Märchen für einen kleinen Wolf , Teil 1
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Märchen für einen kleinen Wolf , Teil 1

Tief in einem großen Wald lebte einst ein kleiner Wolf mit seiner Familie. All seine Schwestern und Brüder waren so, wie man es von Wölfen erwarten kann: Sie spielten und rauften miteinander und wollten große gefährliche Wölfe werden. Der kleinste der Wolfswelpen aber träumte von mehr: er wollte wissen und lernen, über den Wald, die Tiere und Pflanzen und ihr Leben. Oft saß er seitab und dachte nach, und seine Geschwister lachten ihn aus.
Da versteckte er sich vor den anderen, legte sich hinter einem dichten Gebüsch ganz flach ins hohe Gras und lauschte auf das Brummeln der Bienen und das Flüstern der Ameisen bei ihren eiligen Gängen, auf das Gepiepse der Mäuse im Erdreich, auf das Zwitschern der Vögel, das ruhige Rauschen der Baumwipfel.
Doch alles, was er da hörte, war ihm zu wenig. Drum fragte er alle, die er für gescheit oder gar weise hielt: den berühmten Uhu, den blinden Maulwurf, der nach innen schauen konnte, die uralte Eiche, die Irrlichter im Moor. Jedoch sie alle antworteten ihm nur:
"Frag nicht, kleiner Wolf. Sei froh, dass du hier im Wald leben kannst nd nichts lernen mußt. Hier ist das Leben gut und richtig; die Raubtiere fressen die Pflanzenfresser, und die fressen die Pflanzen, aber alle nur, weil sie Hunger haben; niemand quält den anderen, alle sind friedlich und zufrieden. Frag nicht. Wer fragt, wird unzufrieden und gierig."
Aber der kkleine Wolf hörte nicht auf zu fragen, und nach und nach lernte er alles über den Wald und seine Bewohner. Eins freilich machte ihn immer neugieriger: Ab und zu versprach sich einer seiner Freunde und erwähnte das Leben außerhalb des Waldes, vor allem merkwürdige Tiere, die "Menschen" hießen. Darüber wollte der kleine Wolf unbedingt mehr wissen. Aber seine weisen Freunde wehrten ab:
"Frag nicht, kleiner Wolf. Das Leben dort draussen ist nicht so friedlich wie das hier im Wald. Die Menschen sind schlimmer, als du dir vorstellen kannst."
Doch der kleine Wolf drängte immer weiter. Schließlich gab die alte Eiche nach und sagte:
"Nun gut. Ich will dir eine Geschichte erzählen, die ich vor vielen Jahren gehört habe. Man nennt sie ein Märchen, und sie handelt von einem deiner Vorfahren. Sie heisst:
DER VOGEL MIT DER ROTEN KAPPE
Es war einmal ein armer, alter Wolf, der hatte immer Hunger. Denn er war lahm und halb blind, und alle Kaninchen flitzten vor ihm davon. Leider wohnte er nicht im Zoo, wo man bis ins hohe Alter Vollpension bekommt. So war er dicht am Verhungern und ganz verzweifelt.
Eines Tages aber hatte er Glück. Ein merkwürdiges, hoch aufgerichtetes Tier hüpfte auf zwei Beinen durch den Wald und sang. Natürlich dachte der Wolf, es handele sich um einen Vogel, obwohl das Tier keine Flügel hatte, sondern stattdessen zwei zusätzliche Beine, die ihm nutzlos von den Schultern baumelten. Vermutlich war es mit dem Buntspecht verwandt, denn es trug nicht nur bunte Federn, sondern auch eine leuchtend rote Kappe auf dem Kopf.
Zuerst hatte der Wolf Angst vor dem großen Vogel. Bald aber merkte er, dass der ganz harmlos war und ausserdem sehr dumm. Er erzählte nämlich dem Wolf von einem leckeren Braten: Seine Großmutter läge ganz in der Nähe hilflos im Bett und warte auf Kuchen und Wein sowie auf ihr nahes Ende.
Was sollte der Wolf tun? Er konnte doch die Großmutter unmöglich so armselig eingehen lassen, und außerdem hatte er, wie gesagt, großen Hunger. Also ging er zu ihr und fraß sie mit gutem Appetit, obwohl sie zäh und sehnig war. Den großen dummen Vogel und den Kuchen fraß er gleich hinterher. Die schmeckten viel besser. Das Beste aber war der Wein. Auch das Bett der Gr0ßmutter gefiel ihm, er rollte sich zu einem langen Verdauungsschlaf hinein.
Damit hätte meine Geschichte gut enden können.
Nun aber geschah etwas Schreckliches: ein verbrecherischer Jägermensch kam an der Hütte vorbei. Der hörte den Wolf schnarchen. Da schnitt er doch tatsächlich dem armen Wolf den Bauch auf, ganz ohne Narkose, und holte den großen Vogel und die Großmutter wieder heraus, obwohl die schon halb verdaut waren und nicht mehr gut schmeckten. Unverständlich, diese Menschentiere. Dann stopfte er stattdessen dem Wolf Steine in den Bauch, so dass der Arme einen Darmverschluß bekam und elend sterben mußte. Das ist das traurige Ende der Geschichte.
Aber du musst keine Angst haben, kleiner Wolf, dass sie heutzutage noch einmal passieren könnte. Denn inzwischen haben wir den Tierschutzverein gegründet und die Tierquälerei verboten. Es wird sogar viel gespendet für uns, und niemand darf mehr einem armen alten Wolf Steine in den Bauch nähen, nur weil der sich mal sattfressen wollte."

Der kleine Wolf hatte gespannt zugehört und ging nachdenklich nach Hause. Der arme alte Wolf tat ihm sehr leid, und er konnte kaum glauben, dass die Menschen wirklich so böse waren. Oft fragte er seine Mutter danach, doch die hatte keine Zeit zum Zuhören. Sie war alleinerziehende Mutter und mußte für ihre fünf Welpen Nahrung beschaffen. Einmal aber konnte der kleine Wolf doch mit ihr über seine Probleme sprechen, und sie nickte:
"Ja, das kann schon wahr sein . Ich weiß zwar nichts Genaues, nur so ein Gerücht von einem Uronkel, der ein paar leckere Geisslein gefressen hatte und dem sie ebenfalls wieder aus dem Bauch geschnitten wurden im Austausch gegen Steine, auch von einem Jäger. Vielleicht wollte er die Zicklein selbst essen, sie waren ja ganz jung und zart. Das müssen ganz hinterhältige Gesellen sein, diese Menschen. Frag doch mal die warzige Erdkröte danach, - die soll viele Geschichten wissen."
So ging der kleine Wolf zur warzigen Erdkröte. Die zwinkerte tatsächlich wissend mit den goldenen Krötenaugen und nuschelte, so leise, dass der kleine Wolf ganz genau hinhören mußte, um alles zu verstehen:
"Oh ja, ich hab da was in der Erinnerung, eine schlimme Geschichte, die einem meiner Verwandten passiert ist vor langer Zeit. Hör zu, kleiner Wolf..."

Die Fortsetzung: "Geschichte vom verzauberten Frosch" können kleine oder auch große Wölfe in Kürze in dieser Märchensammlung lesen. Aber ein bißchen warten müsst ihr schon... (T.B.Z.)