Die Moosfee
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Die Moosfee

Ein Sommer war so heiß und trocken, dass den Bäumen frühzeitig das Laub von den Ästen fiel und das Gras wie verdorrt war. Auch der tiefste Wald verschaffte dem Wanderer keine Kühlung mehr, statt zu erfrischen wirbelte der Wind nur Staub von den vertrockneten Wegen auf. Die Blumen ließen ihre Blüten hängen, an den Sträuchern hingen nur noch wenige, ver-hutzelte Beeren. Ängstlich sahen die Wichtel, die täglich viel Wasser zu Reinigen ihrer edlen Steine und ihres Wurzelwerks brauchten, wie in dem kleinen Bach, der im Innern des Waldes entsprang, immer weniger Wasser plätscherte, und eines Tages war es geschehen: Der Quell am Fuß des Felsens, in dem des Nachts die Nixen ihren silbernen Glanz abgaben, war ganz versiegt, eine kleine Pfütze, die noch verblieben war, diente den Waldtieren noch als Tränke, und die wenigen Wasserreste, die noch im gewundenen Bachlauf standen, fingen bald an zu riechen und waren weder zum Genuss noch zum Reinigen zu gebrauchen.
Nun war guter Rat teuer, denn ohne das Wasser konnten die Wichtel ihr Tagwerk nicht mehr verrichten, die Elfen verloren ihren Glanz und ihre Geschmeidigkeit, ganz schlimm traf es aber die Nixen, die doch ohne das Wasser nicht leben konnten. Schwer atmend sah man sie zur Mitternachtsstunde am Boden dahinkriechend, lechzend nach den letzten Tropfen, und jeder wusste, nach wenigen Tagen würde ihr Schicksal besiegelt sein.
So hielten die Waldbewohner Rat, wer ihnen in dieser bedrohlichen Lage einen Ausweg wei-sen könnte. Die Kobolde, so wussten viele, ermangelten des Wassers nicht für ihre trüben Geschäfte. Zaubersteine wurden geschliffen wie eh und je, Tränke gebraut als ob kein Mangel an dem kostbaren Nass herrschte. Auch die Trolle hielt man für imstande, für einen Ausweg zu sorgen, denn mit ihrer unbändigen Kraft konnten sie die unterirdischen Wege verändern und den Lauf des Wasser in der Tiefe so führen, dass ein neuer Quell entstand. Doch wussten die Waldwesen auch, dass von den Kobolden in aller Regel nichts Gutes kam und die Trolle mit ihrer Gewalttätigkeit oft mehr zerstörten als schufen. So befand der Rat, auch eine uralte Drude um ein Urteil zu bitten, was sie denn vom Einsatz der ins Auge gefassten Helfer hielte. Gerne suchte keiner sie auf, denn niemand wusste recht, ob sie eine wohltätige Fee oder eine garstige Hexe war; indessen hatte sie schon zuweilen den Gnomen manchen wertvollen Rat erteilen können, der indessen so verwoben, so vieldeutig war, dass es stets einer weisen Deu-tung bedurfte, um ihn zu verstehen, und nicht immer gelang dies. Alt war sie wie ein Stein, so verwittert, so zerfurcht, dass man glaubte, sie sei von Moos bewachsen, weshalb sie die Moosfee geheißen wurde. Freundlich schien sie nicht, als sie die Abordnung der Zwerge empfing, sei es, dass sie keine Freundlichkeit kannte, sei es, dass sie verstimmt war, weil man sie nicht eher um Rat gebeten hatte. Ihr trug der Zwergenhäuptling nun die Not der Waldbe-wohner vor und fragte um Rat, was sie vom Einsatz der Kobolde hielte. „Wasser“, so sprach sie, „werdet ihr von den Kobolden bekommen. Doch ihr werdet dann auch viel Erde brau-chen.“ Dann entschwand sie ihren Blicken.
Ratlos sahen die Zwerge sich an. Was sie mit der Erde gemeint hatte, verstand keiner so recht, doch davon war reichlich vorhanden, und die Hoffnung, dass wieder Wasser flösse, schlug alle Bedenken in den Wind. So suchte die Abordnung die Höhlen der Kobolde auf, die mit einem undurchdringlichen Lächeln dem Wunsch der Bittsteller nachkamen, unterirdische Schleusen öffneten und eine Felsenspalte freilegten, aus der dann Wasser hervortrat, so dass die Rettung der Wasserwesen greifbar war.
Große Erleichterung herrschte nun im Wald. Mit neuem Mut und großem Eifer setzten die Wichtel nun ihr Werk fort, Elfen und Gnome labten sich an dem kühlen Nass und das Leben schien weiterzugehen. Doch die Nixen, denen der neue Quell ja von größtem Nutzen hätte sein müssen, verstörten mit ihrem Verhalten die anderen Waldbewohner. Denn kaum hatten sie sich dem Nass hingegeben, da schüttelten sie sich, verließen den kleinen Weiher, der sich gebildet hatte und wanden sich, als ob ihnen unwohl sei oder großer Schmerz sie peinigte. Tags darauf wurde keine der Nixen mehr gesehen und die Waldwesen fragten sich, was es denn für sie wertvolleres geben könnte als den neuen Quell. Aber auch die Wichtel wurden ihrer Arbeit nicht froh, denn die Steine, die sie mit Hilfe des Wassers kunstvoll gestaltet und geschliffen hatten, verloren bald ihren Glanz und seltsame Zeichen und Farben erschienen auf den geglätteten Flächen. Bald aber zeigte sich das Ärgste: Eine Elfe, sonst grazil und be-schwingt, sank am hellen Tag auf den Boden herab und blieb reglos liegen. Einige der Wich-tel empfanden erst ein Unwohlsein, sanken dann aber auch nieder und nach wenigen Tagen mussten sechs der Waldbewohner, zwei Elfen drei Wichtel und eine der anmutigen Nixen, zu Grabe getragen werden. Voll Bitterkeit erkannten jetzt die Zwerge, was die Moosfee mit der Erde gemeint hatte, die sie nun reichlicher brauchten als das Wasser und verschlossen den Fels, aus dem das Unheil bringende Wasser entsprang.
Nun war es an der Zeit, die Hilfe der Trolle in Anspruch zu nehmen, doch auch hier wollten die Wichtel auf den Rat der alten Fee nicht verzichten. Lange ließ sie auf sich warten, und als sie erschien, stand ein Grimm ihr ins Gesicht geschrieben, als wollte sie die Bittsteller au-genblicklich verwünschen. Als diese ihr Anliegen vorgetragen hatten, antwortete sie nur „Habt acht, dass ihr nicht mehr geben müsst, als ihr erhaltet“, und verschwand wieder.
Dieses verwirrte die Zwergenköpfe aufs neue. Sehr wohl wussten sie, dass die Trolle ihr Werk nicht umsonst verrichteten, aber das Wasser war ihnen im Augenblick mehr wert als alle Schätze in der Welt. So entlohnten sie die Unholde reichlich, hielten aber auch genug zurück, um auch für weitere Vorhaben aufkommen zu können. Die Trolle aber suchten in der Tiefe nach unbekannten Läufen des Wassers, und als sie einen fanden, bewegten sie die Fel-sen, öffneten neue Spalten und endlich kam das ersehnte Nass ans Tageslicht, klar nun und köstlich vom Geschmack, aber dunkel und geheimnisvoll, so dass es bei einigen seltsame Er-innerungen hervorrief. Mit diesem gewaltigen Akt waren die Nixen gerettet und auch die El-fen bewegten sich bald wieder in den Lüften mit der gleichen Leichtigkeit wie ehedem, die Tiere fanden ihre Tränke und auch die Wichtel waren es zufrieden.
Ein alter Gnom aber, der sich entfernt noch an ein Wasser dieser Art erinnern konnte, suchte die Tiefen des Waldes ab und fand schließlich die Stelle, die sich in seinem Gedächtnis ver-wurzelt hatte: Ein mooriger Tümpel sollte hier sein, mit wenig genießbarem Inhalt, aber zau-berkräftig und heilsam, so dass allabendlich Zauberwesen wie das Einhorn oder Kräuterfeen in ihm badeten und aus ihm neue Kraft schöpften. Aber was musste er nun sehen? Verdorrte Bäume und vertrocknetes Gras kündigten die Stelle an, die früher eine Stätte der Belebung war, nur noch eine Vertiefung mit fauligem Schlamm verunzierte den rissigen Boden, abge-rissene Kräuter zeigten, dass sie den Feen nicht mehr taugten, und die Spur des Einhorns sah er, mit Furchen davor, als ob es nur noch müde und schlurfend sich fortbewegen konnte. Voller Enstetzen bemerkte er, dass das, was dieser Stätte fehlte, an anderer Stelle entnommen war und begriff nun erneut den hintergründigen Spruch der Moosfee: hier wurde mehr ge-nommen als dort gegeben. In großer Eile machte er sich auf zu seinen Gesellen, doch die fand er schon traurig und ratlos vor, denn das Wasser, das zu ihnen seinen Weg genommen hatte, war inzwischen versiegt.
Nun saßen die hier Beheimateten erneut zusammen und beratschlagten, und schließlich fasste einer der Gnome in Worte, was viele dachten: Warum fragten sie die Moosfee nur nach dem Urteil über das, was andere bewerkstelligten? War es nicht vielleicht sie selbst, die Hilfe brin-gen konnte? Und so begaben sie sich ein drittes Mal zu der Alten, die sie diesmal nicht lange warten ließ und mit einem Gesichtszug, der fast wie ein Lächeln schien, empfing. „Ich weiß, was ihr wollt“, sagte sie, „aber es ist noch nicht an der Zeit. Wartet noch einen Tag und dann verlasst Eure Höhlen, damit sie euch nicht zum Verhängnis werden!“ und entzog sich dann wieder ihren Blicken.
So warteten alle Kreaturen des Waldes, Gnome, Elfen und Nixen zusammen mit den dürsten-den Tieren, und sogar die Kobolde hatten sich herausgewagt. Kurz vor Mitternacht zog eine schwarze Gestalt auf dem Felsen, der über die Wipfel der Bäume ragte, ihre Blicke auf sich. Sie reckte die Arme hoch, einen eigenartigen Gesang vernahmen die gebannten Zuschauer und noch während sie sang, zogen schwere, schwarze Wolken auf und verfinsterten das Mondlicht. Ein harter Donnerschlag kündigte die Sturzflut an, die nun herniederkam, und eilends verließen die Zwerge, die noch nicht im Freien waren , ihre Höhlen, denn sonst hätten sie fürchten müssen, in den Wassermassen ihr Leben zu lassen. Singend und tanzend lagen sich selbst die in den Armen, die sonst herzlich wenig voneinander wissen wollten, Elfen und Schrate, Nixen und Kobolde, Gnome, Rehe, Füchse und Dachse. Und als die Nacht vorüber war, hing immer noch dichtes Gewölk über den Bäumen, der Regen hatte nachgelassen, aber aus dem versiegten Quell sprudelte wieder das Wasser wie in alten Tagen und sollte weiter-fließen, Tage, Wochen und Jahre, ergiebiger als je zuvor. Bald gingen alle wieder ihrem ge-wohnten Tagwerk nach, der Schmerz über die Verluste legte sich bei Elfen, Zwergen und Nixen und, froh begrüßte ein jeder den anderen, wenn er ihn sah, auch wenn man vorher noch so feindselig gestimmt war. Nur eines war anders geworden: Das Unbehagen und die heimli-che Furcht vor der Alten, die sie Moosfee nannten, war gewichen. Und wenn einer ein schwieriges Anliegen hatte oder in Not geraten war, hatte er keine Scheu mehr, sie aufzusu-chen, denn er wusste, auch wenn er sie nicht gleich verstand, sie war immer nur auf sein Wohlergehen bedacht und oft die einzige, die