Vom kleinen Maulwurf namens BO.....
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Vom kleinen Maulwurf namens BO.....

Thomas Schwarz 1998


Vom kleinen Maulwurf namens BO.....


Es gab einmal einen kleinen Maulwurf, der hieß BO. Der schaute sich den ganzen Tag im Spiegel an. Aber was er darin sah, gefiel ihm gar nicht. Er mochte seine spitze Nase nicht, er mochte seine Knopfaugen nicht, er schämte sich seiner Schaufelhände mit denen er die Erde umgrub, er haßte es so klein und pummelig zu sein, aber ganz besonders haßte er sein Fell. Das haßte er so sehr daß er glaubte, sich vor der ganzen Welt verstecken zu müssen, vor allem vor den anderen Maulwürfen. Das tat er auch. Niemals bekam ihn einer der anderen Bewohner der großen Wiese, unter der er lebte, zu Gesicht. Dafür hörten sie alle sein unentwegtes Gejammer und Seufzen das aus den zahlreichen Erdhügeln nach oben drang. Irgendwann konnte es keiner mehr ertragen und auch die letzten seiner Artgenossen sowie Maus, Igel und was sonst noch auf und unter der Wiese lebte, zogen freiwillig fort. Am Ende war BO ganz allein und es war niemand da dem er sein Leid klagen konnte.
Eines Tages machte ein Adler Rast auf einem Baum der sich neben dem Eingang zu Bo´s unterirdischem Reich befand. Er war gerade dabei sich das Gefieder zu putzen als es unter der Erde plötzlich laut stöhnte und seufzte. Er horchte verwundert, flog vom Baum herab, setzte sich auf die Wiese und rief: „ Hallo! Braucht da jemand Hilfe?“
„ Mir kann niemand helfen“, erscholl es von unten. Vor den Augen des Adlers bewegte sich die Erde und zum Vorschein kam ein kleiner dicker grauer Maulwurf. „Aber nett von Ihnen, daß Sie wenigstens fragen“, schniefte er und rieb sich die verheulten Augen.
„ Was ist denn passiert?“, fragte der Adler teilnahmsvoll. Darauf hatte BO nur gewartet. Er holte tief Luft und begann sein Leid zu klagen.
„ Unser Herrgott hat mich so häßlich gemacht, daß ich mich vor niemandem blicken lassen kann. Schauen Sie sich nur mein Fell an, meine Nase,
mein ....ach... ich bin schwer vom Schicksal geschlagen.“
„ Aber Sie sind doch ein Maulwurf “, stellte der Adler lapidar fest, „und Maulwürfe sehen nun mal so aus.“ „Das können Sie gar nicht beurteilen“, gab BO gekränkt zurück. „Sie und ihresgleichen leben doch dort oben über der Erde und haben bestimmt noch keinen Maulwurf gesehen.“ „Oh was glauben sie was wir so alles sehen von da oben“, gab der Adler zurück. „Selbstverständlich habe ich schon viele Maulwürfe gesehen und die sahen alle aus wie Sie.“ BO blinzelte ihn mißtrauisch an. „Das glaube ich ihnen nicht.“ Der Adler schmunzelte. „Dann überzeugen sie sich davon. Kommen Sie, ich lade sie ein zu einem kleinen Ausflug übers Land. Steigen sie auf meinen Rücken, machen Sie sich’s bequem.“ Der kleine Maulwurf war hin und her gerissen doch plötzlich überkam ihn ein unangenehmer Gedanke, „ lieber nicht. Ich will mich so nicht vor den anderen Maulwürfen zeigen.“ „Aber nein“, erwiderte der Adler, „ wenn Sie auf meinem Rücken sind und wir beide oben am Himmel fliegen, können die Sie gar nicht sehen.“ Das beruhigte BO und er nahm das verlockende Angebot an. Ja, er fühlte sich geschmeichelt. Wann hatte schon jemals ein Maulwurf die Welt von oben gesehen?
Er krabbelte aus seinem Erdhügel hervor und stieg auf den breiten Rücken des Adlers. Dort verbarg er sich in dessen Gefieder und klammerte sich fest so gut er konnte.
Mit kräftigem Flügelschlag stieß sich der Adler vom Boden ab und stieg hoch in den azurblauen Himmel. Nach geraumer Zeit merkte der kleine Maulwurf, daß sie nicht mehr stiegen und begann vorsichtig um sich zu blicken. Er machte laut „Ohhh!“ Wie anders alles von hier oben aussah. Die Wiese unter der er lebte und die für ihn so unendlich groß und weit schien, sah jetzt nicht größer aus als ein Baumblatt. Seltsame Wesen bewegten sich auf schmalen Pfaden und Wegen inmitten von Hügeln mit roten Spitzen. „Von hier oben wirken die Menschen doch recht harmlos oder was meinen Sie?“ , fragte der Adler. Menschen? BO hatte noch nie einen gesehen. In seinen jungen Jahren hatten ihn die Eltern eindrücklich gelehrt sich vor diesen Wesen zu verstecken. Sie seien die größten Feinde der Maulwürfe. Aber der Adler hatte recht. Von hier oben wirkten sie alle ausgesprochen harmlos, ja geradezu lustig wie dünne Holzzweige die von unsichtbaren Ameisen durch die Gegend getragen wurden.
„Und sehen Sie sich die Blumen an! Der Frühling macht die Welt doch gleich viel bunter und freundlicher.“ Das sollten Blumen sein? In BO´s Welt gab es nur Blumen die doppelt so groß waren wie er. Von hier oben wirkten alle wie winzige Farbtupfer, kleine bunte Flecken verstreut über grüne Landschaften.
„Aufgepaßt“! , rief der kleine Maulwurf als alles plötzlich war alles weiß und feucht um sie herum. „ Das ist nur eine Wolke“, beruhigte der Adler.
Das fühlte sich aber komisch an. Bisher hatte BO immer gedacht diese weißen Gebilde am Himmel die über seine Wiese zogen seien so fest wie die dunkle Erde durch die er sich tagein tagaus wühlte.
„ So, nun wollen wir aber nach ihren Artgenossen Ausschau halten“, rief er, gleitete hinab und im Tiefflug schwebten beide über Felder und Wiesen.
„Sehen sie, da ist schon einer, nein, was red ich - zwei - ach - Dutzende. BO blickte angestrengt hinab und entdeckte tatsächlich auf einer Wiese Maulwurfshügel. Allerdings war kein Maulwurf zu sehen. Er machte den Adler darauf aufmerksam. „ Dann fliegen wir einfach noch etwas übers Land und kommen dann zurück. Vielleicht halten sie Mittagsschlaf.“ Der Adler hob den Kopf, gab mit seinen Flügeln kräftig Gas und stieg wieder hoch in den Himmel. PARDAUZ! Da passierte es. Der kleine Maulwurf hatte vergessen sich festzuhalten. Er fühlte sich nämlich auf dem breiten Adlerrücken sehr sicher. Mit einem gellenden Schrei stürzte er hinab in die Tiefe und geradewegs auf die Wiese mit den Maulwurfshügeln. Der Adler stürzte ihm im Sturzflug nach um ihn noch aufzufangen, aber es war zu spät. Der Sturz hatte natürlich die ganze Wiese erschüttert und die Maulwürfe die darunter wohnten kamen erschrocken an die Oberfläche um zu sehen was da auf ihren Grund und Boden eingeschlagen hatte. Sie umringten alle BO der wie zerschmettert auf der Erde lag und keinen Laut von sich gab. Der Adler flog so schnell er konnte zu einem alten Freund einem klugen weisen Uhu der viel von Heilkunde verstand. Gemeinsam flogen sie zu dem Verunglückten und der Uhu nahm in unter Augenschein. Er zupfte hier und da an dem armen BO und zwickte ihm, als immer noch kein Lebenszeichen kam, kräftig in die Nase. Das weckte die Lebensgeister wieder und er kam zu sich. Die herumstehende Maulwurfsmenge und der Adler klatschten anerkennend Beifall und begrüßten den Unglücksmaulwurf. Der rieb sich benommen den Kopf und wußte gar nicht was passiert war. „ Aua, warum tut mir mein Kopf so weh und wo bin ich“, stöhnte er leise verwirrt. Der Adler erzählte ihm was geschehen war und der Uhu fügte hinzu: „ Sie sind ein Glückspilz, daß ihnen nur der Kopf weh tut. Das geht bald vorbei. Sie hätten sich Hals und Beine brechen können bei dem Sturz. Danken Sie dem Schicksal daß es ihnen einen solch dicken Pelz mitgegeben hat. Der hat ihre Knochen bei dem tiefen Fall vor schlimmerem bewahrt. Lassen sie sich’s eine Lehre sein“, fügte er augenzwinkernd hinzu,
„Maulwürfe haben nichts am Himmel oben verloren. Ihr seid für andere Dinge geschaffen.“

BO hatte den Absturz gottseidank überlebt und die Beule am Kopf verschwand nach einigen Wochen. Aber seit jenem schlimmen Ereignis hat man ihn nie wieder jammern und seufzen gehört.



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