Die drei Königssöhne und das wahre Leben
Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als er merkte, dass er bald sterben würde, nahm er von ihnen Abschied und fragte jeden, was er sich als Erbe wünsche. Der erste wollte über das große Reich und die vielen Ländereien herrschen, die sein Vater bisher regiert hatte. Der König gewährte ihm seine Bitte und von da an ward der Junge ein mächtiger Mann. Der zweite meinte, er möchte alles Gold und alle Schätze besitzen, die sein Vater über die Jahre hinweg angesammelt hatte. Der König gewährte ihm seine Bitte und von da an ward der Junge ein reicher Mann. Als nun der dritte Sohn an der Reihe war, sich das Erbe zu bestimmen, sagte er: „Vater, deine Liebe ist mir Geschenk genug. Gib mir nur die Kette, die du um den Hals trägst, damit ich immer ein Andenken an dich habe.“ Der König wunderte sich über die Bescheidenheit des dritten Sohnes, gewährte aber auch dessen Bitte. Als nun ihr Vater schließlich gestorben war, trennten sich die Brüder: Der erste blieb im Schloss, um von dort aus das Land zu regieren, der zweite zog durch weit entfernte Gebiete, um sich dort an seinem Reichtum zu erfreuen, und der dritte, dem nur die Halskette seines Vaters geblieben war, ging zu einem Goldschmied in die Lehre. Er arbeitete lange und hart und betrog seinen Meister niemals beim Abzählen des Goldes, weil er ein rechtschaffener Mann war. Nachdem sieben Jahre so verstrichen waren, überkam die drei Brüder jedoch das Bedürfnis, sich wiederzusehen. Also schickte der erste, der nun ja König war, Boten aus, um die anderen beiden zu finden. Drei Tage streiften diese durch die Städte, bis sie fündig geworden waren und mit dem Sohn, der sich für den Reichtum des Vaters entschieden hatte, zum Hofe zurückkehrten. Der neue König zeigte sich hocherfreut, als er seinen Bruder sah: Dieser trug wunderbare Kleider, brachte edle Gewürze als Gastgeschenk und drei blonde Jungfrauen gingen ihm hinterher. Die beiden Männer umarmten sich und freuten sich auf die Ankunft ihres Bruders. Weitere drei Tage vergingen, bis die Boten auch diesen finden konnten. Die beiden Söhne, die ihn bereits im Schloss erwarteten, erschraken, als sie ihn endlich wieder zu Gesicht bekamen: In Lumpen gehüllt und deutlich von der schweren Arbeit gezeichnet konnte der dritte Sohn kaum richtig laufen. „Aber Bruder, was ist mit dir geschehen?“, fragte der erste Sohn, „Und was ist aus der Kette unseres Vaters geworden?“. Es kostete dem dritten Sohn sichtbar große Mühe zu sprechen: „Ich habe die letzten sieben Jahre das Handwerk bei einem Goldschmied gelernt. Ich war immer fleißig und ehrlich zu ihm, doch er hat mir nachts, als ich schlief, die Kette gestohlen und sie eingeschmolzen.“ Der zweite Sohn antwortete erbost über das Verhalten seines Bruders: „Wir müssen ein ganzes Königreich regieren oder auf unglaubliche Schätze Acht geben, aber du schaffst es nicht einmal, auf die Kette unseres geliebten Vaters aufzupassen? Hinfort mit dir, Unglückseliger!“ Der erste Sohn stimmte ihm zu und rief seinem Bruder hinterher, er brauche nicht eher wiederzukommen, bevor er es zu etwas gebracht hatte, das einem Königssohn würdig war. Da ging dieser traurig davon. Und wenn er nicht gestorben ist, dann irrt er noch heute hilflos durch die Welt und erzählt Märchen von Leuten, die es durch Bescheidenheit, harte Arbeit und Rechtschaffenheit zu etwas gebracht haben. Ende.