Der goldene Becher
Der goldene Becher
von Joachim Größer
„Anton, ich bin so aufgeregt! Ich schaff das nicht!“, flüsterte Martin seinem großen Bruder zu. Der antwortete ihm genauso leise: „Du machst den Ersten! Du schlägst sie alle! Du warst nicht nur der Beste deiner Klasse, sondern der ganzen Schule! Geh noch mal in Gedanken deine Geschichte durch und hör nicht auf die Erzählungen der anderen.“
Martin schloss die Augen. Fast schien es, er wäre eingeschlafen – wären da nicht seine Hände, die nervös seine „innere Erzählung“ begleiteten.
„Du bist dran!“, zischte Anton. „Martin! Du bist dran!“ Erst der dritte Aufruf und ein Puff in die Rippen ließen Martin hochschnellen. „Komme ich jetzt schon dran?“, fragte er erschrocken.
„Geh schon auf die Bühne! Los, beweg dich!“ Martin bekam noch einen brüderlichen Schubs und dann stolperte er auf die Bühne. Klein, hilflos, verlassen kam er sich vor.
„Was will ich hier? Warum habe ich mich nur gemeldet! Ich bekomme bestimmt kein Wort heraus!“ - So dachte der 10-jährige Martin. Dann hörte er ganz von fern her eine Stimme, die seinen Namen und seine Schule nannte. Und noch während der Ansager sprach, begann Martin mit seiner Erzählung. Das heißt, er glaubte zu sprechen. Zu hören war nur ein komisches Kratzen, ein Räuspern. Vielleicht kam das auch nur von seiner Hand, die das Mikrofon hielt und einfach das tat, was sie nicht tun sollte, nämlich sich vor Aufregung zu schütteln.
„So, nun lauschen wir der Erzählung des Martins, Schüler der 4. Klasse!“, sagte der Ansager. Martin räusperte sich ganz laut und begann seine Erzählung. Doch bereits nach zwei Sätzen kam ein Zuruf der Zuhörer: „Lauter! Wir verstehen dich nicht!“
Und so begann Martin zum dritten Male. Jetzt sprach er ruhiger und lauter, riskierte einen Blick zu seinem Bruder. Der nickte und strahlte übers ganze Gesicht. „Der Start ist also geglückt“, sagte sich Martin und seine Worte sprudelten jetzt nur so aus seinem Mund. Er erzählte und erzählte, wurde selbst zum Helden seiner märchenhaften Erzählung und als er mal wieder einen Blick in die Zuschauerreihen riskierte, sah er dort die Schüler der ersten und zweiten Klasse mit hochrotem Gesicht und aufgerissenen Augen ihm zuhören. „Jetzt bring ich die Geschichte zu Ende!“ Dieser Gedanke beflügelte ihn. Und er brachte seine Erzählung zu Ende. Donnernder Applaus, Füßegetrappel und einzelne Pfiffe sagten ihm: „Gut gemacht“
„Gut gemacht, Martin!“, sagte auf seinem Platz Anton und schlug seinem kleinen Bruder mächtig auf die Schulter. „Ich bin richtig stolz auf dich, Brüderchen!“
Während die Jury tagte, lief ein Zeichentrickfilm. So richtig genießen konnte Martin diesen Film, obwohl die Helden Tom und Jerry zu sehen waren, nicht. In Gedanken ging er noch mal seine Geschichte „Im Kopfe“ durch, prüfte, ob er nicht etwas vergessen hatte, stellte dann aber zufrieden fest: „Alles gesagt! Nichts vergessen!“ Später, auf dem Nachhauseweg meinte Anton dann sogar, dass er noch viele Ergänzungen während des Erzählens hineinfabuliert hätte. Er, Anton, kannte die Variante jedenfalls nicht.
Nun trat der Vorsitzende der Jury vor. Er begann mit dem dritten Platz. Martin war nicht dabei. Dann nannte er den zweiten Sieger. Wieder war Martin nicht dabei. Und auch zum Sieger dieses Erzählwettbewerbes wurde Martin nicht gekürt. Höflicher Applaus begleitete die drei Prämierten auf ihre Plätze. Enttäuscht stand Martin auf und wollte den Saal verlassen.
„Halt, Martin! Wohin?!“, rief der Vorsitzende der Jury. „Auf die Bühne, nicht nach draußen! Komm!“ Verwundert stolperte Martin auf die Bühne. „Was sollte er hier? Die anderen haben doch die Preise bekommen!“ Das waren seine Gedanken während er auf die Dielen der Bühne starrte. Wie vorhin hörte er nur von fern die Stimme des Vorsitzenden. Jetzt wurde sein Name genannt und was sagte der Mann da: „ Martin ist von allen 20 Mitgliedern der Jury zum Empfänger des Dichterlorbeers gekürt worden. Seine Erzählkunst war für sein Alter beeindruckend, seine selbst erfundene märchenhafte Erzählung hatte Witz, war logisch aufgebaut und es wurden keine bekannten Märchen kopiert. Herzlichen Glückwunsch Martin!“
Jetzt stand Martin mit hochrotem Kopf auf der Bühne. Ihm wurde ein grüner Lorbeerkranz aufgesetzt. Heftiger Applaus der Zuhörer bestätigten der Jury, dass der Richtige zum „Dichterkönig“ gekürt wurde. Alle Mitglieder der Jury gratulierten ihm. So viele Hände hatte er noch nie geschüttelt. Ganz zum Schluss kam ein kleiner alter Mann auf ihn zu. „Brav erzählt!“, murmelte er sehr leise, aber noch so laut, dass Martin ihn verstehen konnte. „Nimm diesen goldenen Becher als Lohn für deine Erzählung.“ Er reichte Martin den Becher und flüsterte dann so leise, dass Martin mehr erahnte, als dass er die Worte hörte. Und doch waren sie in seinem Kopf – die Worte des kleinen alten Manne mit dem weißen schütteren Bart: „Um Mitternacht drei Schluck Wasser aus diesem Becher getrunken und du reist in die Welt der Märchen. Drei Schluck beim ersten Hahnenkrähen und du wirst wieder in die Menschenwelt zurückkehren!“ Kaum war das letzte Wort gesagt, drehte sich der Alte um und verließ mit zittrigen Beinen die Bühne. Verwundert schaute ihm Martin nach.
Stolz trug Martin seinen Lorbeerkranz als Dichterkönig nach Hause. Doch immer wieder kamen ihm die Worte des Alten in den Sinn. Abends im Bett hielt er es nicht mehr aus und musste Anton von dem Alten, seinem Geschenk und seinen Worten erzählen. Als Anton meinte, dass er bestimmt zur Jury gehörte, verneinte Martin dies energisch, da er den Vorsitzenden die anderen Jury-Mitglieder fragen gehört hatte, wer der Alte sei. Keiner kannte, keiner hatte ihn zuvor gesehen!
„Na, dann probier es doch einfach aus!“, meinte Anton lakonisch. Er war viel zu müde, um sich mit Martin über nicht existierende Alte zu unterhalten.
„Das möchte ich doch, Anton!“, erwiderte Martin „Aber ich möchte, dass du dabei bist. Machst du mit?“
„Mach mich wach, wenn es soweit ist“, murmelte Anton, schon im Halbschlaf.
Das reichte. Martin war erleichtert. Mit seinem Bruder zusammen fühlte er sich sicher und irgendwie beschützt – das Unternehmen konnte starten. Vorsichtshalber stellte er sich den Wecker auf 10 Minuten vor Mitternacht. Damit das Klingeln seine Eltern nicht weckte, legte er ihn unter das Kopfkissen und versuchte, einzuschlafen. Leicht weggeschlummert, schreckte er hoch. Er bräuchte doch Wasser für seinen Versuch! Also schlich er in die Küche und füllte den goldenen Becher mit Wasser. Unbemerkt von seinen Eltern erreichte er wieder das Kinderzimmer. Jetzt war er viel zu munter, um noch einmal einzuschlafen. Immerhin zeigte die Uhr schon zwei Minuten vor 11 als er beschloss, sich anzuziehen und auf die Mitternachtsstunde zu warten.
Dann endlich war es soweit. Zehn Minuten vor Mitternacht schüttelte er Anton wach. „Los, aufstehen Anton! Du hast mir versprochen, mich in die Märchenwelt zu begleiten. Aufstehen Anton!“ Aber Anton drehte sich nur auf die andere Seite. Was Martin zu hören bekam, klang wie „Lass mich schlafen! Ich will noch nicht aufstehen“.
Jetzt wurde Martin grob. Erst zog er Anton die Bettdecke weg, dann knallte er mit voller Kraft die Hand auf Antons Hinterteil und schon hielt er den mit Wasser gefüllten Becher über Antons Gesicht. Wütend fauchte er Anton an. „Versprechen muss man halten! Wenn du jetzt nicht aufstehst, dann kriegst du die ganze Ladung Wasser ins Gesicht! Also?“
„Ist ja gut, Brüderchen!“, maulte Anton. „Ich werde schon mitkommen.“
Verschlafen zog sich Anton an. Martin öffnete das Fenster. „Jetzt hören wir die Turmuhr schlagen und können rechtzeitig aus dem Becher trinken.“
„Ja, ja, trink nur“, antwortete Anton dabei mächtig gähnend. „Du trinkst doch auch?!“, fragte Martin erschrocken nach. „Aber ja, Brüderchen“, erwiderte Anton.
„Dann ist´s ja gut. Und hör endlich mit deinem blöden `Brüderchen´ auf!“
„Ist gut, Brüderchen!“, antwortete Anton jetzt grienend. Endlich war er richtig wach. Es war aber auch höchste Zeit, denn die nahe Kirchturmuhr schlug zur 12. Stunde – Mitternacht.
Hastig nahm Martin den Becher und trank: den ersten Schluck, den zweiten. Noch merkte er gar nichts. Dann nahm er den dritten Schluck. Jetzt wurde es ihm ganz dunkel vor Augen. Er rief noch schnell: „Hier Anton, der Becher! Nimm drei Schluck und bring den Becher mit!“
Genauso plötzlich, wie es dunkel um Martin wurde, genauso plötzlich war es hell und klar. Er befand sich unweit des Hauses auf einer kleiner Lichtung im Wald. Und dann sah Martin, Anton wie aus einem Schatten sich bilden. Das ging sekundenschnell. „Wau!“, hörte Martin Anton rufen. „Das ist ja wirklich ganz schön verrückt! Dein alter Mann hat also nicht gelogen!“
„Warum soll ich Martin belügen?“ Die Stimme kam aus dem Tannenwald. Heraus schritt der Alte. Er strich über seinen weißen schütteren Bart und lächelte den Brüdern freundlich zu. „Ich freue mich, dass ihr meinem Wunsch nachgekommen seid. Es ist gut, dass du deinen Bruder mitgebracht hast. Zwei sind immer besser als einer, wenn es darum geht, Heldentaten zu vollbringen.“ Wieder lächelte der Alte.
„He, wir sollen Heldentaten vollbringen? Habe ich das richtig gehört?“, fragte Anton erstaunt. Martin schaute nur verdattert den Alten an. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ja, darum wollten wir Bewohner der `Anderen Welt´ euch bitten.“
„Wie, der `Anderen Welt´? Hast du meinem Bruder nicht erzählt, dass er mit Hilfe des goldenen Bechers in das Märchenreich kommen kann?! Ist das die `Andere Welt´?“
„Hört mir zu. Nachdem ich zu euch gesprochen habe, könnt ihr euch entscheiden: Ihr könnt uns helfen oder ihr nehmt sofort drei Schluck aus dem goldenen Becher und ihr seid zurück in der Menschenwelt.“
„Wir hören, alter Mann“, antwortete ihm Anton und Martin nickte zustimmend.
„Ich bin der Märchenerzähler. Ich wandere zwischen der Menschenwelt und unserer Welt. Den Menschen erzähle ich von uns, von den Feen, den Wichteln, den Hexen und Teufeln, den Drachen und den Riesen und verbinde dies mit fast wahren Begebenheiten aus unserer , der `Anderen Welt´. Ich habe die Fähigkeit, mich in der Menschenwelt unsichtbar zu machen, kann auch verschiedene Gestalten annehmen. Meine echte Gestalt ist aber die jetzige und die ist meine liebste. Ich las in eurer Stadt von dem großen Erzählwettbewerb und habe dir gut zugehört. Martin, du hast nicht nur eine wunderschöne Märchengeschichte erzählt, nein – sie ist auch wahr!“
„Wahr?!“, schrie Martin. „Die kann doch nicht wahr sein, die hab ich doch nur erfunden!“
„Doch doch! Sie ist wahr und das ist unser Problem. All das, was du beschrieben hast, das erleben wir zur Zeit. Wir leiden unter der Herrschaft des bösen Zauberers Rebuaz und du Martin bist der Einzige, der uns von seiner Herrschaft befreien kann. Er tyrannisiert uns, verlangt Sklavenarbeit von allen Bewohnern der `Anderen Welt´ und hat jetzt auch noch unsere Prinzessin geraubt. Kommt dir das bekannt vor, Martin?“
„Ja“, antwortete Martin. „So hatte ich mir das ausgedacht.“
„Und das ist die Wahrheit. Deine Erzählung hat mir gezeigt, wie wir den bösen Zauberer Rebuaz besiegen können. Nur...“ Der Alte machte eine lange Pause, holte dann tief Luft und sagte den entscheidenden Satz: „Nur – nur du allein Martin kannst den Zauberer besiegen. Du musst genauso vorgehen, wie du es in deinem Märchen erzählt hast. Du musst der mutige Junge sein, der den Kampf aufnimmt. Handle so, wie in deinem Märchen und du kannst diese Heldentat vollbringen.“
Dem Martin glühten vor Aufregung die Ohren. Er, der Martin, Schüler der vierten Klasse, soll richtig gegen Riesen, Drachen und Zauberer kämpfen. Er soll zum Helden werden?
Anton sah das gelassener: „Martin, das ist halb so schlimm. Vergiss nicht, wir sind in der `Anderen Welt´, der Märchenwelt. Hier geschehen doch immer Wunder, und warum soll nicht ein Martin eine Heldentat vollbringen können?!“
„Meinst du wirklich?“, fragte Martin seinen älteren Bruder.
„Ja, im Ernst und außerdem bleibe ich bei dir und werde dir immer beistehen und helfen!“ Anton spielte jetzt sehr deutlich den Älteren heraus.
„Anton, beistehen kannst du deinem Bruder, aber die Handlungen müssen von Martin durchgeführt werden. So hat er sein Märchen erzählt und nur so kann er den bösen Zauberer Rebuaz bezwingen. Das dürft ihr beide niemals vergessen. Greifst du in die Handlung ein, Anton - dann ist alles verloren. Unser Märchenreich wird vom bösen Zauberer völlig beherrscht werden.“ Vielsagend nickte der Alte mit dem Kopf.
„Anton, sag ehrlich, soll ich es wagen?“, flüsterte Martin. Und Anton erwiderte ihm auch leise: „Tu es! Ich weiß, du schaffst das! Du bist ein Kämpfer!“
Mit hochrotem Kopf und vor Aufregung stammelnd, sagte Martin zum Alten: „Ich will es wagen. Aber nur, wenn mich mein Bruder begleiten darf.“
„Begleiten darf er dich. Aber, ich wiederhole es noch einmal, er darf nicht handeln, Martin. Nur du musst der Kämpfer sein!“
Der Alte hob die Hände gen Himmel und als hätten die Bewohner der „Anderen Welt“ nur auf dieses Zeichen gewartet, raschelte er im Gras, schaukelten die Zweige der Bäume, hörte man zuerst leise, dann immer lauter werdende Stimmen. Und dann zeigten sich die Wesen der „Anderen Welt“. Es waren Wichtel und feengleiche Geschöpfe, Berg-, Erd- und Luftgeister, Zwerge, Elfen und Trolle, das Einhorn und der Zentaur. Im nahen Bach erhob sich der Wassergeist samt Töchter aus dem Wasser und die Nixe winkte ihre Gespielinnen zum Schauen herbei. Auch sahen die Brüder Wesen, die in noch keinem Märchen beschrieben waren. Sie alle, es waren mehr als Einhundert, klatschten jetzt vor Freude über Martins Zusage in die Hände. „Dank dir Martin! Martin, du bist unser Kämpfer!“, riefen sie und ein kleines Elfkind wisperte: „Martin, du wirst ein Held!“
Der so gefeierte stand verlegen mit hochrotem Kopf und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Plötzlich herrschte Stille, kein Laut drang zu den Ohren der Jungs. Die Wesen der „Anderen Welt“ erstarrten. Aus dem Nichts formten sich zwei Gestalten: Der König des Märchenreiches und seine Gemahlin. Mit dröhnender Stimme forderte der König Martin auf, näher zu kommen. Doch der zögerte, dieser König hatte ihn verschreckt. Noch einmal befahl der König: „Martin, zu mir!“ Und zögernd, um nicht zu sagen ängstlich, ging Martin drei Schritte auf den König zu. Der wollte wieder befehlen, doch da fiel ihm die Königin mit freundlicher Stimme ins Wort: „Komm nur näher, lieber Martin. Fürchte dich nicht vor meinem Gemahl. Er will immer vor Fremden den mächtigen König herausstellen und glaubt, mit lauten Worten und Befehlen sich Geltung verschaffen zu können. Er ist aber sonst ein wirklich netter König. Nicht war, mein Brummbär?!“
Der so in aller Öffentlichkeit Gescholtene blickte verlegen, dann zwinkerte er Martin freundlich zu und mit ganz normaler Stimme bat er: „Ich wollte dich nicht erschrecken. Komm nur näher, du auch Anton.“
Martin und Anton gingen zum Königspaar. Direkt vor dem König verharrten sie, Anton verbeugte sich leicht und Martin tat es ihm gleich. Freundlich winkte die Königin und aus dem Nichts standen zwei hohe mit rotem Samt bezogene goldene Stühle auf der Wiese. „Nehmt nur Platz“, sagte der König schmunzelnd. Und die Brüder krochen jetzt etwas sehr unbeholfen auf die viel zu hohen Stühle. Die Königin, das sehend, schnipste mit den Fingern und die Stühle schrumpften auf normale Größe. Jetzt saßen die Brüder vor dem Königspaar.
„Wir freuen uns, dass ihr uns helfen wollt, unsere kleine Prinzessin aus den Händen des Zauberers Rebuaz zu befreien. Alle Bewohner der `Anderen Welt´ werden dir helfen, Martin. Ihre Hilfe kann aber nur so sein, wie du sie in deinem Märchen geschildert hast. Unser Märchenerzähler hat uns mit seinen enormen Fähigkeiten deinen Auftritt auf diesem Erzählerwettstreit direkt gezeigt. Seit dieser Minute kennen wir dich und wir wissen, unsere Leidenszeit geht zu Ende.“ Der König lächelte freundlich. Dann fuhr er fast beschwörend fort: „Martin, tu alles so, wie in deiner Erzählung und du wirst der Sieger sein!“
Die Königin erhob sich. „Bist du bereit, Martin?“ Martin nickte nur. „Dann können wir dich verabschieden.“ Martin, benommen von dieser Audienz, wollte aufstehen, doch der Stuhl ließ ihn nicht los. Er musste die Huldigung der Wesen der „ Anderen Welt“ über sich ergehen lassen. Alle kamen, wünschten ihm Glück, sprachen Schutzzauber aus, gaben ihm ihre persönlichen Glücksbringer und die Elfen und Nixen bedeckten sein Gesicht mit Hunderten von Küssen. Als er endlich die Verabschiedung überstanden hatte, konnte er den goldenen Stuhl verlassen. „Anton, komm schnell weg“, zischte er seinem Bruder zu. Der feixte übers ganze Gesicht und antwortete ihm leise: „So geküsst und geherzt wurde ich noch nie. Wie war es denn?“ Statt einer Antwort fauchte Martin nur.
Jetzt erhob sich auch der König. „Geh und besieg den bösen Zauberer! Wir erwarten dich hier!“ Kaum war das letzte Wort verklungen, als alle Wesen der Märchenwelt sich in Nichts auflösten. Die Brüder standen allein auf der Waldwiese.
„Jetzt Martin, bist du der Bestimmer! Du weißt, ich muss mich zurückhalten. Ich werde aber höllisch aufpassen, dass dir nichts passiert!“
„Danke, Anton“, erwiderte ihm Martin erleichtert. „Im Moment ist mir, als hätte ich vor Aufregung meine Geschichte vergessen.“
„Ach quatsch, vergessen! Wie begann deine Geschichte... Der mutige Karl kommt durch Zufall in den Märchenwald und dort sieht er... Na? Ist dein Gedächtnis wieder aufgefrischt?“
„Ja, ich weiß wieder alles. Also los, suchen wir zuerst das Einhorn!“
Und Martin marschierte los, immer gerade aus - seiner „Nase nach“. Anton folgte ihm in gebührendem Abstand, denn er wollte die Begegnung mit dem Einhorn nicht stören. Als Martin die große Wiese erreichte, trabte ein schneeweißes Einhorn wiehernd auf ihn zu. Martin sprach mit ihm und das Einhorn knickte mit den Vorderbeinen ein, so dass Martin bequem aufsteigen konnte. Anton machte sich schon auf einen langen Dauerlauf gefasst, als hinter ihm eine tiefe Männerstimme verkündete: „Die Gemeinschaft der `Anderen Welt´ hat beschlossen, dass ich dir zur Verfügung stehe. Sitz auf, Anton!“
Ein Zentaur stand vor Anton. Auch er kniete wie das Einhorn und Anton saß auf. Hui, konnte der Zentaur schnell laufen. So sehr er sich aber auch bemühte, das schneeweiße Einhorn einzuholen, der Abstand zwischen ihnen wurde doch größer. Bald war Martin mit seinem Einhorn nicht mehr auszumachen. Als Anton deswegen seine Ängste dem Zentaur mitteilte, erklärte ihm sein Pferdemensch mit keuchendem Atem: „Martin wird gut beschützt. Das Einhorn hat eine solche Kraft, dass selbst der größte Bär es niemals angreifen wird.“
Das beruhigte zwar Anton etwas, aber insgeheim dachte er, dass doch Martin allein keinen Beschützer hätte. Nur seinen Zentaur brauchte er nicht antreiben. Der gab sein bestes, aber die enorme Kraft des Einhorns besaß er nicht. Es war, als könnte der Zentaur Gedanken lesen, denn er fragte Anton mit keuchendem Atem: „Weißt du Martins erstes Ziel?“
„Ja, in seinem Märchen muss er das `Sehende Auge´ finden. Weißt du jetzt, wo Martin hinreitet?“
„Das Auge ist im Besitz der Hexe. Nur sie wird es nicht freiwillig herausgeben!“, antwortete der Zentaur. „Aber jetzt weiß ich, welchen Weg ich einschlagen kann. Einen Weg, den das Einhorn nicht kennt. Wir werden mit ihm bei der Hexe ankommen.“ Und der Zentaur lief jetzt abseits des Weges, geradewegs in einen tiefen dunklen Wald. Die Äste der Tannen hingen so tief, dass Anton von ihnen gepeitscht wurde. Trotzdem lief der Zentaur nicht langsamer. Erst auf einer Lichtung hielt er an. Er legte die Hände wie ein Schallrohr vor den Mund und rief: „Freunde kommt und helft! Wir sind auf dem Weg zum `Sehenden Auge´!“
„Zum `Sehenden Auge´, wirklich zum Auge?“, wisperte es.
„Ja und bitte leuchtet uns. Anton will zu seinem Bruder. Der wird den bösen Zauberer besiegen! Kommt schnell und leuchtet!“
„Den bösen Zauberer besiegen! Unserem ärgsten Feind! Wir kommen, wir eilen!“
Jetzt sah Anton Hunderte von Irrlichter, die einen sonst nicht sichtbaren Pfad beleuchteten. Dieser Pfad führte durch das schwarze Moor. Ein Fehltritt und der Zentaur und mit ihm Anton, wären für immer vom Moor verschluckt. Vorsichtig, sehr vorsichtig setzte der Zentaur die Hufe auf den weichen nachgebenden Untergrund.
„Nur keine Scheu, wir kennen den Weg und wir leuchten dir!“, wisperte es mit Hunderten feinsten Stimmchen.
Noch wenige Meter und der Zentaur spürte wieder festen Boden. „Danke!“, rief er und galoppierte mit neuer Kraft davon.
„Erzähl uns von dem Kampf!“, baten die Irrlichter und der Zentaur erwiderte: „Auf dem Rückweg komme ich zu euch!“
Der tiefe finstere Wald wurde lichter und lichter. Vor ihnen lag eine prächtige Wiese und hinter der Wiese erhob sich ein steiler Fels, auf dessen Gipfel eine Hütte stand. Anton sah jetzt, wie das Einhorn mit Martin zu dem Felsen lief. Dort sprang Martin vom Einhorn und versuchte, den Felsen zu erklimmen. Doch irgendwie kam er nicht weiter. Immer wieder und wieder rutschte er von dem glatten Gestein ab. „Schnell, mein Freund! Ich muss meinem Bruder helfen!“, schrie Anton und der Zentaur preschte durch das Gras. Kaum hatte der Zentaur das Einhorn erreicht, als Anton vom Rücken sprang und schreiend zu Martin lief: „Warte, ich helfe dir!“
„Da darfst mir nicht helfen! Ich muss das alleine schaffen“, antwortete ihm Martin. Jetzt war für Anton guter Rat teuer. Helfen durfte er dem Martin wirklich nicht. Plötzlich hatte er eine Idee, die er auch sofort umsetzte. „Ich suche mir einen guten Kletterweg“, rief er Martin zu. Und Martin sah, wie sein Bruder sich gewandt zwischen den Steinen und Felsvorsprüngen nach oben kämpfte. „Ich brauche ihm doch nur auf seinem Kletterweg folgen“, murmelte Martin. „Er hilft mir doch nicht!“ Und so kletterte er vorsichtig seinem großen Bruder hinterher. Unterhalb des Gipfels wartete Anton. „Ich warte hier“, flüsterte er Martin zu. „Hab keine Angst vor der Hexe. In deinem Märchen war sie eine gute Hexe!“
„Ich weiß“, zischte Martin zurück.
Nach wenigen Metern hatte Martin den Gipfel erreicht. „Hexe, liebe Hexe!, rief er. Doch keine Tür öffnete sich. „Hexe, bist du zu Hause?“, fragte er laut schreiend.
„Ja, warum brüllst du denn so?!“, hörte Martin eine Stimme. Doch so sehr er suchte, die Person, die zur Stimme gehörte, sah er nicht. Nur eine schwarze Rauchfahne kroch aus dem Schornstein. „Na, warum schreist du so laut?“
„Ich, ich ... möchte zur guten Hexe“, antwortete Martin eingeschüchtert.
„Soooo und was willst du von ihr?“
„Ich will sie um das `Sehende Auge´ bitten.“
„Was! Das Auge! Mein `Sehendes Auge!“, brüllte jetzt die Stimme und die schwarze Rauchfahne senkte sich zu Boden und dort formte sie sich zu einer wirklich hässlich anzusehenden Hexe. Mit krummen Buckel, roten vor Zorn funkensprühenden Augen, langem ungepflegtem Haar stand sie vor Martin und drohte ihm mit einem gewaltigen Knotenstock.
„Was willst du mit meinem Auge, sprich!“, fauchte sie Martin an. Der wich erschrocken zurück. Dann stammelte er: „Die Bewohner der `Anderen Welt´ baten mich, die geraubte Prinzessin zu befreien und den bösen Zauberer zu besiegen. Dein Auge kann mir den Weg zeigen.“
„Du, du willst diesen Zauberer Rebuaz besiegen?!“ Dann lachte die Hexe so laut, dass das Echo ihres Lachens von den fernen Bergen widerhallte.
Jetzt wurde Martin trotzig: „Ja, und nur ich habe die Kraft dazu!“
Verwundert schaute ihn die Hexe an. Sie schüttelte den Kopf, drehte mehrere Runde um Martin, ja, sie stippte ihn sogar mit dem langen spinnendünnen Zeigefinger an. „Du, du bist der Kämpfer, von dem mir die Eule erzählte.“ Und Martin bekräftigte seine Aussage, indem er der Hexe alles erzählte. Die saß sehr ruhig auf einem Stein und hörte dem Martin aufmerksam zu. Als Martin geendet hatte, verwandelte sie sich zu einer hübschen Frau, mittleren Alters, die jetzt sehr freundlich zu Martin sagte: „Ich glaube dir. Und ich glaube auch, dass du den Rebuaz besiegen wirst. Du musst wissen, dieser Grobian, dieser Flegel hat mir zuerst die Heirat versprochen und dann hat er mich wegen meiner Hässlichkeit verhöhnt und verspottet. Sag selbst, seh ich so hässlich aus?“ Sie drehte sich kokett wie ein junges Mädchen vor Martin. „Na, wie sehe ich aus?“, fragte sie nochmals. Und Martin antwortete ihr: „Sie erinnern mich an meine Tante, echt. Sie sehen genauso hübsch aus.“
Dem Martin schwanden alle Sinne, als die Hexe ihn vor Freude abküsste.
„Du wärest der rechte Bräutigam für mich. Nein, hast du das schön gesagt!“, flötete die Hexe, strahlte den Martin mit ihren himmelblauen Augen an, zog einen Spiegel aus ihrer Rocktasche und betrachtete sich zufrieden darin.
„Liebe Hexe, könnten Sie mir...?“ Aber ehe Martin das Wort „ Sehende Auge“ aussprechen konnte, antwortete die Hexe: „ Das `Sehende Auge´ kannst du nur erringen, nicht erhalten. Drei Aufgaben musst du erfüllen. Dann hast du das Recht, das Auge zu benutzen. Versagst du aber bei den Aufgaben, kann es dir schlimm ergeben, Martin!“ Sie schaute Martin durchdringend an. „Wie entscheidest du dich?“
Martin brauchte keine Bedenkzeit. „Stellen Sie mir die Aufgaben“, sagte er betont forsch.
„Gut, so sei es! Du musst deine Klugheit, deinen Mut und deine Aufrichtigkeit beweisen. Womit möchtest du beginnen?“
„Entscheiden Sie , liebe Hexe“, antwortete Martin, vor Aufregung sehr nervös.
Anton, der wenige Meter unterhalb des Gipfels alles mit angehört hatte, drückte seinem Bruder die Daumen. „Du schaffst das Martin. Los, du schaffst das!“, murmelte er. Plötzlich wurde er von starken Händen gepackt. Ein fürchterlicher Gestank kroch in seine Nase. Ihm wurde speiübel. „Ha, ein Mensch! Ein Braten zum Fest!“, hörte Anton ein Geschöpf sagen. Die Hörner auf dem Kopf, der Pferdefuß, ein langer Schwanz und dann dieser Gestank, es musste Schwefel sein – das, das konnte nur der Teufel sein! Behaarte Hände packten Anton, hoben ihn hoch und trugen ihn zum Gipfel. „Schwester sieh nur! Ich habe einen Menschen! Das gibt einen Festbraten!“
Doch ehe die Hexe antworten konnte, schrie Martin: „Lass sofort meinen Bruder los! Er hat mit dieser Sache nichts zu tun! Loslassen, habe ich gesagt!“
Verwundert schaute der Teufel auf Martin. „He, da ist noch solch schöner Festtagsbraten, zart und doch knusprig. Na, dann nehme ich dich!“
Er ließ Anton, der inzwischen durch die Umklammerung sein Bewusstsein verloren hatte, einfach zu Boden plumpsen. Martin sehend, wie sein bewusstloser Bruder wie ein Mehlsack hingeworfen wurde, sprang voller Zorn auf des Teufels Rücken. Er griff die langen Ohren und zog mit aller Kraft, so dass der Teufel vor Schmerzen aufschrie. Martin ließ die Ohren los, griff die Nase des Teufels und drehte sie so gut er konnte herum. Wieder ertönte ein Schmerzensschrei so laut, dass die Raben auf dem fernen Berg erschrocken davonflogen. „Ich werde dich lehren, Menschen als Braten zu betrachten!“, schrie Martin erbost. „Du widerliches stinkendes Untier! Du bist ein Ungeheuer!“
Martin rutschte vom Rücken, ergriff den langen Schwanz des Teufels und zog aus Leibeskräften daran. Er zog und zog, der Teufel wimmerte und konnte sich nicht befreien. Als Martin den Schwanz so lang gezogen hatte, dass er ihn um den einsamen Baum wickeln konnte, bat der Teufel um Gnade: „Aufhören! Ich werde euch nicht verspeisen!“
In diesem Moment schnipste die Hexe mit dem Finger und der Teufel, aber auch Martin erstarrten. Martin nahm alles wahr, konnte aber keinen Finger, selbst die Zunge nicht bewegen. Und genauso erging es dem Teufel. Die Hexe schritt zu Anton, hob in sanft auf und trug ihn ins Haus. Dort bestrich sie sein Gesicht mit den Händen. Anton schlug die Augen auf. „Wo bin ich? Was ist geschehen?“, fragte er verwundert die junge Frau, die ihm zulächelte.
„Du bist im Hexenschloss und Schlimmes ist mit dir nicht geschehen. Mein Zauber hat dich beschützt. Aber einen tollen kleinen Bruder hast du. Er hat bereits die Prüfung der Aufrichtigkeit und des Mutes geschafft. Nicht schlecht für solch einen kleinen Knirps!“
Sie lächelte Anton an. Der verstand so gut wie gar nichts. Also erzählte die Hexe von den drei Prüfungen und dass sie ihren Bruder, den Teufel, dafür ausersehen hatte, Martins Mut zu prüfen. Und dass sie von Martins Aufrichtigkeit, Gutes zu vollbringen, jetzt fest überzeugt sei. Nur eine Prüfung muss er noch ablegen: Er muss seine Klugheit beweisen.
Die Hexe erhob sich, ging zur Tür und forderte Anton auf, mit nach draußen zu gehen. Dort löste sie zuerst die Starre ihres Bruders, des Teufels. „So“, sagte sie, „jetzt zeige dich in deiner netten Gestalt.“ Und der Teufel drehte sich einmal um sich selbst und vor Anton stand ein junger fescher Mann, der ihm lächelnd die Hand reichte.
„Entschuldige, lieber Anton!“, sagte er lächelnd. „Ich musste grob zu dir sein. Meine Schwester hat dich aber gut beschützt!“
Martin, in seiner Starre, nahm aber alles mit Bewusstsein wahr. Nichts änderte sich an seiner Haltung, keinen Finger und kein Augenlied konnte er bewegen. Der Zauber der Hexe wirkte noch. „Martin!“, sprach jetzt die Hexe. „Zwei Prüfungen hast du bereits erfolgreich bestanden. Mein Bruder und ich bescheinigen dir Aufrichtigkeit und Mut. Nun zur dritten Aufgabe. Bist du bereit?!“
Wie sollte Martin der Hexe diese Frage beantworten? Also stand er und starrte. Die Hexe lächelte und formulierte die dritte Prüfung: „Was kann man nie und nimmer gefangen nehmen, Martin?“
Martins Gedanken rasten nur so. In Sekundenschnelle prüfte er seine möglichen Antworten, aber alle verwarf er. So stand er eingesperrt in seiner Starrheit und konnte nur noch denken.
Dann durchzuckte ihn ein Geistesblitz. Anton merkte dies an den Augen seines Bruders. Nicht, dass sie sich bewegten, nein, sie „sprachen“. Und diese Sprache verstanden die Hexe und ihr Bruder. „Hervorragend!“, rief die Hexe und erlöste Martin aus seiner Starre. „Du bist ein kluger Junge!“, kommentierte auch der Teufel Martins Antwort.
Die Hexe löste die Starre auf. Martin schüttelte sich und fragte sofort: „War denn die Antwort `Gedanken kann man nicht gefangen nehmen´ richtig?“
„Aber ja“, antwortete ihm lächelnd die Hexe, „sonst hätte ich die Starre nicht so einfach aufheben können. Auch in unserer Welt gibt es viele Gesetze und Bestimmungen.“
„Das hast du prima gemacht!“, meinte auch der Teufel, der jetzt gar nicht mehr wie ein Teufel aussah. Er schlug dem Martin voller Anerkennung mit seiner Hand, die eine richtige Pranke war, kräftig auf die Schulter. Martin rutschte in sich zusammen.
„Du Grobian! Du Teufel! Kannst du nicht besser aufpassen! Musst du dem kleinen Martin so weh tun!“, schrie die Hexe ihren Bruder an. Und ihre Wut steigerte sich noch, als sie sah, dass Anton den fast bewusstlosen Martin aufhob. Sie knallte dem Teufel ihre Hände, und es waren garantiert nicht nur zwei, in einem solchen Tempo um die Ohren, dass der Teufel wimmerte: „Aufhören, liebste Schwester! Ich werde alles tun, um dies ungeschehen zu machen! Teufels Ehrenwort!“
„Ach du Teufel! Du Nichtsnutz! Du Dummbart!“, fauchte die Hexe schon etwas versöhnt. Dann eilte sie zu Martin, strich mit der Hand über sein Gesicht und Martin schlug die Augen auf. „Hat dich dieser verflixte Teufel grob behandelt“, brabbelte sie Und nahm Martin in die Arme. Dem war das gar nicht recht. Er sträubte sich gegen ihre Umarmung. „Ist schon gut“, antwortete er, „ich hab´s ja überlebt!“
„Aber etwas Gutes hat es auch“, flüsterte die Hexe ihm zu. „Weißt du, Martin, der Teufel muss dir jetzt dienen!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Und das behagt ihm gar nicht, diesem Nichtsnutz, diesem großen dummen Teufel!“
Anton, der dies alles nur als Beobachter registrierte, brachte sich jetzt in Erinnerung. „Bekommt Martin jetzt das `Sehende Auge´ ?“
„Ja, natürlich!“, erwiderte die Hexe und winkte dem Bruder. Der Teufel eilte in die Hütte und trug sehr vorsichtig in beiden Händen das `Sehende Auge´.
„Lege es dem Martin in den Schoß“, flüsterte die Hexe. Zu den Jungs gewandt, sagte sie: „Man soll das `Sehende Auge´ auf keinen Fall grob behandeln, man darf nicht lügen und der Fragende muss sehr klug sein. Nur dann wird das `Auge´ auch die Fragen richtig beantworten.“
Martin übernahm äußerst behutsam das `Auge´. Er und Anton betrachteten dieses geheimnisvolle `Auge´. Es war ein Stein, in Form und Aussehen dem menschlichen Auge ähnlich. Dieser Stein strahlte - es war, als würde er mit dieser Strahlung etwas mitteilen wollen. So jedenfalls empfand das Martin. Er schaute die Hexe fragend an. „Frage“, sagte diese, „Frage und das `Auge´ wird dir die Antwort geben.“
Doch Martin wandte sich zuerst an seinen Bruder: „Anton, ist dir aufgefallen, dass meine Erzählung ganz anders war. Seit wir den Berg bestiegen haben, erleben wir eine neue Geschichte.“
„Das stimmt, Martin!“, antwortete Anton und fragte jetzt die Hexe: „Hat das etwas zu bedeuten?“
„Gut ist das nicht, aber was es zu bedeuten hat, das kann ich nicht beantworten.“
„Wer kann es denn?“, fragte Martin. Dabei betrachtete er in seiner Hand das `Auge´. Doch jetzt sandte der Stein keine geheimnisvolle Strahlen aus. Er lag kalt in Martins Hand.
„Nur der Märchenerzähler, vielleicht noch unser König“, antwortete die Hexe. Sie blickte zu ihrem Bruder. „Teufel noch mal, jetzt kannst du deine Schandtat von vorhin wieder gut machen. Eile und frage den Märchenerzähler!“
Der Teufel strahlte übers ganze Gesicht, drehte sich dreimal um sich selbst und hast du nicht gesehen, in seinem Teufelsaussehen brauste er mit einer teuflischen Geschwindigkeit durch die Luft. Auf dem Hexenberg lud die Hexe die Jungs zum Essen ein. In der Hütte brodelte der große Topf über dem offenen Feuer. Es roch herrlich nach Sonntagsbraten, Weihnachten und Geburtstagskuchen. Es war, als krochen sämtliche Gerüche den beiden Jungs in die Nase und von dort zum Magen, der vor Freude zu knurren begann.
Anton saß bereits am Tisch, während Martin mit beiden Händen das `Sehende Auge´ umschließend, vor dem Stuhl stehen blieb. „Wo kann ich das Auge hinlegen?“, fragte er zaghaft.
„Hm“, meinte die Hexe nachdenklich. „es müsste seiner Bedeutung angemessen und sicher sein. Du musst es ja auch auf deiner langen Reise sicher bewahren können. Was könnte es denn sein?“ Nachdenklich rührte die Hexe den Inhalt des Topfes um.
„Wäre der goldene Becher, den Martin vom Märchenerzähler erhalten hat, das Richtige?“
„Ja, Anton“, antwortete die Hexe freudig, „ein edleres Gefäß können wir nicht finden. Wo ist er , dieser goldene Becher?“
Anton hatte ihn in seiner tiefen Hosentasche sicher verwahrt. Die Hexe nahm ihn, strich dreimal über den Rand des Bechers und weiches, frisches Moos schwebte durch die offene Tür direkt in den Becher. Mit ihren langen Fingern formte sie das Moos so, dass das „Auge“ hineingelegt werden konnte. Sie forderte Martin auf, dieses zu tun. Vorsichtig legte Martin das „Sehende Auge“ hinein und die Hexe verschloss den Becher mit einem Deckel aus Birkenrinde.
„Willst du das `Auge´ befragen, so öffne nur den Deckel“, sagte sie zu Martin.
Sie stellte den Becher auf den Tisch und forderte Martin auf, Platz zu nehmen. „Kommt nun und probiert meine Kochkunst. Sie ist weit und breit berühmt. Selbst die Königsfamilie holt mich zu ihren Festen ins Schloss. Dann bin ich dort der Küchenmeister.“
Sie schnipste mit den Fingern und hölzerne große Schüsseln schwebten aus dem Wandschrank zum Tisch. Ein zweiter Schnips und die Kelle füllte jedem Jungen die Schüssel.
Der Duft war betörend. Essen wollten die Jungs - ja, aber wie diese köstliche Suppe löffeln. Ein neuer Fingerschnips löste das kleine Problem und dann war in den nächsten Minuten außer „Das ist köstlich!“ und „Das schmeckt!“ nichts mehr zu hören. Die Köchin strahlte übers ganze Gesicht. „Esst! Esst!“, forderte sie ihre Gäste auf. Kaum waren die Schüsseln geleert, als mit einem neuen Fingerschnips ein Braten aus dem Topf in die Schüsseln schwebte. Dem Braten hinterher folgten zweizinkige Gabeln und zwei mächtige Messer. Und der Braten schmeckte noch besser als die Suppe. Der unerschöpfliche Topf lieferte dann auch noch einen köstlichen Kuchen, der einfach „göttlich“ schmeckte. So jedenfalls meinte es Anton und Martin nickte mit vollem Mund zustimmend.
Kaum hatten die Jungs den letzten Bissen hinunter geschluckt, als es nach Pech und Schwefel roch. „Ach, mein Brüderchen kommt zurück“, sagte die Hexe und schaute zur Tür. Dort erschien der Teufel, aber bereits in menschlicher Gestalt als junger Mann.
„Ich bringe Botschaft vom Märchenerzähler und einen Befehl des Königs!“, rief er laut.
„Nun sprich, was ist die Botschaft!“, forderte die Hexe ungeduldig.
Und der Teufel erzählte, was ihm der Märchenerzähler berichtet hatte. „Der Zauberer Rebuaz hat durch seine Spione Kunde von zwei Menschenkindern erhalten. Er weiß, dass Martin ihn besiegen kann. Durch dieses Wissen über die Kraft des Martins verängstigt, legte er den großen Feuerzauber über sein Reich. Die Erde tat sich auf und sie gebar das Feuer. So sollen Martin und sein Bruder am Weiterkommen gehindert werden.“
Während der Teufel erzählte, lugte er immer wieder zu dem großen Topf auf dem Feuer. Seine Schwester, die dies mit einem Lächeln quittierte, gab ihm aber unmissverständlich zu verstehen, dass er erst alles berichten musste, ehe er speisen konnte. So setzte der Teufel seinen Bericht fort: „ Ich habe den Märchenerzähler auch gefragt, warum Martin feststellen musste, dass seit dem Besteigen des Hexenberges die Gegenwart anders verläuft. In seinem Märchen hätte er es anders erzählt. Die Antwort gab der König: Er habe aus Vorsicht ein neues Königs-Gesetz verfügt! Da bekannt wurde, dass Rebuaz über Martins Vorhaben bescheid wusste, verfügte die Majestät, dass Martin Helfer bekommen darf. So lässt er Martin fragen, ob er auch weiterhin ein Kämpfer für die `Andere Welt´sein wolle. Und Anton lässt der König fragen, ob er gemeinsam mit seinem Bruder gegen den Zauberer kämpfen würde. Dich, liebe Schwester bittet die Königin, mit dem `Großen Schutzzauber´, den selbst der Zauberer Rebuaz nicht brechen kann, die beiden Menschenkinder zu beschützen.“
„Den `Großen Schutzzauber´!“, flüsterte die Hexe erschrocken. Kreidebleich war sie geworden. „Ich habe ihn noch nie gesprochen“, fügte sie schnell hinzu.
„Aber du bist die Einzigste, die ihn ausführen kann und darf. Das hat ausdrücklich die Königin gesagt!“, erwiderte der Teufel. „Unsere Mutter hat ihn dir gelehrt. Nur dir! So war es doch!“
„Ja, du hast ja recht, aber in den letzten zweihundert Jahren wurde er nie angewandt. Es ist ein mächtiger Zauber!“
Dem Teufel knurrte der Magen. Immer und immer wieder schielte er zum dampfenden Topf auf dem Feuer. Ungeduldig, die köstliche Speise vor Augen, murrte er: „Jetzt sagt mir eure Antwort. Der König wartet darauf!“
Er schaute die Brüder fragend an. Die nickten zustimmend, wenn man ihnen auch ansah, dass ihnen dabei nicht ganz wohl war. „Und du, Schwester?“
Die Hexe murmelte: „Ja, ja! Ich werde ihn aussprechen!“
„Dann kann ich die Botschaft dem König senden“, sagte erfreut der Teufel. Er winkte einem bisher unsichtbaren Geschöpf, es war eine große Eule, und befahl ihr, dem König zu berichten.
„So, das wäre erledigt“, rief er dann fröhlich und eilte zum großen Topf. „Wie das wieder duftet, Schwester!“, lobte er sie im Vorgeschmack eines genussvollen Essens.
„Halt!“, kam es befehlend von der Hexe. „Noch wissen wir nicht alles. Was ist mit dem Befehl des Königs?“
Der Teufel, der bereits mit der Kelle sich bedienen wollte, zuckte zurück. Dann erwiderte er lächelnd: „Ach, nichts besonderes. Der König meinte, dass ich der Einzige in unserem Reich bin, der das mächtige Erdfeuer besiegen kann. Das ist mein Auftrag. Kann ich nun endlich essen?“
„Ja, das kannst du.“ Die Hexe gab ihm den Topf vom Feuer. Dann rief sie die Jungs zu sich. „Jetzt spreche ich den `Großen Schutzzauber´ über euch. Martin gib mir das `Auge´.“
Martin nahm aus dem goldenen Becher das Auge und gab es vorsichtig der Hexe. Die schürte das Feuer, legte mächtige Holzscheite nach und ständig murmelte sie dabei - für die Jungs Unverständliches. Als das Feuer hell loderte, legte sie das `Auge´ in das Feuer. Jetzt stoben die Funken, ein gewaltiges Prasseln, dass in ein mächtiges Dröhnen überging, erfüllte den ganzen Raum. In diese Feuerglut ging sie hinein und forderte die Brüder auf, es ihr gleich zu tun. Der Teufel schaute vor Ehrfurcht auf das Treiben seiner Schwester und vergaß sogar, das mächtige Stück Braten in den Mund zu schieben.
Ängstlich gingen die Brüder zum Feuer. „Kommt nur!“, flüsterte die Hexe. „Euch kann nichts geschehen. Ich beschütze euch!“ Und so fassten die Brüder Mut und schritten in die Feuersbrunst.
Sie waren durch den Zauber der Hexe geschützt. Nichts merkten sie von der Feuerglut. Sie sahen durch das Feuer hindurch und nahmen alles wie gewohnt war. „Fasst euch an“, sagte die Hexe und die Jungs fassten sich an die Hände. Die Hexe nahm aus der Glut das „Sehende Auge“ und gab es Martin in die Hand. Es war überhaupt nicht warm, obwohl es im Feuer gelegen hatte.
„Lege deine Hand darauf, Anton“, flüsterte die Hexe und Anton tat es. Jetzt trat die Hexe in ihren Kreis und als sie die Hände der Jungs umfasste, spürten diese eine ungeheure Wärme und Energie in sich aufsteigen. Der Stein in ihren Händen begann zu leuchten und vermittelte den Brüdern ein wohliges Gefühl, das man nur erleben, aber nicht beschreiben kann.
Um den großen Schutzzauber abzuschließen, sprach die Hexe wieder wundersame Worte, in einer Sprache, die die Jungs nicht verstanden. Plötzlich hielt sie inne. Das „Sehende Auge“ nahm wieder seine ursprüngliche Farbe an und lag kalt in den Händen der Brüder.
„Der Zauber ist vollbracht“, sagte die Hexe und verließ das Feuer. Sie forderte die Jungs auf, ebenfalls aus dem Feuer zu gehen. Erschöpft setzte sich die Hexe neben ihren Bruder. Als Martin zu ihr schaute, erschrak er. Die gute Hexe sah um viele Jahre gealtert aus. Ächzend und mit rauer Stimme sagte sie: „Bruder, jetzt erfülle du des Königs Befehl. Ich muss schlafen.“
Das letzte Wort war verklungen und die Hexe sackte am Tisch in sich zusammen und lautes Schnarchen erfüllte den Raum. Der Teufel hob sie hoch und trug sie in die Hexenkammer. Obwohl er die Tür gut verschloss, hörten die Jungs immer noch ihr ohrenbetäubendes Schnarchen. „Unsere Mutter hat ihr diesen mächtigen Zauber gelehrt. Aber eine Hexe kann ihn nur einmal im Leben ausführen. Jeder Zauber nimmt ihr die Kraft vieler Jahre.“
Das Feuer war in sich zusammengefallen, der Teufel schuf Ordnung in der Hütte. „So“, murmelte er, „nun werde ich das Erdfeuer des Rebuaz löschen.“ Er drehte sich zu den Jungs um und forderte sie auf, das „Sehende Auge“ in den goldenen Becher zu tun und dann vor die Hütte zu gehen. Dort fragte er: „Wie wollt ihr den Hexenberg verlassen, allein oder mit mir?“ Die Brüder wussten darauf keine Antwort. Schließlich meinte Anton: „Der sicherste Weg wäre wohl recht!“
„Gut, so reitet mit mir!“, erwiderte der Teufel schmunzelnd. Er pfiff und ein ausgewachsener Ziegenbock mit riesigen Hörnern kam meckernd zu den Jungs gelaufen. „Nehmt Platz! Setzt euch vorne hin. Am Schwanz zieht mich Adelbert!“
Wer Adelbert war, brauchten die Jungs nicht zu raten. Der Ziegenbock meckerte freudig: „Nur aufgesessen und geschwind geht es ins Tal!“
Martin und Anton saßen auf. Die Hörner des Bockes waren wirklich gewaltig. Beide Jungs konnten sich daran festhalten. Kaum saßen sie als der Teufel den Schwanz des Ziegenbockes fasste und rief: „Lauf Adelbert! Lauf wie der Wind! Hinab in das Tal, geschwind, geschwind!“ Und der Ziegenbock „stürzte“ sich den Berg hinab. Sicher sprang er von Fels zu Fels und wurde doch immer noch vom Teufel zur Eile angetrieben. Der Wind pfiff den Jungs um die Ohren und doch hatten sie nie das Gefühl, in Gefahr zu sein.
Unten auf der Wiese wurden sie von dem Einhorn und dem Zentaur erwartet. „Beeilen wir uns!“, rief der Zentaur. „Wir haben Botschaft, dass der Zauberer Rebuaz seine fliegenden Drachen als feuerspeiende Kampfmaschinen gegen die Menschenkinder einsetzen will!“
„Eia! Etwas besseres hättest du mir nicht sagen können!“, frohlockte der Teufel. „Mit diesen Ungetümen wollte ich sowieso schon immer meine Kräfte messen! Auf geht's, Adelbert! Auf in den Kampf!“ Doch bevor Adelbert losrennen durfte, glitten die Brüder vom Rücken des Ziegenbockes und bestiegen den Zentaur und das Einhorn. Fast hätte man meinen können, dass es ein Wettrennen zwischen dem Ziegenbock, dem Einhorn und dem Zentaur sei. Die Erde dröhnte unter ihren Hufen. Zuerst versagten dem Zentaur die Kräfte, dann wurde auch das Einhorn langsamer. Des Teufels Ziegenbock, angetrieben vom Teufel, der immer noch am Schwanz seines Tieres hing, jagte über Wiesen, preschte enge Waldschneisen entlang und übersprang große Flüsse und kleine Bäche mit Riesensätzen.
Plötzlich hielt der Zentaur. Auch das Einhorn vor ihm , mit Martin auf dem Rücken, verharrte. Am dunklen Horizont flogen riesige Vögel, die einen Feuerball vor sich her wälzten.
„Was sind das für Vögel?“, fragte Martin. Und das Einhorn antwortete ihm: „Keine Vögel, es sind die Schrecken der `Anderen Welt´. Es sind die feuerspeienden Drachen des Rebuaz. Keiner hat sie bisher besiegt. Ich hoffe nur, der Teufel ist stark und klug genug, um sie zu bezwingen.“ Der Zentaur, der inzwischen mit Anton zum Einhorn aufgeschlossen hatte, ergänzte: „Der Teufel hat schon einmal mit ihnen gekämpft. Damals, vor mehr als 100 Jahren war er noch ein Junge und verlor. Nur der Zauber seiner Mutter hatte ihm damals das Leben gerettet. Aber er hat den Drachen ewige Feindschaft geschworen.“
Jetzt erlebten die Brüder einen einzigartigen Kampf. Der Teufel war auf den Rücken des Adelbert gestiegen, in der einen Hand blitzte sein Dreizack und in der anderen Hand glänzte ein riesiges Schwert. Adelbert jagte durch die Lüfte, laut meckernd, das aber eher wie Kampfgeschrei klang. Schon nahm der Teufel den ersten Drachen aufs Korn. Der spuckte eine riesige Flamme gegen den Angreifer, doch der Teufel warf sich direkt in dieses Flammenmeer. Mit dem Dreizack spießte er den Drachen auf und mit dem Schwert schlug er dem Drachen alle seine drei Köpfe ab. Und diese Kampftechnik wandte er gegen jeden Drachen an und bald lagen alle sieben Drachen des Rebuaz tot auf der Erde. So glaubten jedenfalls die Brüder und ihre Reittiere. Doch der siebente Drache hatte noch Leben in sich. Als der Zentaur mit Anton nahe an ihm vorbei ritt, fauchte er nochmals einen mächtigen Feuerball. Während Anton durch den großen Schutzzauber der Hexe geschützt war, wurde der Zentaur geblendet.
Erschrocken eilten der Teufel und Martin mit dem Einhorn zum Zentaur. „Damit deine Schmerzen gelindert werden, nimm das!“, sagte der Teufel und spie eine blaue Flamme auf die Augen des Zentaur. „Feuer musst du mit Feuer bekämpfen!“, erklärte er den erschrocken dreinblickenden Brüdern. „Danach handeln alle Teufel!“ Er wandte sich direkt an den Zentaur und bat: „Warte hier. Ich will das Erdfeuer besiegen und dann führe ich dich zum Hexenschloss. Meine Schwester wird deine Augen heilen!“
Das Einhorn ließ Anton aufsteigen und im gemächlichen Trab ging es hinter dem Teufel hinterher. Der war vor Kampfeslust richtig außer Rand und Band. Der Sieg über die sieben Drachen machte ihn zum größten Kämpfer im Märchenreich. Und jetzt wollte er sein Meisterstück abliefern: Das mächtige Erdfeuer, das der Zauberer Rebuaz tief in der Erde entzündet hatte, zum Stillstand zu bringen.
Er trieb seinen Ziegenbock zur Eile an und reimte voller Übermut: „Der Rebuaz, der Rebuaz – der kriegt von mir jetzt eine vorn Latz!“ Und die immer näher kommenden brennenden feuerspeienden Berge widerhallten vom Gelächter des Teufels.
Und dann sahen die Jungs und ihr Reittier, das Einhorn, ein wundersames Schauspiel. Mit einem gewaltigen Satz sprang Adelbert mit dem Teufel am Schwanz in das größte Kraterloch – mitten hinein. Eine gewaltige Eruption erschütterte die Erde. Die Luft flimmerte vor Hitze und der Himmel war nur noch rot, glutrot. Schlagartig hörte das Beben auf, die Bläue des Himmels verdrängte das Rot und aus dem Krater schoss Adelbert senkrecht in den Himmel, höher und immer höher. Auf seinem Rücken saß verkehrt herum der Teufel, den Dreizack triumphierend in die Luft stoßend und ein mörderisches Freuden- und Siegesgeheul ausstoßend. „Rebuaz, du Wicht, du Nichtskönner, du Dummbart! Deine Drachen und dein Feuer habe ich besiegt! Jetzt verlierst du deine ganze Macht. Zwei Menschenkinder werden dich besiegen! Das schwöre ich, ich Luzifer, der Teufel, Bändiger des Erdfeuers und Bezwinger der dreiköpfigen Drachen!“
Als der Ziegenbock neben dem Einhorn den Boden berührte, verbreitete sich ein fürchterlicher Gestank. Ruß, Schwefel, Asche schüttelte der Ziegenbock aus seinem Fell. Der Teufel war kohlrabenschwarz, aber frohgelaunt. Er kraulte dem Adelbert aus Dankbarkeit für dessen Hilfe die Ohren.
„Den Befehl des Königs habe ich ausgeführt. Ich werde jetzt den Zentaur zu meiner Schwester führen. Ihr ,Martin und Anton, müsst jetzt immer dem `Sehenden Auge´ folgen. Fragt das `Auge´und es wird euch den Weg weisen. Hütet es und beschützt es, denn nur dann kann es auch euch beschützen. Der Rebuaz ist geschwächt, aber noch nicht besiegt. Er ist falsch und grausam, kann verschiedene Gestalten annehmen und ist ein mächtiger Kämpfer. Seid also immer auf der Hut. Noch kann euch das Einhorn einen kurzen Weg bringen, doch dann seid ihr allein. Besiegen könnt ihr den Rebuaz aber nur, wenn ihr ihm sein `Sehendes Auge´nehmt.“
Verwundert fragte Martin: „Er hat auch eins?“ Und der Teufel antwortete: „Einst hat er es als Mitgift für die Hochzeit mit meiner Schwester von meiner Mutter, der großen Hexe, erhalten. Doch er brach sein Heiratsversprechen, behielt aber das zweite `Auge´. Nur, da dieser Rebuaz nicht aufrichtig ist, hat sein `Auge´ weniger Kraft.“ Er schaute Martin an als er weitersprach: „Du weißt doch noch, welche Prüfungen du bestehen musstest, ehe dir meine Schwester das `Auge´geben durfte?“
Martin nickte: „Mut, Aufrichtigkeit und Klugheit, das musste ich beweisen.“
„Und wie du das bewiesen hast!“, rief der Teufel lachend aus. „Und damit wirst du dem Rebuaz überlegen sein! Höre Martin und auch du Anton, beherzigt meine Worte: Wer mutig, aufrichtig und klug ist, den verlässt das `Sehende Auge´ niemals! Es beschützt euch und bekämpft mit euch das Schlechte in der `Anderen Welt´!“
Sich an das Einhorn wendend, bat er es, die Brüder bis zu den Toren des Zauberreiches zu bringen. Weiter sollte es aber nicht gehen, denn nur die Menschenkinder allein können den Zauberer besiegen. „Ich bringe sie bis zum großen Zaubertor und dort warte ich auf sie, um sie nach Hause zu bringen“, versprach das Einhorn.
Nun trieb der Teufel Adelbert zur Eile und das Einhorn lief mit den Brüdern auf dem Rücken in die andere Richtung. Mit gewaltigen Sätzen brachte es die Kinder zum Reich des Zauberers. Vor ihnen taten sich die Berge auf, zwei mächtige Kegelberge bildeten das Tor zum Zauberreich. Wer dieses Reich betritt, begibt sich in die Hand des mächtigen Rebuaz. „Hier werde ich auf euch warten, seid vorsichtig in eurem Kampf. Der Mutige ist auch immer klug, denn sonst könnte er die Gefahren schlecht erkennen. Solltet ihr trotzdem in eine arge Bedrängnis kommen, so ruft mich. Ich werde euch aus dem Machtbereich des Rebuaz bringen. Reißt mir aus meiner Mähne ein Haar aus, jeder nur ein Haar! Wisst ihr nicht weiter, dann zerreißt es und ich werde kommen!“
Und die Jungs zupften dem Einhorn aus seiner dichten Mähne je ein Haar und wickelten es um einen Jackenknopf. „So können wir es nicht verlieren“, kommentierte Anton ihr Tun. Das Einhorn wünschte den Brüdern nochmals Erfolg für ihre Aufgabe und ermahnte: „Denkt daran: Mut und Klugheit gehören zusammen!“
„Wir denken bestimmt daran, liebes Einhorn“, erwiderte Martin. Das Einhorn trabte auf die große Wiese und legte sich schnaubend ins weiche Gras.
„Jetzt gilt es, Martin!“ Anton schaute seinen jüngeren Bruder an. „Wollen wir?“ Martin nickte nur. Und als würde das ihre Kraft verdoppeln, fassten sich die Brüder an die Hände und durchschritten das Tor. Eigentlich erwarteten sie sofort irgendwelche Ungeheuer, die versuchen werden, sie zu töten. Aber nichts geschah, rein gar nichts! Was allerdings den Brüdern sofort auffiel, war, dass kein Vogel sang, kein Hase oder ein anderes Getier durchs Gras lief, selbst die Sonne nur irgendwie unwirklich schien.
Als sie ein zweites Tor durchschritten, das von kleineren Kegelbergen gebildet wurde, verfinsterte sich der Himmel. Der Donner grollte und Blitze zuckten, grell die Umgebung erleuchtend. Mit lautem Zischen schlugen sie neben den Jungs ein. Jetzt zeigte sich, dass der große Schutzzauber der Hexe die Menschenkinder wie mit einer Glocke beschützte.
So plötzlich, wie der Spuk begann, so plötzlich endete er auch. Der Rebuaz erkannte, dass er so die Jungs nicht besiegen konnte. Dafür entsandte er seine beiden Leibdiener, Riesen von Gestalt und zu jeder Untat fähig. Als die Jungs diese zwei Gestalten, sie wuchsen auf die Höhe eines Kirchturmes und trugen Schwerter aus glänzendem Stahl, sahen, wurde ihnen ganz schön mulmig. Kleinlaut flüsterte Martin: „Wollen wir das `Sehende Auge´ um Hilfe bitten?“
„Versuchen wir es“, antwortete ihm Anton. Er zog den goldenen Becher aus seiner unergründlich tiefen Hosentasche. „Ich nehme den Deckel ab und du fragst. Klar Martin? Denk daran, du bist der Bestimmer!“ Und so fragte Martin: „Auge, du allwissendes, du sehendes Auge, kannst du uns helfen? Sag, wie können wir die beiden Riesen besiegen?“
Und das `Auge´ begann zu leuchten, hob sich aus dem goldenen Becher und sandte helle Strahlen, gleich einem Laserstrahl der Menschen, gegen die Riesen. Vor den Augen der Jungs zerflossen die Riesen und nur zwei Rinnsale kündete von ihrer Existenz.
Erleichtert flüsterte Martin: „Danke, `Sehendes Auge`! Danke!“
Das „Auge“ erlosch und sank in den Becher zurück. „Ich behalte den Becher am besten gleich in der Hand. Der Rebuaz hat bestimmt noch mehr Anschläge auf uns vor“, meinte Anton. Doch sie hatten die Macht des Zauberers überschätzt. Der mächtige Schutzzauber der guten Hexe war dem Rebuaz nicht verborgen geblieben. So konnte er die Menschenkinder nicht besiegen – also griff er zur List. Er zeigte sich ihnen in seinem goldenen Festgewand. Ein mächtiger spitzer goldener Hut bedeckte die pechschwarzen Haare, die bis zu den Knien fielen. Seine Füße steckten in Stiefeln aus rotem Samt, die mit Goldfäden bestickt waren. Und überall, auf dem Umhang, dem Hut und den Stiefeln, waren Drachen und Schlangen abgebildet. Auf der Stirn haftete in einer goldener Fassung das zweite „Sehende Auge“. Es schimmerte nur matt und schien nur äußerlich mit dem `Auge´ der Hexe identisch zu sein. Auf einem goldenen Thron sitzend, der Rebuaz war bestimmt dreimal so groß, wie ein normaler Mensch, empfing er die Menschenkinder. Betont freundlich begrüßte er sie: „Herzlich willkommen in meinem Reich! Es freut mich, ebenso mächtige Zauberer, wie ich einer bin, begrüßen zu können. Nehmt mir meine kleinen Überraschungen nicht übel. Ich wollte nur den Beweis, dass meine Gäste mächtig und mir ebenbürtig sind.“ Jetzt lächelte der Zauberer sogar und lud die Jungs mit einer Handbewegung zum Weitergehen ein. Doch die hielten einen gebührenden Abstand zu ihm.
„Ich möchte euch zum Willkommen mit Schätzen überhäufen. Nehmt sie als Geschenk!“ Und der Zauberer bewegte die Arme und aus den weiten Ärmeln seines Umhanges fielen edelste Diamanten, Saphire, Rubine, Smaragde. Wie ein Teppich breiteten sie sich vor den Kindern aus. „Nehmt und ihr seid reicher als jeder König in eurer Welt! Nehmt! Nehmt!“ Beschwörend sprach er dieses „Nehmt!“, immer und immer wieder. Wie benommen standen die Kinder, dann schüttelte sich Anton, so, als wollte er die Beschwörungen des Zauberers abschütteln. „Martin! Martin!“, zischelte er. Als Martin immer noch wie in Trance verharrte, stieß er ihn seinen Ellenbogen mit voller Kraft in die Seite. „Aua!“, schrie Martin. Der Zauberer dies sehen und damit erkennend, dass seine Beschwörung wirkungslos blieb, änderte sofort die Taktik.
„Wenn ihr nicht meine Schätze wollt, was wollt ihr dann? Als meine Gäste werde ich euch jeden Wunsch erfüllen!“ Mit einer großzügigen Handbewegung unterstrich er gönnerhaft seine Worte.
Martin, inzwischen wieder bei vollem Bewusstsein, schrie ihn an: „Wir wollen die geraubte Prinzessin!“
Der Zauberer blieb gönnerhaft. „Ja, wenn ihr weiter nichts wollt? Nehmt eure Prinzessin und verlasst dann mein Reich.“ Er klatschte dreimal in die Hände und junge Mädchen kamen und stellten sich im Kreis auf. Eine war schöner als die andere, alle trugen eine kleine Krone auf dem Kopf. „Nehmt eure Prinzessin und geht!“ Der Zauberer hatte sich erhoben. Jetzt war er nicht mehr gönnerhaft, jetzt befahl er. Dann sahen die Jungs sein hinterhältiges Lächeln. Was hatte der Zauberer jetzt im Sinn? Die Antwort kam sofort: „Die Prinzessin, die ihr auswählt, wird mit euch gehen. Egal, ob sie eine Prinzessin oder nur eine Vision ist. Das befiehlt der große Rebuaz!“
Stolz reckte er sich und rief: „Wählt!“
Anton flüsterte als Antwort auf Martins hilflosen Blick: „Martin, du bist der Bestimmer! Du musst die richtige Prinzessin auswählen!“
„Welche ist denn die richtige?“, fragte Martin leise zurück. Statt einer Antwort hielt ihm Anton den goldenen Becher hin. Er öffnete den Deckel und Martin bat: „Liebes, gutes sehendes und allwissendes Auge, ich Martin bitte dich, mir bei einer Entscheidung zu helfen. Wir wollen die Prinzessin befreien, aber wir haben sie noch nie gesehen. Also wissen wir auch nicht, wie sie aussieht. Kannst du uns die richtige Prinzessin zeigen?“
Und das `Sehende Auge´ begann zu leuchten, schwebte aus dem goldenen Topf und verschwand dann ebenso schnell wieder.
Verstört schaute Martin zu Anton. Der Zauberer, der diesen Vorgang zwar von weitem, aber mit „Adleraugen“ verfolgte hatte, höhnte: „Euer `Auge´ ist blind! Nehmt die Prinzessin und verlasst mein Reich! Sofort!“
Anton hatte nicht auf den Zauberer geachtet, sondern sich die Prinzessinnen angeschaut. Das „Sehende Auge“ war nicht erblindet und hatte doch Martins Bitte erfüllt. Ein kleines Mädchen, nicht älter als Martin, stand als einzige in der Reihe der Prinzessinnen, die eine goldene jetzt aber hell strahlende Krone auf ihren blonden Haaren trug. „Martin, sieh!“, flüsterte Anton. „Schau dir doch mal die Mädchen genauer an!“ Und Martin sah, was sein Bruder meinte. Nur zur Bestätigung fragte er Anton: „Du meinst die Kleinste?“ Und Anton nickte.
Mit forschem Schritt ging Martin zur richtigen Prinzessin, fasste sie an die Hand und zog sie aus dem Kreis der anderen Prinzessinnen. Kaum hatte das Mädchen den Kreis verlassen, verschwanden die anderen als Trugbilder des Rebuaz. Der schäumte vor Wut. Nochmals versuchte er, mit feurigen Blitzen die Jungs zu treffen. Doch der Schutzzauber der Hexe wirkte weiter. Nur die Prinzessin war nicht vor den Angriffen des Rebuaz geschützt.
„Beschütze du die Prinzessin! Ich knöpfe mir diesen Rebuaz vor!“, rief Anton. In einem günstigen Moment gelang es ihm, sich hinter einem Stein vor den Augen des Rebuaz zu verbergen. Martin schützte indessen mit seinem ganzen Körper das Mädchen. Zum Glück war sie mindestens einen Kopf kleiner als Martin. Dem Zauber des Rebuaz schien sie aber noch zu gehorchen. Zwar hatte sie sich von Martin aus dem Kreis wegführen lassen, sonst aber zeigte sie keinerlei Reaktionen. Sie sprach nicht, bewegte sich nicht, ihre ganze Haltung und ihr Gesichtsausdruck signalisierten: Ich, der mächtige Zauberer Rebuaz, beherrsche dieses Geschöpf!
Zum Glück für Anton war der Zauberer immer noch bemüht, Martin und das Mädchen zu vernichten. Doch der Schutzzauber war mächtig und so schäumte der Rebuaz vor Wut. Jeder neue abgeschlagene Angriff, ob das Feuerblitze oder giftige Fliegen, heiße Kübel mit Pech oder kleine fliegende Drachen mit messerscharfen Zähnen waren, vergrößerte die Wut des Zauberers. Er wollte nicht einsehen, dass der Schutzzauber der Hexe doch stärker war als seine Zauberkraft
Anton konnte, von Rebuaz unbemerkt, sich hinter den Zauberer schleichen. Jetzt stand er hinter dem goldenen Stuhl, auf dem Rebuaz in angespannter Haltung thronte. Antons Plan war eigentlich, dem Zauberer das zweite `Sehende Auge´ zu stehlen, um so seine Macht weiter zu verringern. Aber der Stuhl, auf dem der Zauberer saß, war viel zu hoch und damit war die Stirn des Zauberers mit dem `Auge´ für Anton nicht greifbar.
„Ich muss an dem Stuhl hochklettern. Nur so kann ich meinen Plan ausführen“, sagte sich Anton. Und vorsichtig, sehr vorsichtig zog er sich an der Rücklehne des Stuhles empor. Zum Glück gab es genügend Vorsprünge und goldene Trotteln, an denen er sich festklammern konnte. Nur einmal erwischte er das Gewand des Rebuaz, aber der hatte einen erneuten Wutausbruch und merkte nichts von dem Jungen, der hinter ihm hochkroch.
Als Anton jetzt den Kopf des Zauberers erreicht hatte, lugte er hinter ihm hervor. Er wünschte sich, dass Martin seine Gedanken erraten könnte. Wenn nämlich Martin den Zauberer ablenken würde, wäre es einfacher für Anton, das `Sehende Auge´ von der Stirn zu nehmen.
Und Martin entdeckte Antons Gesicht hinter dem Zauberer. Erstaunt und zugleich ängstlich rief er aus: „Vorsicht Anton! Vorsicht!“ Für Anton war das die Gelegenheit. Mit einer blitzschnellen Handbewegung griff er an des Zauberers Stirn und riss das `Auge´ aus der Fassung.
Das Wutgeheul des Rebuaz erschütterte die Berge, widerhallte und das Echo brach sich erneut an ihnen. Anton, das `Auge´ fest mit der Hand umschließend, rutschte an dem Stuhl hinunter und rannte so schnell er konnte hinter einen Steinwall. Dort öffnete er die Hand und bat: „`Sehendes Auge´ kannst du mir helfen? Was muss ich tun, um den Zauberer endgültig zu besiegen?“ Und das `Auge´ begann zu leuchten, strahlte in allen Farben und begann sich selbständig auf den Rebuaz zu bewegen. Der, dieses sehen, sackte in sich zusammen und schrie: „Nein! Nicht! Ich gebe meine Macht ab! Niemandem will ich mehr schaden!“
Das war jetzt kein mächtiger Herrscher, kein mächtiger Zauberer mehr, das war ein Jammerhaufen! Das `Auge´ flog um den Rebuaz und mit jeder Umkreisung erstarrte der Zauberer mehr und mehr. Als Rebuaz nur noch den Kopf bewegen konnte, blieb das `Auge´ über ihm stehen. Dunkelrot leuchtete es jetzt und hüllte die gesamte Umgebung in dieses Rot. Der Rebuaz gab nun keinen Laut mehr von sich, er war nur noch Stein.
Das `Auge´ hörte auf zu leuchten und kehrte zu Anton zurück. Just in diesem Moment erwachte die Prinzessin aus ihrer Starre. Sie hüpfte und trällerte, froh über ihre Befreiung. Dann eilte sie zu Martin und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. „Du bist mein Retter, ich danke dir!“, rief sie zwischen den vielen Küssen. Als sich Anton zu den beiden gesellte, lief die Prinzessin zu ihm und wollte auch ihn mit ihren Küssen eindecken. Doch der wehrte nur lachend ab: „Mir gehört nicht der Dank! Ich war nur der Helfer, Martin war der Bestimmer und Kämpfer!“ Und so bekam der arme Martin noch eine geballte Kussserie ab.
Anton tat sein bestes, um Martin vor weiteren Kussattacken zu schützen. „Prinzessin, Martin, lasst uns schnell diesen Ort verlassen. Hinter den Toren fühle ich mich sicherer“, sagte Anton. Er wusste nicht wieso, aber ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass der Kampf mit dem Rebuaz noch nicht zu Ende sei.
Und so rannten sie, die Prinzessin an den Händen fassend, zu den Toren. Anton hatte sich nicht getäuscht. Selbst nach seinem Tode versuchte der Zauberer noch, seine Bezwinger zu bekämpfen. Der Ausgang zu den Toren war durch eine mächtige Mauer aus Gestein, dass glatt wie Glas war, versperrt. Ein Überklettern war nicht möglich. Nicht der kleinste Vorsprung gab einen Halt für Hände oder Füße. Sie hatten den Zauberer besiegt und nun doch verloren?
Sie setzten sich und beratschlagten. Aber eine Lösung fanden sie nicht.
„Das kann doch nicht sein, dass zum Schluss doch der Rebuaz triumphiert!“ Anton schrie seinen Ärger hinaus. Als Antwort begann das `Sehende Auge´ in Antons Tasche zu leuchten und schob sich vorsichtig aus derselben heraus. Dies entdeckte Martin, denn an seinem Jackenknopf begann das Mähnenhaar des Einhorns zu leuchten.
„Anton, sieh!“, rief Martin und zeigte auf dieses Haar. „Natürlich, unser Freund - das Einhorn!“, antwortete ihm Anton und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Das wir daran nicht gedacht haben.“ Er suchte sein Haar, aber das musste er verloren haben.
„Zerreiße dein Haar“, forderte er Martin auf. Und Martin tat dies. Antons `Auge´ verschwand wieder in der Tasche. Mit einem mächtigen Satz übersprang das Einhorn die große Mauer. „Mit euch auf dem Rücken kann ich diese Mauer nicht überspringen“, sagte es. „Doch ich kann sie niederreißen!“
Und es trabte zur Mauer und schlug mit seinen Hinterhufen wieder und wieder gegen die Steine. Zuerst war es nur ein kleines Loch. Doch die gewaltigen Schläge des Einhorns vergrößerten es schnell. Als eine Bresche entstanden war, fiel die gesamte Mauer in sich zusammen. „Das war die letzte Zauberei des Rebuaz“, erklärte das Einhorn und forderte die drei Kinder auf, seinen Rücken zu besteigen. Schon wollte Martin der Prinzessin beim Aufsitzen helfen, als Anton sie aufforderte: „Wartet damit! Schaut euch mal die Hufe des Einhorns an!“
Was sie sahen, machte sie bestürzt. Die Hufe des Einhorns bluteten stark. Das harte, glasartige und scharfkantige Gestein der Mauer hatten die Verletzungen hervorgerufen.
„Wir müssen versuchen, die Blutungen zu stillen“, schlug Anton vor. So suchten sie krampfhaft nach einem Tuch. Als Martin sein Taschentuch anbot, schlug Anton das Angebot mit der Bemerkung „Das war vielleicht mal vor einer Woche sauber!“ aus. Ihre Jacken und Hemden trugen ebenfalls Spuren von Schmutz. „Nehmt doch dies!“, rief die Prinzessin und begann, einen ihrer weißen und sehr weiten Überröcke – und davon trug sie als Prinzessin fünf - zu zerreißen. Mehrere Bahnen übergab sie Anton. „Sie sind auch sauber!“, bemerkte sie als Anton die Stoffbahnen misstrauisch beäugte. „Ich bin kein Schmutzfink!“
Schnell wurden die blutenden Wunden mit dem Rockstoff verbunden. Dann gingen die Brüder mit der Prinzessin und dem stark hinkenden Einhorn zu den Toren. Keinen Blick zurück in das ehemalige Reich des Bösen riskierten sie. Es war, als hätten sie Sorge, dass Rebuaz noch eine Gemeinheit gegen sie geplant hätte. Vor ihnen lag eine große Blumenwiese, die die Sonne in den prächtigsten Farben erstrahlen ließ. Kaum betraten sie diese Wiese, als alle Bewohner der Märchenwelt aus dem nahen Wald auf die Wiese liefen. Sie jubelten und tanzten vor Freude. Hoch am Himmel jagte der Teufel, am Schwanz seines Ziegenbocks Adelbert hängend, und schrie: „Hoch leben unsere Helden! Ein Hoch auf Martin und Anton, den Bezwingern des Rebuaz! Hoch lebe unsere liebliche Prinzessin!“
Der König gebot mit den Armen Ruhe und begann, eine Dankesrede zu halten. Doch Anton unterbrach ihn mitten im Satz. „Verzeiht, Majestät“, sagte er, „das Einhorn ist schwer verletzt und braucht dringend medizinische Hilfe.“
Sofort flog die gute Hexe auf ihrem Besen durch die Luft und landete direkt neben dem Einhorn. „O je! O je!“, klagte sie als sie den Notverband von den immer noch blutenden Wunden entfernt hatte. „Das sieht gar nicht gut aus!“ Sie entnahm ihrer Schürzentasche ein Döschen mit Salbe und bestrich damit die Wunden. Beschwörende Zauberformeln begleiteten ihr Tun. Die Wunden hörten auf zu bluten. Zufrieden bemerkte die Hexe: „In drei Tagen wird alles verheilt sein!“
Nun konnte der König seine Dankesrede halten. Allerdings ist in der Erinnerung der Jungs nur diese Aussagen der Majestät geblieben: „Wenn ihr uns besuchen wollt, so nehmt drei Schluck zu Mitternacht aus dem goldenen Becher. Immer werdet ihr bei uns willkommen sein!“
Den goldenen Becher hält Martin gut verschlossen. Nimmt er ihn heraus, um ihn zu betrachten, so kann er sich des Spotts seines älteren Bruders gewiss sein. „Na, Brüderchen“, heißt es dann, „willst du ins Märchenland und dir von deiner lieblichen Prinzessin neue Küsse schenken lassen?“ Was dann folgt, kann man sich denken: Die allerbeste Kampelei!
Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass als Geschenk der gesamten Märchenwelt die Brüder die beiden `Sehenden Augen´ erhielten. Sie verloren zwar in der Menschenwelt ihre Zauberkraft, aber in der Gesteinssammlung der beiden erhielten sie einen Ehrenplatz: Es waren zwei besonders schöne Achate. Ein glücklicher Umstand während ihrer Entstehung gab ihnen die fast perfekte Nachbildung menschlicher Augen.
Siehe auch: http://jo.jimdo.com/