Der Falke
Es war einmal ein Jäger, der hatte nichts als einen Falken, mit dem er zur Jagd ging. Eines Tages sah er einen Knaben, der ganz in der Nähe wohnte, vor seinem Haus stehen. Dieser bewunderte den Falken des Jägers und fragte, ob er ihn nicht ab und an bei der Jagd begleiten dürfe. Der Jäger willigte ein, und der Knabe lernte viel über das Jagen und schloss den Falken in sein Herz. Nun geschah es, dass der Knabe sehr krank wurde. Auch nachdem die verschiedensten Ärzte den Jungen behandelt hatten, wollte sich sein Zustand nicht bessern. Im Gegenteil, der Knabe war dem Tode schon nah. Da sagte er zu seiner Mutter, dass er nichts weiter begehre als den Falken des Jägers, um wieder gesund zu werden. Da ging die Mutter, eine junge, schöne und obendrein reiche Witwe von hohem Stande, in ihrer Verzweifelung zu dem Jäger. Da sie aber wusste, dass der Jäger nur diesen Falken besaß, um sein Auskommen zu haben, wollte sie nicht sogleich um diesen bitten und fragte ihn daher, ob sie nicht bei ihm ein Mahl einnehmen dürfe. Der Jäger zeigte sich erfreut und bat die hohe Dame herein. Da er so überrascht und verwirrt über den Besuch der hohen Dame war, die eben auch jung und schön war und deren Absichten unklar waren, so wollte er ihr etwas besonderes vorsetzen. Da er aber einige Tage nicht hatte jagen können, hatte er keinerlei Speisen im Hause. Da sah er in seiner Not auf seinen Falken und gedachte, der vornehmen schönen Dame, sein Vornehmstes, was er hatte, nämlich jenen Falken zu opfern und ihr als Braten vorzusetzen. Doch plötzlich polterte es an der Tür. Die Mutter des Knaben erschrak, aber der Jäger sprang sogleich zur Tür. Draußen stand der Nackte Bär und sagte: „Guten Tag Jäger. Ich bin vorhin aus Versehen mit einem großen Hirsch zusammengestoßen. Dabei hat der sich wohl das Genick gebrochen und da ich Dich schon einige Tage nicht mehr im Wald gesehen habe, dachte ich, du könntest damit etwas anfangen. Da er sowieso tot ist, braucht er ja nicht im Wald zu bleiben.“ Da freute sich der Jäger und machte aus dem Hirsch einen vorzüglichen Braten. Sein Gewissen begann ihn aber gleichzeitig zu plagen, da er sich nun erinnerte, dass er seinen Falken zuerst hatten schlachten wollen. Da ging er schließlich zu dem Falken sagte: „Mein Falke, es war schändlich von mir, dass ich dich hatte schlachten wollen, verzeih mir. Von nun an sollst Du nur noch für Dich selbst die Beute erjagen. Und so fliege nun weit in fremde Wälder, such Dir eine neue Heimat, und kehr nie wieder hierher zurück!“ Mit diesen Worten entließ er den Falken in die Freiheit. Als nun das Mahl beendet war, lenkte die Mutter das Gespräch auf ihren Sohn und erzählte von dessen schwerer Krankheit. Schließlich brachte sie die Bitte ihres Sohnes hervor, ihm den Falken zu vermachen und dass dies wohl die letzte Hoffnung auf eine Heilung wäre. Da nahm alle Bestürzung der Welt den Jäger ein und er schwieg einige Zeit mit versteinerter Miene. Die Mutter dachte zuerst, der Jäger sei voller Gram, weil er sich von seinem höchsten Gut trennen sollte und trug sich schon mit dem Gedanken, dessen Haus ohne den Falken zu verlassen. Schließlich ward sie aber bezwungen durch die Liebe zu ihrem Sohn und wartete auf eine Antwort. Da begann der Jäger zu reden und erzählte, wie sich alles zugetragen hatte. Als die Mutter des Knaben dies alles erfahren hatte, ward sie ergriffen von der Güte des Jägers gegen Sie und seinen Falken. Da sie nun aber nicht das bekommen, was sie sich so erhofft hatte, verließ sie betrübt das Haus des Jägers, setzte sich in ihre Kutsche und machte sich auf den Heimweg. Nach einiger Zeit hielt die Kutsche. Erschreckt rief der Kutscher der Mutter des Knaben zu: „Da steht ein Ungeheuer auf der Strasse!“ Tatsächlich war es aber der Nackte Bär, auf dessen Schulter der Falke saß. Da kam der Nackte Bär zu der Kutsche und sagte zu der Mutter des Knaben: „Der Falke wollte sich gern von dem Knaben verabschieden, bevor er das Weite sucht.“ Da war die Freude groß und als der Knabe den Falken sah, wurde er schnell wieder gesund. Die Mutter des Knaben aber ging bald zu dem Jäger und sagte zu ihm: „Lieber einen Mann ohne Geld als Geld ohne einen Mann!“ Dann heirateten sie, und alle lebten noch lange und glücklich miteinander.
siehe auch: http://dernacktebaermaerchen.oyla11.de