mit der roten Wolke die Zeit gestohlen. Er selbst hatte den bösen Zauberer aber nur besiegen können, wenn jemand die Pfeife in dessen Gegenwart anzünden würde, so, wie es jetzt geschehen war. Nun gingen der junge Pfeifenmachermeister und der gute Zauberer zur Stadt zurück. Dort atmete der gute Zauberer die verlorene Zeit wieder aus, und alles war wieder, wie es sein sollte. Der junge Pfeifenmachermeister machte sich aber bald auf, seine Mutter zu besuchen, die ja nun wieder am Leben war. Unterwegs traf er den Nackten Bären und sagte: „Guten Tag, Nackter Bär. Na, viel zu tun?“ – „Ach Du, nö, nicht so viel. Kommt Zeit, kommt Rat.“ erwiderte der Nackte Bär. „Hm, na dann auf Wiedersehen.“ Sagte der junge Pfeifenmeister. „Wiedersehen.“ Sagte der Nackte Bär. Und so trennten sich ihre Wege wieder. Die Mutter freute sich dann aber sehr über den Besuch des Sohnes, aus dem nun ja was Anständiges geworden war. Und bald zog sie mit in die Stadt und lebte noch lange und wurde später auch noch eine angenehme Schwiegermutter.
siehe auch: http://dernacktebaermaerchen.oyla11.de