Es war einmal eine kleine Königstochter von neun Jahren. Sie lebte in einem Schloss, wie es sich gehört. Sie wohnte dort aber nur mit ihrem Vater, dem König. Die Königin war kurz nach der Geburt der Tochter gestorben. Eines Nachts wachte die kleine Königstochter auf und sah vor ihrem Fenster eine Frau stehen. Doch bald brach die Morgendämmerung herein und die Frau verschwand wieder. In der nächsten Nacht blieb die kleine Königstochter absichtlich wach und sah bald wieder die Frau durch das Fenster. Nun stand sie auf und ging zum Fenster. Die Frau ging aber daraufhin fort. Die kleine Königstochter indes war sehr neugierig, und so folgte sie heimlich der Frau. Die Frau ging in den nahegelegenen Wald. Dort stand unter einer großen alten Eiche ein Sarg, in dem sie verschwand. Die kleine Königstochter merkte sich die Stelle und beschloss, am nächsten Tag hinzugehen. So geschah es auch. Sie ließ sich jedoch aus Vorsicht vom Hofjäger begleiten. Als sie an der großen alten Eiche ankamen, stand dort wirklich ein Sarg. Der Hofjäger öffnete den Sarg, und in dem Sarg lagen Menschenknochen. Er nahm die Menschenknochen an sich, und sie gingen ins Schloss zurück. In der nächsten Nacht wachte die kleine Königstochter wieder auf. Doch was war das? Diesmal standen der Nackte Bär und die Frau am Fenster. Die kleine Königstochter stand auf und ging zu den beiden hin. Darauf lief die Frau zum Haus des Hofjägers und der Nackte Bär in den Wald. Am nächsten Tag erzählte die kleine Königstochter alles dem Hofjäger. Der sagte aber nur, dass sie sich nun keine Sorgen mehr machen müsse, da die Knochen ja längst vergraben seien. Die kleine Königstochter war aber argwöhnisch und beobachtete den Hofjäger. Der machte sich mit seinem Gewehr in den Wald auf. Heimlich folgte sie ihm. Endlich kam der Hofjäger zu der großen alten Eiche, wo der Sarg stand. Doch in dem Sarg lag jemand: Der Nackte Bär. Der Hofjäger legte an, um den Nackten Bären zu erschießen. „Nicht schießen!“ Rief da die kleine Königstochter, und der Nackte Bär wachte auf. „Ich habe überhaupt nicht gut geschlafen.“ Sagte der Nackte Bär verärgert und warf den Sargdeckel in Richtung Hofjäger, sodass dem das Gewehr aus den Händen geschlagen wurde und entzwei ging. „Ich habe geträumt, ich bin zu einem Schloss gegangen und habe einer kleinen Königstochter beim Schlafen zugesehen.“ Fügte der Nackte Bär noch hinzu. „Das hast Du nicht geträumt!“ Erwiderte da die kleine Königstochter und erzählte, dass sie ihn gesehen hätte. „Das muss an dem Sarg liegen.“ Sagte der Nackte Bär. Und so trug er den Sarg zum Königsschloss. Dort erzählte die kleine Königstochter alles dem König und zeigte ihm eine Stelle bei dem Haus des Hofjägers, wo die Erde noch aufgewühlt war. Der König ließ dort Graben, und man fand die Knochen aus dem Sarg. Der König besah sich die gefunden Knochen genau und entdeckte eine Eigenart, eine Einkerbung auf der Stirn des Totenschädels. Genau an der Stelle hatte die Königin, als sie noch lebte, ein Narbe gehabt. Dann ließ der König den Priester holen, um die Königsgruft zu öffnen. Tatsächlich fehlten der Sarg und die Gebeine der verstorbenen Königin, aber auch der Ganze Schmuck war verschwunden. Da erinnerte sich der Nackte Bär, dass die Frau mit ihm gesprochen hatte. Sie hatte erzählt, dass sie die verstorbene Königin sei, deren Sarg einst gestohlen, deren Schmuck geraubt und deren Ruhe gestört worden war durch den gierigen Hofjäger. Seitdem sei sie nachts immer voller Unruhe und könne erst Frieden finden, wenn sie wieder in der Königsgruft in ihrem Sarg liegen würde. Als der König das gehört hatte, ließ er das Haus des Hofjägers durchsuchen bis man den Schmuck der Königin gefunden hatte. Da wurde der Hofjäger in den Turm gesperrt. Die Gebeine der Königin aber wurden wieder in die Königsgruft geschafft. Von nun an konnte die kleine Königstochter endlich wieder ruhig schlafen. Der Nackte Bär aber bekam einen riesigen Napfkuchen als Belohnung und war noch oft zu Besuch im Königsschloss.