Mühlengespenster
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Mühlengespenster

Mühlengespenster

von Joachim Größer

„Ach ist mir langweilig!“, gähnte Adalbert und sein Gegenüber meinte zu dieser Feststellung: „Wie würde ich mich freuen, wieder einmal so richtig ausgelassen sein zu können. Weißt du noch Adalbert, anno 1732? Oder, unvergessen für mich, ist unser Fest im Jahr 1823. Da haben wir den Räubern solch einen Schrecken eingejagt, dass die Mühle uns wieder ganz allein gehörte.“
„Meine schönste Erinnerung datiere ich auf Sylvester 1550, Hermännchen. Der Müller war damals so wütend, dass er seine schöne Mühle selbst in Brand steckte. Hei, jee – war das ein Feuerchen.“
„Hi, hi – ja, das war ein schönes Feuer. Aber der Fridolin, dieser elende Banause, hat uns das bis heute nicht verziehen. Dabei war er damals besonders gut im Spuken.“
Hermännchen, eigentlich hieß er ja „Hermann von der Alten Wassermühle“ gehörte zu dem uralten Geschlecht der Mühlengespenster. Aber weil er so klein war, nannten man ihn in seinen Kreisen, also in Gespensterkreisen, nur Hermännchen. Seit 1186 lebt er im Mühlental am Mühlenbach. Drei große Brände überstand der Mühlengeist Hermann, ehe seine Müllersleute 1639 - nachdem ihre Mühle von vagabundierenden Söldnern bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde – das Tal verließen. Da nie wieder auf diesen Mauern ein Haus gebaut wurde, lebte Hermann im halb verschütteten Keller, zwar von den Menschen vergessen, nicht aber von den Geistern.
Noch schlimmer traf es Adalbert. Dort, wo einst seine Wassermühle stand, entstand ein großer Teich. Und da alle Mühlengespenster zwar ihre Mühlen lieben und auch nichts gegen das Bachwasser, das die Wasserräder antreibt, haben, aber sonst ausgesprochen wasserscheu sind, verließ er bereits anno 1711 sein Heim. Da nun ein ungeschriebenes Gesetz bestimmt, dass nur ein Geist in einer Mühle leben darf, geisterte Adalbert viele, viele Nächte ruhelos umher. Immer öfters wurde er von Menschen erblickt. Dieser Zustand bedeutete aber Gefahr für alle Mühlengespenster, und davon gibt es immerhin sieben im Mühlental.
So traf sich der “Große Gespensterrat“ zu einer außerordentlichen Gespensterratsversammlung und man beschloss, dass in Hermanns Keller auch Adalbert hausen dürfe, denn dies sei ja keine Mühle mehr. Zuerst murrte Hermann. Als ihm aber versprochen wurde, er dürfe immer zuerst das „Große Fest der Gespenster des Mühlentales“ eröffnen, willigte er ein. Beide Gespenster waren recht verträgliche Gesellen und so vertrieben sie sich Nacht für Nacht, Monat für Monat, Jahr für Jahr mit ihren Erinnerungen die Zeit und damit ihre Langeweile.
Bald aber gab es wieder ein freudiges Ereignis, bald war es wieder soweit: Das „Große Fest“ der Mühlengespenster sollte gefeiert werden! Es wurde nur jedes 13. Jahr zum Fest gerufen und stand unter der Schirmherrschaft des „Allmächtigen Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle“. Er, also dieser „Allmächtige Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle“, in Gespensterkreisen (hinter vorgehaltener Hand) nur Carli genannt, hatte das Fest anno 1459 aus Anlass der Einweihung des Wasserschlosses „Seiner Gräflichen Durchlaucht Friedrich Wilhelm Albert von und zu Meisenburg“ ins Leben gerufen. Dieses Fest stellt immer einen großartigen Höhepunkt im Leben eines Mühlengespenstes dar. Bei diesem Fest – so hatte man es bereits 1472 dem „Gesamtrat des Vereinigten Gespenster- und Geisterkollegium“ abgetrotzt – durfte alle Geister und Gespenster im Mühlental sich unbeschadet den Menschen zeigen. Kein Wunder also, dass dieses 13. Jahr nicht nur bei den Mühlengespenstern so beliebt war. Regelmäßig als Gäste kamen die Wassernixe und ihr Ehemann, das Wassergeistlein. Extra für sie wurde der Keller in der Wasserschlossmühle geflutet. Diese Gelegenheit, sich eventuell den Menschen zu zeigen, ließ sich dann auch der Bachgeist nicht entgehen. Er selbst nannte sich gerne „Seine erhabene Wässrigkeit“ und betonte damit seine unbestrittene Macht über das Mühlental.
Ehrengast war in jedem 13. Jahr auch der Rodensteiner mit seinen wilden Gesellen. Zwar war er meist arg betrunken, Hermännchen nannte ihn einen versoffenen Tunichtgut, aber alle Geister und Gespenster zollten ihm Anerkennung. Die war auch gerechtfertigt, denn niemand konnte so schön durch die Lüfte brausen, mit den Schwertern gegen die Rüstung klappern, Trinklieder grölen – wie eben dieser Rodensteiner.
Adalbert und Hermann erinnerten sich gerade des letzten Festes und Adalbert meinte, dass eigentlich dieses Fest keinen besonderen Höhepunkt hatte. Als er den Wunsch äußern wollte, dass man hoffentlich am kommenden Fest mehr Freude haben würde, verstummte er jedoch vor Schreck mitten im angefangenen Satz. Ziegelsteine aus der Kellerdecke ihrer Behausung fielen den beiden Gespenstern auf den Kopf. Ein Schuh, es war ein Stiefel aus neumodischem Material - wie Adalbert hinterher feststellte, stak in dem Deckengewölbe. Jetzt hörten sie auch eine Kinderstimme schreien: „Hilf mir! Ich bin eingesunken und stecke fest!“ Eine andere Stimme, auch die eines Jungen, antwortete: „Martin, beweg dich nicht! Du darfst nicht tiefer versinken! Ich ziehe dich raus!“
Adalbert immer noch vor Schreck ganz starr, denn so etwas seltsames hatte er in seinem langen Gespensterleben noch nicht erlebt, blieb sitzen. Hermann dagegen sprang an die Decke, ergriff den Stiefel und hängte sich daran.
„Ich sinke tiefer! Anton hilf mir, schnell!“, schrie auf der Erde wieder der Junge, den der andere Martin nannte. Hätten die beiden Gespenster jetzt auf die Erde schauen können, so hätten sie den etwa 10- jährigen Martin gesehen, wie sein linkes Bein im Erdreich verschwand. Ein älterer Junge, schätzungsweise 13 Jahre, streckte ihm einen langen Stock hin und rief: „Nun fass doch zu! Weiter kann ich nicht kommen! Sonst versinke ich vielleicht auch noch!“
Während auf der Erde Anton versuchte, seinen kleineren Bruder aus dem vermeintlichen Erdloch herauszuziehen, hing im Keller immer noch Hermännchen am Stiefel. Plötzlich fiel er samt dem Stiefel auf den Boden. Ein furchtbarer Schrei verkündete nichts Gutes. Adalbert wehklagte: „Was hast du getan! Oh Hermann, was hast du getan!“
Hermännchen, vor Schreck so bleich geworden, dass er selbst im sicheren Keller durchscheinend war, stimmte in das Wehklagen seines Gespensterfreundes ein: „Oh weh! Was habe ich getan! Was habe ich getan!“
Sie klagten so laut, dass die beiden Jungs oben auf der Erde ein Wimmern hörten, ohne die Worte zu verstehen. Martin, auf einem Bein hüpfend, meinte: „Du Martin, da ist doch was! Da müssten wir graben!“
„Müssen wir sowieso! Dein Gummistiefel steckt da unten!“, antwortete ihm Anton.
Hermann und Adalbert waren verstummt. Die Kinder liefen davon. Es dauerte schon eine geraume Zeit, ehe Hermann zu reden begann: „Was habe ich getan, oh Adalbert! Was habe ich nur getan!“
Adalbert antwortete ihm nicht, sondern schaute sehr mürrisch, um nicht zu sagen zornig drein. So fühlte Hermann, dass er eine Erklärung für sein Tun dem Adalbert schuldig war. „Weißt du, es kam einfach über mich. Ich sah nur diesen Schuh und fühlte große Angst in mir. Eine innere Stimme sagte zu mir: ‚Festhalten und nicht loslassen, Herrmann!´. Und das tat ich dann auch.“
„Hat dich denn der `Große Geist´ geritten, Hermann?“ Wenn Adalbert Hermann sagte, dann wusste der so Genannte, dass er nicht aufmucken durfte. Denn Adalbert, ein sonst sehr ausgeglichenes Gespenst, konnte dann furchtbar jähzornig werden. So etwas kam zwar höchstens aller 100 Jahre vor, aber warum sollte dies Hermännchen heraufbeschwören.
„Entschuldige, lieber Adalbert“, säuselte deshalb Hermann, „es kam wirklich einfach so über mich!“
Schon mit einer anderen Stimme fragte jetzt Adalbert: „Weißt du, was jetzt mit uns geschieht?“
„Das weiß ich, lieber Adalbert. Wir müssen uns dem Eigentümer des komischen Schuhs zeigen. Etwas schlimmeres kann es nicht geben!“
„So ist es! Wir können nur hoffen, dass man nicht nach diesem verflixten Schuh sucht.“
Adalbert begann, sich bereits auf die neue Situation einzustellen. „Sollte der Eigentümer dieses Schuhs zurückkehren, werde ich versuchen, ihn zu verschrecken.“
„Tu das, lieber Adalbert! Tu das! Du weißt ja, ich muss ihm gehorchen, egal was er von mir verlangt!“
Die nächsten Minuten saßen die beiden Mühlengespenster schweigend und warteten dem Kommenden.
Und lange brauchten sie nicht zu warten. Kinderstimmen waren zu hören: „Hier war es Anton. Bestimmt, hier war es!“
„Dann werde ich mal graben, Martin.“ Hermann und Adalbert hörten ein Knirschen. Dieses Geräusch werden sie ihr ganzes Gespensterleben nicht mehr vergessen. „Frätsch, frätsch“ Immer und immer wieder hörten sie es.
„Gleich sehen sie mich!“, flüsterte Hermann ängstlich. Adalbert machte sich bereit, die Ungebetenen zu erschrecken, um sie vielleicht doch noch zu vertreiben.
Kaum schaute der helle Himmel durch ein kleines Loch in der Decke, als auch schon Adalbert sich zu einer schwefelgelben Wolke krümmte, fürchterlich zu stinken begann und zischend an die Oberfläche fuhr. Doch weiter als gerade mal aus dem Loch kam er nicht. Dort hieb ihm Anton den Spaten um die Ohren – in Wirklichkeit schlug Anton ja nur auf diese stinkende Wolke ein.
Adalbert war geschockt! Er vergaß alle Vorsicht und heulend verschwand er in seiner natürlichen Gespenstergestalt wieder im Erdloch.
„Mannomann!“, rief Anton. „Hast du das gesehen! Das sah aus wie ein Mensch!“ Und ehe Martin antworten konnte, grub er wie ein Besessener die Erdgrube auf. Als das Loch so groß war, dass ein Kind darin verschwinden konnte, schrie Anton: „Leuchte hinein, Martin!“
Doch alles was sie zu sehen bekamen war Martins Stiefel, der direkt vor ihnen aus dem Loch flog. Hermann versuchte damit, vielleicht doch noch die Menschen von ihrer Behausung fern zu halten.
„Das ist ja ein tolles Loch!“, schrie Martin erregt. „Zuerst verschluckt es meinen Stiefel, dann spuckt es gelben, stinkenden Rauch und nun kommt mein Stiefel von alleine zurück!“
Anton hatte sich auf den Boden geworfen und richtete den Taschenlampenstrahl in das Loch. Martin tat es ihm nach. Und beide waren vor Überraschung sprachlos.
Sie sahen ein Erdloch, in dem zwei fast durchsichtige Gestalten saßen. Einer war zwergenhaft klein, krümmte sich zusammen und bibberte: „Verschont uns, wir sind gute Gespenster!“
Der andere war mutiger. Er richtete sich sogar auf und sprach sehr forsch: “Ich bin `Seine erhabene Gepensterhaftigkeit Adalbert, der II. Meine Macht ist unbeschreiblich und gewaltig. Also ziehet davon und vergesst uns! Ehe wir euch ein Leid antun.“
Nach dem ersten Erstaunen meinte Martin kess: „Na, so groß kann deine Macht nicht sein. Sonst hättest du uns doch schon längst vertrieben. Stimmts, Anton?!“
„Du hast schon recht!“, antwortete ihm sein Bruder. „Meinst du wirklich, dass das Gespenster sind? Gespenster? Die gibt es doch nur im Märchen und sind Fantasiegebilde!“
„Fantasiegebilde?!“ Adalbert muckte auf: „Fantasiegebilde! Märchen! Wir sind echt und können es euch sofort beweisen!“ Er wandte sich zu Hermann: „Los Hermännchen, jetzt zeigen wir den Ungläubigen unsere Kunst! Fantasiegebilde!!! Wir, die großen Mühlengespenster, die schon viele Hundert Jahre hier im Mühlental leben, wir sind eeeecht!“
Adalbert blies sich auf, so dass sein gesamter Körper den Kellerraum ausfüllte. Mit lautem Knall platzte er und aus Tausenden Stückchen Gespenst setzte er sich wieder zusammen.
„Na? Wer kann so etwas noch? Menschen?!“ Das letzte Wort schrie er den beiden Jungs entgegen.
Hermännchen saß schüchtern in der Ecke. Als Adalbert ihn aufforderte, auch seine Kunst zu zeigen, schüttelte er nur den Kopf und murmelte: „Es hat doch keinen Sinn. Der Ehrencodex unserer Gespenstervereinigung verlangt, dass ich diesem Knirps gehorchen muss.“ Er zeigte auf Martin und begann, schauderhaft zu weinen.
„He, Gespenst! Du musst mir gehorchen?“ Martin war sehr neugierig geworden. Und Hermännchen nickte bestätigend, sich in sein Schicksal ergeben. Doch Adalbert muckte noch immer und haderte mit den Menschenkindern. „Wir gehorchen nur unserem `Allmächtigen Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´. Er ist unser großer Geisterführer. Und du, Knirps, nenne uns nicht `He, Gespenst!´ Hast du vergessen, wie ich heiße? Merke es dir gut, du Knirps! Ich bin `Seine erhabene Gepensterhaftigkeit Adalbert, der II´. Selbst vor unserem `Allmächtigen Carl Friedrich´ brauche ich mich nicht zu verneigen.“
Stolz hob Adalbert sein Haupt. Doch Martin schien sein Namenstitel „Seine erhabene Gepensterhaftigkeit “ nicht zu imponieren.
„Und du erhabenes Gespenst, du nennst mich gefälligst Martin! Und ein Knirps bin ich schon lange nicht mehr. Merke dir das!“ Und weil Martin so schön sich in Rage geredet hatte, fuhr er sogleich über Hermännchen her. „Du musst mir gehorchen?! Wie heißt du überhaupt? Bist du auch solch komisches erhabenes Gespenst? Na, nun rede schon!“
Hermännchen drückte sich noch mehr in seine Ecke. Gäbe es ein Mauseloch, das groß genug für ihn wäre, er würde dorthin verschwinden.
Angstvoll bibberte er: „Nenne mich Hermann, lieber Martin. Nur Hermann.“
Adalbert dagegen gab nicht so schnell auf: „Hermann, lasse dich bei deinem richtigen Namen nennen. Immerhin bist du das älteste Mühlengespenst hier im Mühlental.“
Sich an Martin wendend, sagte er sehr betont und würdevoll: „Das ist `Hermann von der Alten Wassermühle´. Einst war er ein bedeutender Mann – anerkannt und gefürchtet. Er fand als Geist in der ersten Mühle hier im Tal sein Zuhause. Also, habe Achtung vor ihm!“
„Aber Adalbert, übertreibe doch nicht schon wieder. Nenne mich nur Hermann oder Hermännchen, wie es die anderen Gespenster tun, lieber Martin.“ Man könnte meinen, das „lieber Martin“ kam direkt aus seinem Gespensterkörper, so hauchte er es.
Anton, der diesen ganzen Spuk als etwas Unglaubliches wahrnahm, mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Hermann, du musst Martin gehorchen? Kannst du mir sagen, warum?“
„Na, weil ich seinen Schuh angefasst habe. Und Adalbert muss dir gehorchen, denn du hast ihn mit deinem Spaten berührt.“
„Anton, jetzt haben wir unsere eigenen Gespenster!“; schrie Martin entzückt. „Wir wünschen uns etwas, und die beiden müssen die Wünsche erfüllen.“
„So ist es nicht!“, motzte Adalbert. „Ihr habt jeder nur einen Wunsch frei und über diesen Wunsch entscheidet unser `Allmächtige Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´. Das ist Gesetz! Und die hat der `Große Gespensterrat´ bereits seit anno 1368 beschlossen!“
Wütend über die Unverschämtheit der beiden Menschenkinder kringelte sich Adalbert zu einem Feuerreif und erhellte den gesamten Kellerraum gespenstisch. Er konnte es sich nicht verkneifen, den Jungs seine Macht und sein Können zu zeigen. Also fuhr er so dicht über ihre in den Keller hängende Köpfe, dass ihre Haare angesengt wurden.
„Lass das ja sein!“, brüllte ihn Anton an.
Hermann bibberte: „Oh Adalbert, sei doch nett zu den Jungs! Wir müssen ihnen doch gehorchen!“
Adalbert hörte zwar mit seiner Vorstellung auf, aber wütend war er noch immer. „Verschwindet jetzt, ihr beiden! Lasst uns allein! Und kommt nie wieder!“, schrie er.
„Und was ist mit unseren Wünschen?“, fragte ihn Anton gelassen. „Du hast doch nicht etwa vergessen, dass mein Spaten dich berührt hat?!“
„Geht, liebe Freunde! Geht! Kehrt in zwei Tagen um Mitternacht zu uns zurück“, säuselte Hermännchen. „Wir feiern dann unser Großes Fest. Dort könnt ihr unserem `Allmächtigen Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ eure Wünsche mitteilen. Er allein hat die Macht, einem Menschen einen Wunsch zu erfüllen.“
„Sag Hermännchen, mein liebes Mühlengespenst, wir nehmen an einem Fest teil?“, fragte Martin.
„Ja, an unserem `Großen Fest´. Wir feiern es in jedem 13. Jahr. Ihr werdet dort auch alle anderen Gäste kennen lernen.“
„Was, es kommen noch andere Menschen?“, fragte Martin.
„Nein, mein lieber Martin. Ihr seid die einzigen Menschen und das seit anno ...“ Hermann überlegte. Es musste wohl schon sehr lange her sein. „Ich glaube es war im Jahr der `Großen Wasserflut´ anno 1836. Ja, ja, es ist schon lange her.“
„Nun sag doch, Hermännchen, mein liebes Gespenst, wer sind denn dann die Gäste?“
Ehe Hermann dem Martin seine Frage beantworten konnte, blubberte Adalbert los: „Es sind die größten und mächtigsten Geister und Gespenster weit und breit. Erblasse, wenn du ihre Namen hörst: Der wilde und schreckliche Junker von Rodenstein, `Seine erhabene Wässrigkeit´ – der mächtige Bachgeist. Er hat die Macht, das ganze Mühlental zu überschwemmen oder eine fürchterliche Trockenheit herbeizuwünschen. Nicht vergessen zu erwähnen: die außerordentlich schöne Wassernixe und ihr Ehemann, das Wassergeistlein. Sie hat die außerordentliche Begabung, törichte Menschen so zu verzaubern, dass sie selbst in der kleinsten Pfütze ertrinken und ihr Ehemann – oh, wenn der euch ansieht wird eurer Blut zu Wasser! Also, verschwindet und kommt nicht wieder!“
„Wir sind in zwei Tagen um Mitternacht wieder hier. Du kannst dich drauf verlassen, oller Giftzwerg von einem Gespenst“, erwiderte Anton. Sich an seinen Bruder wendend, sagte er: „Gehen wir nach Hause und überlegen uns unsere Wünsche.“
Bereits zwei Schritte vom Loch entfernt, glaubte Martin, Hermännchen rufen zu hören: „Jeder hat nur einen Wunsch und dem muss unser `Allmächtiger Carl Friedrich´ zustimmen.“
Zwei Tage später, pünktlich 10 Minuten vor 24 Uhr, öffnete Anton mit dem Spaten erneut das Loch zum Keller und damit zur Wohnung der beiden Mühlengespenster. Martin leuchtete ihm mit der Taschenlampe. Kaum war die Öffnung so groß, dass ein Menschenkopf hindurchpasste, lag Anton auch schon auf dem Boden und starrte in den dunklen Keller. Nichts sah er. Auch als er mit der Taschenlampe hineinleuchtete, erblickten sie keinen Hermann und Adalbert mehr.
„Verflucht!“, schimpfte Anton. „Hat uns doch dieser Banause Adalbert an der Nase herum geführt. Wir hätten ihm nicht trauen dürfen! Jetzt können wir unsere Wünsche vergessen!“
„Wer ist hier ein Banause!“, kreischte es hinter den beiden Jungs. Sie fuhren herum und erblickten Adalbert in einer Kleidung, die dem frühen Mittelalter entsprach. Prachtvoll sah sein Mantel aus, gefertigt aus edlem Stoff und purpurn gefärbt.
„He!“, entfuhr es Martin. „Sieht der aber toll aus. So ein Kostüm könnte ich zum Fasching gebrauchen.“
„Wenn das dein Wunsch ist, so kann ihn unser `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ erfüllen“, sagte leise aber bestimmt `Hermann von der Alten Wassermühle´ hinter Martin.
„Halt! Das ist nicht mein Wunsch!“, schrie Martin seinen Ärger über diese Unterstellung in die dunkle Nacht. „Ich habe mir einen besonderen Wunsch überlegt. Aber den sage ich erst eurem `Allmächtigen´, klar! Los, führe uns zu ihm!“
„Aber gern, mein lieber Martin“, säuselte Hermännchen eifrig und flog, ebenfalls auf das Prächtigste ausstaffiert, geräuschlos durch die Luft und um die beiden Jungen herum.
Adalbert knurrte nur: „Wir kommen wegen euch noch zu spät. Das hat es bei uns noch nie gegeben! Also sputet euch! Marsch! Marsch! Auf nach Meisenburg! Auf zum `Großen Fest´!“
Bereits beim letzten Wort bewegten sich die beiden Gespenster in einem atemberaubenden Tempo nach Westen. Die Richtung war klar: Wasserschloss Meisenburg lag 20 Kilometer westlich von hier.
„Die spinnen wohl!“ Jetzt war es Anton, der seinen Ärger heraus schrie. Martin steckte die beiden Finger in den Mund und pfiff so laut er konnte.
„Hast du mich gerufen, mein lieber Martin?“, fragte Hermännchen äußerst höflich. „Allerdings!“, antwortete ihm Martin. „Was glaubt ihr wohl, wie wir diese 20 Kilometer zurücklegen sollen?“
„Zu Fuß, du dummer Kerl!“ Adalbert war auch wieder erschienen. Er stand abseits und feixte. „Wenn ihr nicht beim letzten Schlag der Turmuhr im Wasserschloss seid, erlischt euer Wunsch!“
Ein schauderhaftes Lachen folgte dieser Mitteilung. Voller Wut nahm jetzt Anton seinen Spaten und hieb nach Adalbert. Er traf ihn und spaltete ihn in zwei Hälften.
In diesem Moment begann die Turmuhr zu schlagen. Anton fasste Adalbert an seinem Umhang, der den abgetrennten unteren Körper verdeckte und schrie sein Gespenst an: „Sofort bringt ihr uns zum Schloss!“
Kläglich wimmerte jetzt Adalbert: „Aber nicht ohne meine zweite Hälfte, lieber Anton.“
Die beiden Jungs trauten ihren Augen nicht. Die untere Hälfte des Adalbert, also seine Beine mit seinem Bauch, bewegte sich zum Oberteil und beide fügten sich nahtlos zusammen. „Jetzt heißt es sich sputen, Hermännchen“, sagte Adalbert. „Nimm dir deinen Martin.“
Er selbst fasste Anton an eine Hand und hob ihn in die Luft, als wäre Anton selbst nur aus Luft gemacht. Dem Anton schwanden fasst die Sinne von dieser Reise. Adalbert setzte ihn unmittelbar vor dem Haupteingang des altehrwürdigen Wasserschlosses ab. Er war noch so benommen von dieser Luftreise, dass er gar nicht mitbekam, dass sein Bruder mit Hermännchen direkt neben ihm landete.
„Oh, Herrmännchen! Das war herrlich! Du bist der größte Geist!“, jubelte Martin. Und an die Rückreise denkend, fügte er hinzu: „Du bringst mich doch wieder zurück, oder?“
Während Hermännchen sich über das Lob eines Menschen ob seiner Gespensterkunst sehr freute und Martins Frage bejahend nickend beantwortete, knurrte Adalbert: „Das müssen wir uns noch dreimal überlegen. Erst wollen wir sehen, wie ihr euch bei unserem Fest aufführt!“
„Ach, sei doch nicht so grob. Es sind doch zwei nette Jungs!“, meinte Hermännchen. Durch Martins Lob war er so freudig gestimmt, dass er es sogar wagte, sich gegen Adalbert, den er immer wegen der Konsequenz in seinen Handlungen beneidete, auflehnte.
Die Antwort kam stehenden Fußes. „Nun mucke du nicht auf!“, schalt Adalbert seinen Gespensterfreund. „Deine lieben Jungs müssen erst einmal beweisen, dass sie es wert sind, bevorzugt behandelt zu werden!“
Hermann drehte sich jetzt zu den Jungs um und sprach mit säuselnder Stimme: „Lieber Martin, lieber Anton! Mein Freund Adalbert meint es nicht so. Er ist ein gutes Gespenst. Aber recht hat er in einem: Ihr müsst vor der Vollversammlung der Gespenster und Geister euch ordentlich benehmen.“ Er machte eine Pause. Martin fand diese viel zu lang und fragte deswegen nach: „Wie müssen wir uns benehmen, Hermännchen?“
„Erste Regel: Verneigt euch dreimal vor dem `Allmächtigen´! Zweite Regel: Widersprecht nicht, wenn der `Allmächtige´ euch belehrt. Dritte Regel: Der `Allmächtige´ wird euch einladen, natürlich nur bei entsprechender Eignung, dem Bund der Gespenster beizutreten. Das wäre eine große Ehre für euch. Nehmt sie an und wir könnten mit euch herrliche Spiele machen, die Menschen necken. Wir hätten viel Spaß miteinander!“
„Also Hermann, die dritte Regel schlage dir gleich aus dem Kopf! Da machen wir nicht mit! Wir bleiben Menschen und ihr könnt ja Gespenster bleiben! Klar!!“ Anton war sehr überzeugend, denn Adalbert meinte umgehend: „Die dritte Regel muss auch nicht befolgt werden. Aber unser `Allmächtiger´ sucht ständig nach gutem Nachwuchs, denn auch ein Gespensterleben ist manchmal begrenzt.“
„Also, ich habe auch nicht die Absicht, als Gespenst herumzugeistern“, bemerkte Martin. Und da ihm der gesamte Aufenthalt vor dem Wasserschloss viel zu lange dauerte, fragte er nach: „Wann sehen wir denn endlich euer Obergespenst. Wir müssen morgen früh wieder im Bett liegen, sonst kriegen wir tüchtigen Ärger mit unserer Mam.“
„Keine Sorge deswegen“, versicherte Hermännchen. „Seit wir das Wasserschloss betreten haben, ist die Zeit stehen geblieben. Jetzt ist es nach Menschenzeit nur wenige Turmuhrschläge nach Mitternacht. Wir gehen...“
Hermann wurde von Adalbert unwirsch unterbrochen. „Nenne unseren `Allmächtigen Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ nie wieder Obergespenst. Dann könnt ihr eure Wünsche gleich vergessen. So nun gehen wir! Macht alles uns nach, dann verhaltet ihr euch schon richtig.“
„Warte Adalbert“, bat Hermann. „Wir müssen Vorsorge treffen, dass unsere netten und freundlichen Jungen keinen Schaden nehmen. Denke doch an den letzten Besuch von Menschen. Du weißt doch noch – im Jahre 1836!“
Hermännchen machte sein freundlichstes Gesicht, zückte aus einer unergründlichen Tasche einen glitzernden Ring, spukte dreimal darauf und übergab ihn Martin: „Jetzt ist er dein und zwar für die Zeit, in welcher ihr mit uns Mühlengespenster leben werdet. Kommst du während der Zeit deines Aufenthaltes bei uns in Not, dann drehe den Ring und wünsche dich nach Hause. Dieser Wunsch wird erfüllt werden. Nur versprechen musst du mir, lieber Martin...“ Er machte eine längere Pause und schaute Martin durchdringend an. Dem kroch bei diesem Blick die Kälte den Rücken hinauf. „Versprechen musst du mir, dass du danach den Ring wieder in unsere Behausung zurückwirfst. Kaum ist der Ring an meinem Finger, vergisst du, dass es uns gibt.“
„Wenn ich dich aber nicht vergessen will!“ Mit dieser Antwort hatte Hermännchen nicht gerechnet. Er stotterte: „Dann..., dann..., ja dann können wir euch nicht zum `Allmächtigen´ mitnehmen.“
„Gut! Gut! Ich verspreche es!“ Martin wollte auf keinen Fall, den Besuch beim `Allmächtigen´ verpassen und außerdem hatte er sich einen Wunsch ausgesucht, den er auch erfüllt haben wollte.
„Dann aufgepasst, lieber Martin! Spreche mir nach: Ich gelobe bei meinen Gebeinen, bei meinem Haupte, bei meiner Seele! Ich gelobe, meinem Freunde ` Hermann von der Alten Wassermühle´ seinen einzigartigen Ring, den einst der `Große Geist´ mit gewaltiger Macht versah, zurückzugeben. Breche ich diesen Schwur, so wird meine Seele verdorren, mein Haupt abgeschlagen und meine Gebeine sich kreuzen.“
Brav sprach Martin diesen gewaltigen Schwur nach. Hermännchen drückte ihm den Ring in die Hand und flüsterte: „Vergiss nicht, nur bei Gefahr für dein Leben anwenden. Nur bei Gefahr, Martin!“ Laut sagte er zu Adalbert: „Jetzt du, lieber Adalbert.“
Der zückte sehr unwillig einen Ring, der im Glanz und Feuer der Steine Hermännchens Ring in keiner Weise nachstand, und er verlangte auch von Anton diesen Schwur. Nur ließ er „meinem Freunde“ weg und knurrte hinterher verdrießlich: „Hältst du den Schwur nicht, wirst du alle Qualen der Hölle und des Himmels erleiden! Denke immer daran!“
Hermännchen strahlte jetzt seine beiden Menschenfreunde an. „Machen wir uns bereit – für unseren Auftritt“, rief er voller Freude. „Die Versammelten werden staunen ! Hei – das wird ein Fest!“
„Na, ja“, griente Adalbert. Ein Lächeln konnte er sich nicht abringen. Er stellte sich in Positur, blähte sich auf die doppelte Größe auf und stolzierte zum Hauptportal. Auch Hermännchen veränderte sein Aussehen. Während Adalbert sowohl in der Höhe als in der Breite tüchtig zugelegt hatte, wurde das kleine Hermännchen ein spindeldürres übergroßes Gespenst. Mit großen Schritten, die etwas Feierliches und doch dabei Komisches ausdrückten, führte Adalbert den Zug an. Hermännchen sah so würdevoll aus, dass ihn bestimmt keiner mehr `Hermännchen´ nannte. Martin stolzierte nach Hermännchen, den Schluss bildete Anton. Das große Hauptportal war festlich mit vielen Fahnen und Wappen geschmückt. Türen, schwer aus Eichenholz und mit Eisen beschlagen öffneten sich wie von Zauberhand vor Adalbert. Er und Hermännchen hatten eine Größe angenommen, wo selbst diese mächtigen Schlosstüren zu niedrig für die Gespenster waren. Weder Anton noch Martin konnten sagen, ob sich die Türen selbständig vergrößerten oder ob die Geister sich verkleinerten. Die letzte Tür war erreicht. Adalbert hielt mit einem Male einen mächtigen gewundenen Eichenstock, der mit Gold und Silber beschlagen war, in der Hand. Damit schlug er gegen die Tür, die von den gewaltigen Schlägen aufsprang. Eine Fanfare erklang und ein Herold, Martin meinte hinterher, dass er aussah, wie ein Clown aus dem Märchenbuch, rief mit markerschütternder Stimme: „Willkommen `Seine erhabene Gepensterhaftigkeit Adalbert, der II´! Willkommen `Hermann von der Alten Wassermühle´! Willkommen...!“
Hier brach er ab. Er schwebte zu Martin und Anton, betrachtete beide und dann, sehr gefasst, rief er: „Willkommen, ihr Gäste aus der Menschenwelt! Nennt eure Namen, laut und deutlich.“
Martin und Anton schrieen ihre Namen in den Saal. Wie ein Echo hörten sie jetzt ihre Namen, die von den Gespenstern und Geistern gerufen wurden. Ein „Oh!“ und „Ah!“ drückte auch die Verwunderung der Anwesenden aus. Der Herold, es war übrigens das jüngste Gespenst in diesem Raume – nur 350 Jahre alt - flüsterte den Jungs zu: „ Mit diesem Namen wird euch unser `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ nicht empfangen wollen. Unser guter Herrscher ist heute unpässlich. Ihr könnt ihn mit diesen Namen nicht begrüßen. Ihr müsst doch noch gewaltige Namen haben. Etikette, meine jungen Herren! Etikette!“
Während alle anwesenden Geister und Gespenster die beiden Jungs umschwirrten und begutachteten, flüsterte Hermännchen den Jungs zu: „O, weh! Das haben wir nicht bedacht! Schnell, überlegt euch gewaltige Namen.“
Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Fanfaren dröhnten, dass der Kopf schmerzte. Die gesamte hintere Wand öffnete sich und ein mächtiges Gespenst schritt erhaben in den Saal. Jetzt konnte man erkennen, welchen Rang die Mühlengespenster und die Gäste einnahmen. Während Adalbert nur leicht den Kopf nickte, vollführte Hermännchen eine vollendete Verbeugung. Der „Rodensteiner“ schrie mit der eisernen Faust gegen seine Rüstung, dass es nur so schepperte. Der Rangniedrigste, es war der Herold, warf sich auf den Boden und krümmte sich wie ein Wurm. Anton wählte schnell die Verbeugung als Ehrenbezeigung und Martin tat es ihm nach. Noch während sie sich verbeugten, hörten sie Hermännchen zischen: „Erste Regel: Dreimal verbeugen!“
So taten es die Jungen. Der „Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle“ stolzierte zu den Jungs, dabei berührten seine Füße nur scheinbar den Boden. Er fasste Martin am Kinn. Der spürte einen eisigen Hauch. Viele Minuten war sein Kinn nach dieser Berührung wie betäubt.
„Oh, wir haben neue Gäste! Wie schön! Gäste aus dem Menschenreich! Nennt eure Namen!“
Da er immer noch direkt vor Martin stand, fühlte sich derselbe auch zuerst angesprochen. Er schrie seinen schnell überlegten Fantasienamen in den Saal: „Jung-Martin, von und zu der Hemgesbergburg!“
„Oh!“ Der „ Allmächtige“ war begeistert. „Oh, ein Herr mit einer Burg! Sehr schön, mein lieber Jung-Martin!“ Dann drehte er sich zu Anton um, betrachtete ihn und fragte: „Auch du bist ein Burgherr, mein Freund?“
Anton hatte sich ebenfalls einen Namen in aller Eile ausgedacht. So konnte er schreiend verkünden: „Jawohl, mein `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´! Mein Name kennt die gesamte Menschheit. Mich heißt man `Ritter Anton, Herr des Adlersteines und Herrscher über den goldenen Drachen´!“ Dabei vollführte er eine galante Verbeugung, die „Seine Allmächtigkeit“ sichtlich beeindruckte. „Welch eine Ehre für uns, Herr Ritter!“, tönte er. Dann drehte er sich um und setzte sich in einen goldenen Sessel. Jetzt hatten die Jungs Gelegenheit, dieses Herrschergespenst zu begutachten. Die edelsten Stoff, durchwirkt mit Gold- und Silberfäden, schmückten seinen gewaltigen Körper. Sein Haupt bedeckte ein Zwischending zwischen Königskrone und Papsthut, natürlich aus gediegenem Gold, mit erlesenen Edelsteinen besetzt. Seine Finger waren so mit gewaltigen Ringen bestückt, dass man sie selbst kaum sah. Dieser „Allmächtige“ regierte also die Geister- und Gespensterwelt!“
Und dieser `Allmächtige´ erhob seine Stimme, die so gewaltig war, dass die Scheiben in den Fenstern klirrten, die Gläser auf der Festtafel zersprangen und die Brüder sich die Ohren zuhielten. „Hermann von der Alten Wassermühle!“, schrie der `Allmächtige´. „Walte deines hohen Amtes und eröffne unser 41. Fest! Wir werden es als das Fest der jungen Burgherren in Erinnerung behalten!“
Kaum war die Stimme des `Allmächtigen´ verklungen, setzten sich die zersprungenen Gläser wieder von allein zusammen, schwappte der Wein wieder zurück in die Gläser.
Hermann trat vor. Er blähte sich so gewaltig auf, dass selbst seine Gespensterkollegen ihm unverhohlen für diese Leistung Beifall zollten. Grollender Bass ertönte aus seinem gewaltigen Wanst: „Das 41. Fest, das Fest der Wünsche und Freude, das Fest der Gäste und der Gastgeber ist eröffnet. Seid willkommen `Jung-Martin, von und zu der Hemgesbergburg´! Willkommen auch du, `Ritter Anton, Herr des Adlersteines und Herrscher über den goldenen Drachen´!“
Als wäre seine Kraft mit dem Aufblähen und der grollenden Bassstimme verbraucht, schnurrte der „Hermann von der Alten Wassermühle“ auf die Größe des kleinen Hermännchen zusammen. Piepsend wiederholte er: „Das Fest ist eröffnet!“
Kaum war die letzte Silbe verklungen, geschah gar nichts. Dann, bestimmt war eine Minute in der Gespensterzeit vergangen, gab es ein Gekreische und Gejohle im riesigen Festsaal. Jedes Gespenst nahm seine normale Gestalt an. Sie stürzten sich zuerst auf Martin dann auf Anton, zupften sie an den Haaren, befühlten Nasen, Ohren und betrachteten mit Entzücken die Kleidung der beiden Kinder. Am verrücktesten bei diesen Aktionen gebärdete sich der `Allmächtige´. Er konnte es sich sogar nicht verkneifen, durch die Jungs hindurchzufahren. Nachdem er genug von den Kindern gesehen und sie auch ausgiebig befühlt hatte, rief er fast mit normaler Stimme: „Zu Tisch! Zu Tisch, meine lieben Freunde!“ Als sich der grobschlächtige Rodensteiner und der Bachgeist „Seine erhabene Wässrigkeit“ sich entsprechend der Rangordnung neben den `Allmächtigen´ setzen wollte, schnipste der mit dem Finger. Martin und Anton spürten, wie sie durch die Luft segelten und sanft auf den herrlichen Stühlen neben dem `Allmächtigen´ landeten. Bereits kurz zuvor waren der Rodensteiner und der Bachgeist mit einem ebensolchen Schnips, nur mit der anderen Hand, am Hinsetzen gehindert worden.
„Esst und trinkt, meine jungen Burgherren! Schon lange hatten wir nicht mehr solch vornehmen Besuch bei uns, und noch dazu aus dem Menschenreich! Alle eure Wünsche sollen erfüllt werden. Was wollt ihr essen und trinken, ihr jungen Herren?“
„Ja, `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ wir haben einen Wunsch“, antwortete ihm Anton. „Da wir Adalbert und Hermann berührt haben, wünschen wir uns...“
Unwirsch wurde Anton mit einer Handbewegung am Weiterreden gehindert. Zuerst ziemlich grob, dann gesäuselt sprach der `Allmächtige´: „Langsam! Langsam! Diese Wünsche werden erst um Eins ausgesprochen, um Eins! Denkt daran, wenn die alte Schlossuhr zu schlagen beginnt. Beim 13. Schlag nennt den Wunsch. Aber bis dahin wird unser Fest zu euren Ehren gefeiert, meine lieben jungen Burgherren.“
Ohne weiteres Nachfragen schnipste der `Allmächtige´ wieder mit seinen Fingern, sofort eilten zwei liebliche Mädchen zu den beiden Jungs und häuften auf ihren Tellern alle Köstlichkeiten einer feudalen Küche. Die Elfen, denn solche waren es, stellten sich als Lucia, blutiges Tautröpfelein und Elfi, stachliger Sonnentau vor.
Erschrocken fuhr Anton hoch, als er hinter seinem Rücken Adalberts Stimme leise vernahm: „Denke an die zweite Regel und die heißt: Widersprecht nicht, wenn der `Allmächtige´ euch belehrt. Es kann euch sonst schlimm ergehen.“
Adalbert saß entsprechend seines Ranges drei Stühle weiter. Um Anton dies zuflüstern zu können, hatte er seinen Hals um bestimmt 10 Meter verlängert. Anton, etwas verwundert, nicht über die zweite Regel, denn die kannte er ja schon, nein es war Adalbert selbst, der bei ihm kein gutes Gefühl erweckte. Dieser Adalbert, den er als einen Giftzwerg von einem Gespenst bezeichnet hatte, führte garantiert nichts Gutes im Schilde. So flüsterte Anton seinem Bruder zu: „Aufpassen, Martin! Der olle Giftzwerg will uns schaden.“
Da dies hinter dem Rücken des `Allmächtigen´ geschah, glaubte Anton, dass sein Flüstern in diesem Geschrei und Gejohle, das hier im Festsaal herrschte, nicht gehört würde. Aber er hatte nicht die enormen Fähigkeiten der Gespenster einkalkuliert.
Mit einem Aufschrei „Wer ist hier ein Giftzwerg?“ verstummte sofort die gesamte Gesellschaft. Jetzt geriet Anton in Erklärungsnöte. Dann entschied er, auch die unwahrscheinlichen Fähigkeiten der Gespenster einkalkulierend, sich für die Wahrheit.
„Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle“, sagte er sehr ruhig. Um seine Ehrerbietung zu bekunden, erhob er sich dabei vom Stuhl und vollführte eine galante Verbeugung. „Nicht Ihr seid gemeint, sondern Adalbert. Ich meine, er will mir schaden!“
Der `Allmächtige´, angetan von dieser Anrede und der höfischen galanten Verbeugung, brach in schallendes Gelächter aus, so dass sämtliche Scheiben im Schloss zu klirren begannen.
„Brav gesprochen, mein lieber junger Burgherr! Hört, meine lieben Untertanen! Hört, was ich zu verkünden haben!“ Und wieder begann er, schallend zu lachen. Er ging auf Antons Beschuldigung gar nicht mehr ein. Dass Gespenster auch Menschen Schaden zufügen war ja für ihn als Chefgespenst völlig normal. Er fand es eher lustig, andere Namen zu verwenden. „Heute Nacht heißt unser über alles geliebter Adalbert nur noch `Adalbert, der olle Giftzwerg´! Auch wir legen uns andere Namen zu.“ Er schwebte jetzt durch die Luft und blieb vor Anton in der Luft stehen. „Wie mein junger Burgherr würdest du mich nennen?“
Anton zauderte, denn mit diesem `Allmächtigen´ wollte er sich nicht anlegen. Martin hatte da keine Scheu. Er platzte heraus: „Wie wäre es mit `Euer Aufgeblasenheit´?“
„Fein! Das gefällt mir!“ Als Dankeschön blies er sich so gewaltig auf, dass er zerplatzte und anschließend sich aus Tausenden von Einzelteilen wieder zusammensetzte. Dabei hing nun sein Kopf unter den Beinen und die Arme baumelten an Brust und Rücken. Lachend schrie er, außer sich vor Freude: „Los, Jung- Martin, mein lieber junger Burgherr! Los, gib auch den anderen Gespenstern und Geistern schöne Namen!“
Und damit hatte nun Martin überhaupt keine Mühe. „Der Rodensteiner möge ´Verrostete Blechtrommel´ heißen!“, schrie er in den Saal. Die Gespenster jubelten. „Gib mir auch einen schönen Namen!“, bettelte das Wassergeistlein. Und flugs hieß er nun „Oller Wasserpanscher“. Den Hermann nannte er in Erinnerung an seine ungeheure Länge beim Betreten des Saales „Durchleuchtigste Riesen-Bohnenstange“. Die Gespenster standen Schlange, um einen Namen zu erhalten. Ja, man kostete den Spaß aus und ließ sich einen zweiten oder sogar dritten Namen geben. Längst war Anton wieder mit im Spiel. Besonders getroffen hatte er mit seiner Namensgebung das Gespenst „ Seine Unerschrecklichkeit Fridolin“. Da dieser Fridolin das traurigste Gespenst war, welches man sich vorstellen konnte, nannte er ihn „Großmütiger und Edelster Trauerkloß“. Darüber war Fridolin so begeistert, dass er bei diesem Fest das lustigste und ausgelassenste Gespenst war. Immer und immer wieder umstrich er Anton, rief lachend seinen neuen Namen, vertauschte auch mal die Worte untereinander, setzte sich als Minigespenst auf Antons Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Junger Herr Anton, ich bin jetzt dein neuer Freund!“
Diese neue Freundschaft sollte sich für die beiden Jungs noch auszahlen.
Als den Brüdern keine Namen mehr einfielen, erhob der `Allmächtige´ seine Stimme und verkündete, dass für die Menschen in der anderen Welt nun das Fürchten und Erschrecken angesagt sei.
„Macht euch fertig, meine lieben Untertanen. Heute Nacht werden wir den Menschen in unserem Mühlental solch ein Schrecken einjagen, dass sie nur so aus unserem Tal fliehen werden. Aber unsere beiden jungen Burgherren müssen wir vorher zu Gespenstern machen.“
Sofort ergriff Anton das Wort: „Verzeiht `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´, verzeiht Euer `Aufgeblasenheit´! Wir wollen keine Gespenster werden, wir möchten unwürdige und kleine Menschen bleiben.“
„Ach papperlapapp!“, gurgelte der sich mächtig aufgeblasene `Allmächtige. „Ihr seid doch nur Gespenster für die Geisterstunde! Papperlapapp, nur für die Geisterstunde!“ Dann lachte er so gewaltig, dass es schon furchterregend war. Martin hörte ein feines, dünnes Stimmchen sagen: „Jetzt müsst ihr eure Wünsche nennen! Jetzt, sonst verfallen sie! Lasst euch zu Gespenster machen. Euch kann nichts geschehen. Ihr habt doch unsere Ringe. Ich bleibe in deiner Nähe, mein lieber Martin.“
Es war Herrmännchen, der im dies ins Ohr flüsterte. Eine kleine weiße Rauchfahne entwich Martins linkem Ohr, schwebte in die äußerste Saalecke und verwandelte sich dort in Hermännchen.
„Anton, wir sollen jetzt unsere Wünsche nennen. Das ist Hermännchens Botschaft. Bezirze du den `Allmächtigen´!“
Anton gab sein Bestes. Er verlieh dem Obergespenst tolle Titel, machte eine galante Verbeugung nach der anderen und kam schließlich mit seinem Wunsch heraus. „Großmächtigster und Edelster aller Gespenster, Herrscher des Mühlentales, Verwalter der Macht und des Aberglaubens, Allmächtiger Fürst der Geisterwelt, Wissender des Lebens und des Todes – erfülle, bevor wir zu deinen Untertanen werden, erfülle uns beiden Menschenkindern unsere Wünsche. Sie sind so bescheiden und für `Eure Allwissenheit´ ist es ein Fingerschnips und Fingerschnaps sie zu erfüllen. `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´, wir werden dann ewig in eurer Schuld sein!“
Völlig aufgelöst vor Rührung über diese Schmeicheleien, zerfloss der `Allmächtige´ vor ihren Augen. Noch als Wasserrinnsal gurgelte er: „Ach, was sind das doch für brave junge Burgherren. So nett! So gebildet! Natürlich werde ich eure Wünsche erfüllen!“
Kaum hatte er den letzten Satz gesagt, als auch schon Anton seinen Wunsch herausschmetterte: „Zeige mir den Ort, wo die drei silbernen Glocken versteckt sind!“
Schlagartig war Ruhe im Festsaal. Kein Lachen oder Kichern, kein Geschnatter oder Gejohle war zu vernehmen. Wie erstarrt standen die Gespenster und stierten zu ihrem Obergespenst. Doch der `Allmächtige´ nahm gelassen seine normale Gespenstergestalt an, schnipste mit den Fingern und verkündete wohlwollend, aber hintergründig lächelnd: „Gewährt! Der Wunsch sei dir gewährt! Wann möchtest du sie sehen?“
Schnell antwortete Anton: „Zu Martins Geburtstag, in zwei Tagen!“
„Gewährt! Gewährt!“, grunzte der `Allmächtige´. „Nun nenne deinen Wunsch, Jung-Martin!“
„Lieber `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ , ich `Jung-Martin, von und zu der Hemgesbergburg´, ich wünsche mir zu meinem Geburtstag in zwei Tagen, dass um 15 Uhr eine Dampflokomotive auf den Gleisen der ehemaligen Mühlentalbahn fährt und dass alle hier anwesenden Gespenster diese Bahn fahren und meine Gäste und natürlich mich auch auf das Auserlesendste bewirten.“
War bei Antons Wunsch absolute Ruhe im Saal, so wurde Martins Wunsch mit einem gewaltigen Aufschrei quittiert. Alle starrten den `Allmächtigen´ an. Man war überzeugt, dass er die beiden unverschämten Jungs sogleich in Stücke reißen würde. Doch das Obergespenst schnipste mit dem Finger und säuselte: „Ein außergewöhnlicher Wunsch! Alle meine Gespenster am helllichten Tage auf einer Dampflokomotive, auf diesem fauchenden, stinkenden und Feuer ausstoßendem Eisenungetüm! Also - das hatten wir noch nie! Trotzdem, mein herzallerliebster Jung-Martin...“ Nach wenigen Sekunden der Gespensterzeit, in die große Stille hinein erschall mit gewaltigem grollenden Lachen: „Gewährt! Gewährt!“
Wieder war es Hermännchen, der als Rauchwölkchen Martin zuflüsterte: „Oh weh! Oh weh! Das sind sehr verwegene Wünsche! Pass gut auf, mein lieber Martin! Pass gut auf! Ich werde immer in deiner Nähe bleiben!“
Auch Anton hörte Flüstern im linken Ohr. Dort saß Fridolin als Mücke geschrumpft und schwirrte: „Du und dein Bruder, ihr habt großen Mut gezeigt. Solche Wünsche hat noch keiner ausgesprochen. Die silbernen Glocken sind die Machtzeichen des `Allmächtigen Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´. Wer sie besitzt, besitzt die Macht im Mühlental! Ich bleibe in deiner Nähe! Vertraue mir!“
„Nun, da ich unseren beiden jungen Gästen aus dem Menschenreich ihre, ich muss wirklich sagen – etwas ausgefallene Wünsche - gewährt habe, ist es an der Zeit, dass sie zu uns gehören.
„Jung-Martin und junger Burgherr Anton, stellt euch in die Mitte des Saales!“ Der `Allmächtige´ bat nicht mehr, er befahl. Erst als Martin protestierte und wissen wollte, was jetzt geschehen würde, zeigte das Chefgespenst wieder seinen scheinbar liebenswerten Charakter. „Ach Jung- Martin, verzeiht mir! Wie konnte ich die Contenance vergessen. Um Menschen zu Gespenstern zu machen ist die Kraft aller anwesenden Gespenster notwendig. Wir bilden einen großen Kreis. Unsere spirituellen Fähigkeiten werden gebündelt und mit dieser ungeheuren Kraft verwandeln wir euch und euren Bruder in Gespenster. Ja, als besondere Zugabe für euch, mein lieber Martin, dürft ihr euch aussuchen, welche Gestalt ihr bevorzugt. Vielleicht so?“ Er schnipste und in der Luft bildete sich ein Monster. „Oder wie wäre dies?“ Ein zwergenähnliches Geschöpf mit riesiger Nase und gewaltigem Kopf, der auf den Schultern nur so hin und her wackelte. „Auch das wäre im Angebot?“ Wieder ein Schnips und ein Zentaur stand im Kreis.
„Ach `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´, verzeiht mir, aber ihr habt schon mit der Zusage für die Erfüllung unserer Wünsche sehr viel getan. Mein Bruder und auch ich sind des Lobes voll über eure Güte. Deswegen zürnt jetzt nicht, wenn wir als Gespenster unser jetziges Aussehen behalten wollen. Stellt euch vor, allmächtiger Fürst der Geister- und Gespensterwelt, Menschen, die uns kennen, sehen uns in dieser Nacht als Gespenster. Wäre das nicht ein Vergnügen?!“
„Wahrlich! Wahrlich, mein junger Ritter! Das ist ein guter Vorschlag. Ihr könnt ja später auf eine andere Gestalt umsatteln. Ha ha ha!“
Der Fürst der Gespensterwelt plusterte sich gewaltig auf und tönte mit seinem gesamten Körper: „Auf, auf! Der Rundtanz erwartet uns! Auf zum Rundtanz, auf eure Plätze, ihr lieben Untertanen. Ihr Gäste aus dem Menschenreich begebt euch in die Mitte!“ Er schnipste mit seinen dicken wurstigen Fingern und Anton und Martin sausten durch den Raum und fanden sich in einem Kreis aus Gespenstern und Geistern wieder, die sich alle anfassten. Als die beiden Elfen mit ihren kurzen Armen nicht die Nachbargespenster erreichten, fauchte der `Allmächtige´: „Los! Los! Verlängert euch! Der Kreis muss geschlossen sein, denn sonst bleiben unsere jungen Gäste Menschen!“ So verlängerten die Elfen ihre Arme und sahen wie Kraken in Elfenkostüm aus. Zufrieden musterte der Fürst den Kreis. Jedes Gespenst, jeder Geist hatte sich in diesen Kreis eingebracht. Manche hüpften am Boden, andere flatterten, wie die Elfen, in der Luft. Der Bachgeist plätscherte an seinen Armstümpfen Wasser, welches die Hände des Hermännchen und des Fridolin umspülten. Dieses Wasser nahm seinen Weg zu den Füßen des Bachgeistes und wurde dort wieder zum Bachgeist.
„Ritter Rodenstein, übernimm das Zepter!“, brüllte der `Allmächtige´. Ein goldenes Zepter schwirrte durch die Luft. Der Ritter verließ seine Rüstung, die sich jetzt als eigenständiges Gespenst, mit Zepter und Schwert in den scheinbaren Händen, in die Mitte des Kreises begab. Der Rodensteiner selbst stand in prächtiger, edler Ausstattung weiterhin auf seinem Platz.
Die Rüstung begann jetzt einen Rhythmus zu schlagen: bum – bum – bum, bum, bum, bum, bum! Das mannshohe Zepter wurde auf den Boden gestoßen. Mit dem Schwert hieb die Rüstung an das Brustschild, dass es nur so krachte. Es war ein gewaltiges Dröhnen im Festsaal. Die Gespenster und Geister wiegten oder schritten, manche hüpften auch im Takt, die die Rüstung vorgab. Dann brüllte die Rüstung „Ho, ho ho!“ und die Gespenster antworteten „Wir sind so froh!“ Dieser Sing-Sang ging weiter:
Hei, hei, hei! – sie sind noch frei!
Hi, hi, hi – bald haben wir sie!
Hu, hu, hu – und dass im Nu!
Heu, heu, heu – wie uns das freut!
Hü, hü, hü – bis in die Früh!
Ha, ha, ha – Gespenster stehen da!
Kaum war das letzte Wort des Sing-Sangs verklungen, zuckten aus allen Gespensteraugen Blitze in den gleißendesten Farben, die in der Spitze des Zepters gebündelt wurden. Dieses Zepter schwirrte durch Luft, berührte zuerst Martin und dann Anton. Am Kopf beginnend, veränderte sich der Körper der beiden Jungs, wurde blass und durchsichtig. Martin und Anton spürten eine ungeheure Hitze in ihrem Körper, die schlagartig in Eiseskälte umschlug.
„Die Umwandlung ist vollbracht! Dank euch, ihr lieben Untertanen! Ihr habt euer Bestes gegeben!“ Der `Allmächtige schwebte in seiner normalen Gespenstergestalt zu den Jungs und forderte sie auf, ihre Tauglichkeit als Gespenster zu testen.
Zuerst hieb er mit dem Schwert des Rodensteiners in die Jungs, die nichts davon merkten, dann zog er sie auseinander, so dass Martin bestimmt drei Meter maß und Anton musste sich sogar anschließend zu einem Kringel biegen.
„Bravo! Beste Arbeit! Unser Spaß in der Menschenwelt kann beginnen!“ Er brauste davon und alle Gespenster und Geister ihm nach. Anton und Martin wurden von einem gewaltigen Sog erfasst. Berauscht von dieser ungeheueren Geschwindigkeit, mit der sie sich in der Luft bewegten, jubelten sie laut. Sie glaubten, vor Freude über diese Unbeschwertheit zu jubeln, für Menschenohren aber ertönten diese Laute wie Heulen und Brausen.
Alle Gespenster trafen sich auf dem Adlerstein. Diese höchste Erhebung am Rande des Mühlentales hüllte sich in ein eigentümliches Strahlen. Menschen sagen dafür „gespenstisches Licht“.
Der `Allmächtige´ befahl seine gespenstischen Untertanen zu den verschiedensten Orten. Auch Martin und Anton wollte er, wie zuvor Hermännchen und Fridolin, zum allgemeinen Dienst an der Gespensterfront verdonnern. Ihre Aufgabe lautete: Die Menschen mit Krachen, Dröhnen und Lichterscheinungen zu erschrecken.
Aber das schmeckte Anton und Martin gar nicht. Hatten sie sich doch ausgemalt, wie sie ihnen bekannte Leute als Gespenster begegnen wollten. Anton begann heftig zu protestieren. Doch urplötzlich veränderte sich sein barscher Ton und mit „Aber gern, großmütiger Fürst der Geister- und Gespensterwelt!“ schwebte er davon. Martin folgte ihm. Noch in Sichtweite des `Allmächtigen´ gingen sie ihrem Auftrag nach. Sie veranstalteten ein Himmelsleuchten, das für jeden Menschen ausgesprochen sehenswert war. Nachdem sich der Fürst über die gewissenhafte Arbeit seiner beiden neue Geister vergewissert hatte, gab er seinen letzten Befehl: „Wenn die Turmuhr das 12. Mal schlägt, dürft ihr euch in eurer menschlichen Gestalt den Menschen zeigen!“
„Gewiss, großer Fürst! Wir danken für eure unermessliche Güte!“, säuselte Anton. Martin war über seinen Bruder sehr erstaunt. Hatte der dicke aufgeblasene Carl Friedrich vielleicht den Anton total in seine Gewalt gebracht? Er brauchte nicht lange zu grübeln. Hermännchen und Fridolin tauchten in Gestalt zweier übergroßer Monster auf. „Danke, Fridolin!“, rief Anton. „Deine Warnung kam noch rechtzeitig. Von Hermann hörte jetzt Martin, was Fridolin seinem Bruder zugeflüstert hatte. Nämlich, dass der `Allmächtige´ alles tat, um die beiden Jungs nicht mehr ins Menschenreich zu lassen. Deshalb sollten Anton und Martin scheinbar dem Fürst zu Willen sein, denn nur so konnten sie seiner ständigen Aufsicht entkommen.
Dass Hermännchen und Fridolin den beiden Kindern sehr gewogen waren, zeigten sie auch jetzt. Hernännchen sprach: „Geht eurem Vergnügen nach! Wir machen für euch die uns vom `Allmächtigen´ aufgetragene Arbeit mit. Wenn die Turmuhr zu schlagen beginnt, dreht an euren Ring! Vergesst nicht, welches Geheimnis ich euch jetzt anvertraue! Schlägt die Uhr das 13. Mal und ihr seid immer noch Gespenster, dann seid ihr es für immer und ewig! Nicht vergessen: Vor dem 13. Schlag!“
Fridolin säuselte: „Amüsiert euch, ihr lieben Menschen!“ Dann sahen Martin und Anton wie sich ihre Gespensterfreunde zerteilten. Hermännchen wurde ein Hermann-Monster und die andere Hälfte wurde Martin. Ebenso nahm Fridolins eine Hälfte Antons Gestalt an. Sie schwebten mit einem riesigen Getöse durch die Lüfte davon, sicher, dass auch der `Allmächtige´ ihren Schwindel nicht bemerken würde.
„Ich habe noch eine Frage, Hermännchen!“, schrie Martin ihm nach. Seine Stimme schwoll zu einem solchen Getöse, dass das Echo sich sogar verschluckte. Hermännchen war wirklich ein gutes Gespenst. In seiner richtigen Gestalt erschien er und fragte: „Was ist, mein junger Freund?“
„Hermännchen, geht nicht die Geisterstunde von 12 bis 1 Uhr? Wieso soll um Eins die Uhr 13 mal schlagen?“
„Geisterstunde ist für die Menschen nur zur Mitternacht! Spukzeit ist von 12 bis 1 in der Geisterzeit! Der 13. Schlag der Geisteruhr beendet die Geisterstunde, lieber Martin! Nur Gespenster und Geister hören diese Turmuhr!“
Seine Stimme war mächtiges Grollen, dazu schuf er ein Wetterleuchten, dass alle Meteorologen über ein solches Himmelsschauspiel erfreut wären.
„Na, dann los!“, rief Anton und setzte sich mit einem elegant gebrausten Kreisbogen in Bewegung. Zischen und Sausen erfüllte die Atmosphäre. Martin starrte im Zick-Zack und ließ so ein Höhengewitter entstehen. „Auf zum Kirchturm! Dort treffen wir uns!“ Martin schrie dies aus voller Kehle hinaus. Anton probierte indessen alle möglichen und unmöglichen Bewegungen aus. Einmal kam er dabei fast bis zum Erdboden. Er sah zwei Menschen und hörte ihre Stimmen klar und deutlich, aber so fein, dass sie unwirklich klangen.
„Machen wir, dass wir nach Hause kommen. Solch ein Wetter hatten wir schon lange nicht mehr!“ Der zweite Mann lachte: „Weißt du Alfred, was mein Großvater bei solch einem Wetterleuchten und diesem ganzen atmosphärischen Spuk gesagt hätte?“ „Nee, Paul! Was hätte er gesagt?“ Paul lachte laut und verkündete: „Er hätte sorgenvoll zum Himmel geschaut, hätte an seiner Zigarre gesogen und dann allen Ernstes behauptet: `Das ist der Rodensteiner mit seinem Gefolge! Das bedeutet nichts Gutes! Das bedeutet Krieg! Dann wäre er nach Hause zu seiner Erna getrabt und hätte ihr befohlen, einen großen Lebensmittelvorrat anzulegen.“ „Ja, Ja!“, feixte Alfred. „Die Großeltern glaubten noch an solche Spukgeschichten. Also mein Großvater, der olle Wilhelm, der erzählte immer...“
Anton ließ die beiden Alten ihren Erinnerungen nachhängen, und brauste zum Kirchturm. Dort kreiste bereits Martin um das alte Gemäuer, dass der Wind nur so pfiff. Als er Anton kommen sah, zeigte er auf die Turmuhr: „Verstehst du das, Anton? Um 12 Uhr, also um Mitternacht, sind wir mit Adalbert und Hermännchen zum Wasserschloss geflogen. Und jetzt ist das immer noch um 12!“
„Es ist jetzt Gespensterzeit, Martin! Wir sind Gespeeeeenster!!!!“ Er schrie so laut, dass alle Scheiben in der Umgebung zu klirren begannen. „Komm, lass uns Menschen erschrecken!“
Er sauste davon. Er wollte sich Menschen zeigen, die ihn kannten. Und dann wollte er ihre Gesichter sehen, wenn er als Gespenst wahrgenommen wird.
Da sie zu ihrem Heimatort gebraust waren, kannten sie jede Straße, jedes Gebäude. Anton hatte sich entschlossen, zuerst zur Schule zu fliegen. Dort sollte doch heute eine Feier der Lehrerschaft stattfinden. Und für ihren Gespensterspaß konnte er sich keine besseren Opfer vorstellen – als ihre Lehrer.
Sie hatten Glück. Ein Blick durch das linke Fenster im 2.Stock: sie sahen im Lehrerzimmer alle ihre Lehrer in gehobener Stimmung. Auf jedem Platz stand ein gefülltes Weinglas und der Kasten mit den leeren Weinflaschen versprach eine Lehrerschaft, die dem kleinen Teufel Alkohol schon freudig zugesprochen hatte.
„Martin, jetzt zeige ich mich zuerst. Mal sehen, wie sie reagieren“, brubbelte Anton. Er schmiss seinen Gespensterkörper gegen das Fenster, um durch das Geräusch, die Aufmerksamkeit der Lehrer zu erhalten. Da das Fenster aber nur angelehnt war, sprang es auf.
Anton blies die Backen auf und pfiff die Luft in das Lehrerzimmer.
„Huch, ist das unangenehm!“, rief die Musiklehrerin und bat ihren Platznachbar, den Sportlehrer, das Fenster zu schließen. Obwohl der gerade heftig über das Thema „Profi-Fussball“ mit seinem anderen Platznachbar diskutierte, stand er auf und ging fast rückwärts zum offenen Fenster. Dort drehte er sich kurz zum Fenster um und blickte in zwei strahlende Jungengesichter. Er schüttelte den Kopf, stierte die beiden äußerst blassen Jungs an, schüttelte nochmals den Kopf, schloss die Augen und sah nun nichts mehr!
„Ich bin verrückt!“, schrie er in den Raum. „Oder der Wein ist vergiftet! Ich habe soeben die beiden Größers, den Großen und den Kleinen, auf dem Fenstersims sitzen gesehen!“
„In der `Krone´ wirst du einen haben! Wie sollen die beiden Jungs nachts um 12 Uhr auf dem Fenstersims im zweiten Stock sitzen? Verrat mir das mal!“ Der, der das sagte, war der Mathelehrer. Aber das konnte der Sportlehrer nicht auf sich sitzen lassen. „Schau doch selber nach! Vielleicht siehst du sie noch! Beide saßen da und feixten mich an! So glaub mir doch, Bruno!“
Der laute Disput hatte das angeregte Gespräch der anderen Lehrer gestört. Erstaunt schaute man zu den beiden Streitenden und erkundigte sich nach der Ursache des lauten Zwiegespräches.
Der Schulleiter fasste das Ergebnis wie folgt zusammen: „Schluss für heute! Der Wein war gut, unsere Gespräche auch, also Schluss für heute!“
Dem Martin tat sein Sportlehrer leid. Hatte der ihm doch im letzten Jahr „mit Augenzwinkern“ noch eine Eins gegeben, obwohl die Ergebnisse beim Geräteturnen nicht dafür sprachen.
„Los Anton! Dem `Schorsch´ helfen wir.“
Schorsch – das war sein Spitzname und fast die gesamte Schule, einschließlich der Lehrer, nannte den Sportlehrer so, obwohl er mit Vornamen eigentlich Günther hieß – also dieser Schorsch diskutierte beim Anziehen, beim Hinuntersteigen der Stufen und beim Betreten des Schulhofes. Gerade als er sagte: „Warum glaubt mir denn keiner. So wahr wie ich hier stehe, so wahr habe ich ...“ Freudestrahlend stockte er. Dann rief er fröhlich: „Na, was habe ich gesagt?! Da stehen die beiden Größers! He, Jungs, kommt mal her!“
Martin und Anton schwebten als Gespenster herbei. Jetzt glaubte nicht nur der „arme“ Schorsch, dass irgendetwas mit dem Wein nicht stimmen konnte. Alle Lehrer standen mit offenen Mündern, aufgerissenen Augen und starrten Martin und Anton an. Martin schwebte zum Mathelehrer, gab ihm die Hand, die dieser auch nehmen wollte. Doch er fasste ins Leere.
Anton schwebte zur Musiklehrerin, reichte auch ihr die Hand und ließ ein Gurgeln hören, das wie „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Frau Meyer“ klang. Eigentlich wollte er ihren Spitznamen, Frau Notenschlüssel, benutzen, aber das nächste Vorsingen wollte er sich nicht dadurch vermasseln.
Frau Meyer war auch so genug geschockt. Ihr Nachbar, der Biolehrer musste sie stützen, sonst wäre sie zusammengebrochen. „Das gibt es doch nicht! Das gibt es doch nicht!“, schrie sie, einem hysterischen Anfall nahe.
Anton spürte, dass er mit den Späßen nicht weitergehen durfte. Martin wollte sich aber unbedingt noch am Erdkundelehrer rächen. Hatte der ihm doch eine Fünf für sein topographisches Wissen an der Wandkarte verpasst, und das hielt Martin für total ungerecht. Mindestens eine Drei hätte er bekommen müssen, so meinte er. Also startete er einen Angriff durch den Erdkundelehrer hindurch. Dabei schrie er, was allerdings wie Donner klang: „Berlin liegt an der Spree! Der Odenwald liegt zwischen Main, Neckar und Rhein! München ist eine Millionenstadt!“
Dreimal hatte Martin seinen Lehrer `durchquert´, doch dann fasste Anton ihn an die Hand, zog Martins Arm bestimmt fünf Meter lang. Er stürmte mit seinem kleineren Bruder im Schlepptau davon. „Das war aber übertrieben!“, schimpfte er. „Einmal durchqueren des Lehrers hätte auch genügt!“
„Ja, weil Erdkunde dein Lieblingsfach ist“, antwortete ihm Martin. Dabei grinste er über sein ganzes Gespenstergesicht.
Zurückgelassen hatten die Jungs einen geschockten Lehrkörper. Man diskutierte nicht mehr, man verabschiedete sich nicht, jeder stob so schnell er konnte in Richtung Zuhause. Nur der Schulleiter murmelte leise vor sich hin. Es klang wie „Der Wein war doch schlecht“.
Anton hatte indessen das Wirtshaus ins Visier genommen, denn dort erkannte er ihren Nachbarn, den Herrn Stüble. Er hatte bestimmt nicht nur ein Glas zuviel getrunken. Kaum konnte er sich auf den Beinen halten. Er gröhlte seine Freude und den Grund seines Besäufnisses in die klare Nacht: „Jetzt bin ich Papa! Ich habe einen kleinen Sohn bekommen! Mein Söhnchen - ich komme!
Er stolperte mehr, als dass er ging. Martin und Anton schauten sich dieses Schauspiel an. Sie mochten ihren Nachbarn und so beschlossen sie, ihn nach Hause zu bringen. Als Herr Stüble die Abkürzung über den Holzsteg nehmen wollte, rutschte er auf dem schmalen Brett aus. In diesem Moment rissen Anton und Martin ihn hoch, so dass nur das Hinterteil des Herrn Stüble vom Bachwasser benetzt wurde. Sie nahmen ihren arg beschwipsten Herrn Stüble in die Mitte, brausten mit ihm durch die Lüfte und setzten ihn direkt vor der Haustür ab. (Später erzählte der Herr Stüble, dass zwei Schutzengel ihn sicher nach Hause gebracht hätten.)
Für Anton und Martin ging die Gespensterzeit damit zu Ende. Die Turmuhr begann zu schlagen. „Los, drehen wir unsere Ringe!“, rief Anton. Martin erschrak. Sein Ring war weg. Er musste ihn verloren haben. „Anton, mein Ring!“ Dieser Angstschrei war ein neuer Donnerschlag. „Los! Suchen!“ Anton schrie so gewaltig, dass die Luft erneut zu grollen begann. Nur wenige Schläge der Turmuhr hatten sie Zeit. Zuerst ging es zum Wirtshaus. Dort lag kein Ring. „Zur Schule!“, schrie Anton und stürzte durch die Lüfte, Martin hinterher. Auf dem Schulhof fanden sie den Ring - allerdings in den Händen des `Allmächtigen“. Der schwebte, ungeheuer aufgeblasen, ganz langsam über den Hof und kommentierte jeden Schlag der Turmuhr: „Noch fünf Schläge und ihr gehört mir! Noch vier Schläge und ich habe Gewalt über euch! Noch drei Schläge und ich mache euch zu Monstern! Noch zwei Schläge und ihr werdet mir 1000 Jahre dienen! Noch ei...“
Weiter kam er nicht. Martin schoss auf den aufgeblasenen Gespensterfürsten zu, entriss ihm beim Vorbeisausen den Ring und steckte ihn sich an den Finger.
„Drehen, Antoooon!“, schrie er und wachte schweißnass im Bett auf.
„Alles in Ordnung?“, fragte ihn sein Bruder.
„Mannomann, war das knapp!“, rief Martin so laut, dass seine Eltern erschrocken ins Kinderzimmer stürzten. Sie sahen ihre beiden Jungs aufrecht im Bett sitzen. „Was ist?“, fragte die Mutter. Anton antwortete für Martin: „Nichts ist! Martin hatte nur einen Alptraum.“
Kaum war die Tür hinter ihren Eltern wieder geschlossen, flüsterte Martin: „Was meinst du Anton, werden unsere Wünsche erfüllt?“
Und Anton hob seine Hand hoch, an der der Ring des Adalbert steckte und sprach leise: „Solange wir diese Ringe haben, muss unser Wunsch auch erfüllt werden.“
„Meinst du wirklich?“ Martin war sich der Bedeutung der Ringe nicht sicher. Doch Antons Antwort beruhigte ihn. Meinte doch sein älterer Bruder, dass es der Gespensterfürst nicht dulden dürfe, dass solch gewaltige Zauberringe in den Händen der Sterblichen bleiben können.
So warteten sie auf Martins Geburtstag und hofften, dass ihre Wünsche durch den `Allmächtigen´ doch erfüllt werden.
Zu Martins Geburtstag herrschte ein herrliches Winterwetter. In der Nacht hatte es kräftig geschneit, nun strahlte die Sonne auf den weißen, glitzernden Schnee. Sie leckte bereits wieder den Schnee an einigen Stellen weg. Kaum aber erreichte das Schmelzwasser den Schatten, gefror das Wasser zu Eis.
Kurz vor 15 Uhr bat Martin seine Geburtstagsgäste, sich ihre warmen Winterjacken anzuziehen. „Vergesst nicht die Mützen und Handschuhe!“, rief er ihnen freudig zu. „Es kann windig werden!“
„Martin, warum können wir nicht im Warmen bleiben?“, fragte ihn Hannah, die Jüngste seiner Geburtstagsgäste. „Der Meinung bin ich auch!“, kommentierte Yannik die Frage seiner Schwester.
„Also, mal alle herhören!“ Martin schrie in das Getümmel, um sich Gehör zu verschaffen. Seine Gäste hatten alle keine große Lust, die warme Stube zu verlassen. Der Bauch der Mädchen und Jungen war vom Genuss einer großen „Pumuckel-Torte“ gefüllt; der Magen verlangte sein Recht auf Verdauung und damit auf körperliche Untätigkeit. So maulten sie alle – je nach Temperament lauter oder leiser.
Martin holte sie mit seiner Ankündigung aus diesem Phlegma heraus. „Hört mir gut zu!“, brüllte er erneut. Endlich trat Ruhe ein. „Ich möchte mich bei euch für eure Geschenke herzlich bedanken. Ich habe auch ein Geschenk für euch - ein besonderes Geschenk, das ihr euer Leben lang nicht vergessen werdet! Das hoffe ich wenigstens.“
„Was willst du uns geben?“, fragte Lucas, Martins bester Freund.
„Also, Anton und ich hatten vor drei Tagen ein besonderes Erlebnis. Wir lernten sehr komische Gestalten kennen. Für Anton und mich war diese Begegnung ein aufregendes Abenteuer: Wir haben nämlich Gespenster getroffen. Diese...“
Weiter kam Martin nicht. Das Kinderzimmer war mit herzlichem Lachen, lautem Wiehern und Rufen „Gespenster!?, Gespenster!?“ erfüllt.
In einer kurzen Verschnaufpause, denn auch Lachen kann sehr anstrengend sein, erklärte Anton sehr ernst und sehr ruhig: „Martin veralbert euch nicht! Sein Geschenk für euch ist: Gespenster kennen lernen! Jetzt und sofort! Deshalb zieht euch schnell an. In fünf Minuten müssen wir auf der alten Eisenbahnstrecke stehen. Wenn ihr in fünf Minuten immer noch glaubt, Martin veräppelt euch, so darf jeder von euch sich etwas von uns wünschen! Klar?“
Ohne weitere Kommentare abzuwarten, ging Anton zur Flurtür. „Los, Martin! Wir müssen auf jeden Fall pünktlich sein!“, sagte er zu seinem kleineren Bruder. Martin setzte schnell seine Mütze auf und eilte Anton hinterher, seine Geburtstagsgäste sich selbst überlassen. Doch die lachten, grölten und witzelten nun auch nicht mehr, sondern zogen sich in Windeseile an und stürzten den Brüdern hinterher. Dann ging es fast im Dauerlauf die Wiese hinauf zur alten Eisenbahnstrecke. Seit drei Jahrzehnten fuhr hier keine Eisenbahn mehr. Teilweise war die Strecke von Gehölzen fast zugewachsen. Auch lag in Sichtweite ein umgefallenerer Baum über den Gleisen.
Völlig außer Atem keuchte Johanna: „Martin ...! Martin, stimmt das wirklich – das mit den Gespenstern?“
„In zwei Minuten müssten wir sie sehen. Ich weiß nur nicht, aus welcher Richtung sie kommen.“
„Martin, du spinnst!“ Yannik stand vor ihm und feixte über das ganze Gesicht. „Ich erhebe Anspruch auf deinen Bio Shocker, Anton! Du hast das doch ehrlich gemeint, mit dem Wunsch, Anton?“
„Er gehört dir, wenn sie nicht kommen, Yannik! Aber die Gespenster kommen!“
„Und ich bekomme deinen Rebound!“ Auch Lucas beteiligte sich an diesem neuen Spiel – so dachte er nämlich. Irgendwie waren sich alle Geburtstagsgäste darin einig, dass Martin und Anton sie furchtbar „auf die Schippe“ nehmen wollten.
Martin starrte auf seine Armbanduhr. „Noch eine Minute“, murmelte er. Er war mächtig aufgeregt. In Gedanken überlegte er schon, was er seinen Freunden erzählen könnte, wenn der `Allmächtige´ sein Wort nicht hält und ihre Wünsche nicht erfüllt werden.
„Sie kommen! Sie kommen!“, flüsterte er, als könnte er die Gespenster damit herbeischwören.
„Sie kommen!“ Anton schrie die Botschaft in den kalten Wintertag. „Sie kommen!“, seufzte Martin erleichtert. Und wie sie kamen - die Gespenster vom Mühlental. Eine Dampflokomotive, uralt - der legendären „Adler“ von Stephenson aus dem Jahre 1835 nachgebildet - zischte und dampfte heran. Es war eine Freude, diesem Dampfspektakel zuzusehen. Hinter der „Adler“ waren zwei Wagen gehängt, einer offen, der andere mit Überdach. Da behinderte der mächtige Baumstamm die Weiterfahrt der „Adler“. Jetzt sahen die Kinder, wie ein mächtiger Mann in prächtiger Uniform aus dem ersten Wagen schwebte, den mächtigen Baumstamm emporhob. Er vergrößerte sich gewaltig und erreichte eine solche Größe, dass die Eisenbahn zwischen seinen Beinen hindurchfahren konnte. Dann stellte er den Baumstamm senkrecht, richtiger wäre zu sagen: Er stampfte ihn in den Boden. Dann schwebte er in seiner eigentlichen Größe zur Lokomotive und winkte den Kinder erhaben zu.
„Glaubt ihr nun dem Martin, dass es Gespenster gibt?“, fragte Anton Martins Geburtstagsgäste. Doch die dachten gar nicht daran zu antworten. Sie standen da mit offenen Mündern und stierten auf dieses Schauspiel.
Zischend hielt der Lokomotivführer die Lok direkt vor Martin an. Der dicke Mann in der prächtigen Uniform, es war der Àllmächtige´ persönlich, verneigte sich galant vor Martin und säuselte in höchsten Tönen: „Jung-Martin, von und zu der Hemgesbergburg! Junger Freund und Bewahrer unserer Macht! Wir sind deinem Wunsche entsprechend zu dir geeilt! Befiehl uns – wir werden dir gehorchen!“ Wieder und wieder verbeugte er ich vor Martin. Dann drehte er sich zu Anton um und begann erneut zu säuseln: „Ritter Anton, Herr des Adlersteines und Herrscher über den goldenen Drachen! Auch dir ein Willkommen! Willkommen im Namen aller Gespenster und Geister des Mühlentales! Auch dein Wunsch, oh gestrenger Freund und Beschützer der Gespenster, auch dein Wunsch wird heute erfüllt!“
Martin und Anton beantworteten diese überaus freundliche Begrüßung mit galanten Verbeugungen. Die anderen Kinder standen und starrten und verstanden die Welt nicht mehr. Vor ihnen stand originalgetreu eine Lokomotive, wie sie 1835 zum ersten Mal in Deutschland fuhr. Die Gespenster waren in Kostümen erschienen, wie sie um 1835, also in der Zeit des Biedermeiers, getragen wurden. Und dann erst diese komischen Reden des Obergespenstes und wie ihre Freunde Martin und Anton auf diese komischen Reden mit genauso komischen Verbeugungen antworteten. Hannah rieb sich die Augen und murmelte: „Das gibt es nicht! Ich glaube, ich träume!“ Dann schrie sie plötzlich laut auf. Ihr Bruder Yannik hatte sie in den Hintern gekniffen. „Du träumst nicht“, feixte er und wandte sich an Martin: „Das sind richtige Gespenster! Das ist wirklich eine tolle Überraschung! Können wir da mitfahren?“
„Ich habe sie für uns bestellt“, antwortete lächelnd Martin. „Meine lieben Gespensterfreunde werden uns bedienen!“ Er drehte sich zum `Allmächtigen´ um und fragte ihn scheinheilig: „So ist es doch `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´, Herrscher über alle Gespenster des Mühlentales?“
Und der Gespensterfürst säuselte: „So ist es, mein lieber Jung-Martin! So ist es!“
Anton übernahm die Regie: „Jetzt können wir einsteigen! Auf geht’s! Jeder sucht sich ein Plätzchen!“
Yannik wollte als Erster den Waggon besteigen, doch sobald er den Fuß auf das Trittbrett stellte, sauste der Fuß durch das Brett hindurch. „Na, das ist ja ein toller Gespensterzug!“, knurrte er.
Der `Allmächtige´ eilte herbei. „Contenance! Contenance!“, fuhr er Yannik an. Sich an Anton wendend, säuselte er: „Wir müssen doch die Etikette einhalten, mein lieber junger Burgherr. Stellt uns doch eure hochwohlgeborenen Freunde vor.“
Anton antwortete: „Gern, mein lieber Fürst, sehr gern. Unsere Gäste sind eure Gäste. Sie sind vom höchsten Rang, hochgebildet und fein im Anstand und Sitte! Sie werden eurem Hause alle Ehre machen. So empfangt sie, `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´!“
Anton verbeugte sich vor dem Gespensterfürsten. Dann zeigte er auf Hannah und schrie: „Edle Freifrau Hannah, Herrscherin über riesige Ländereien, Besitzerin der Schlangenburg!“
Hannah schubste er dann mit den Worten „ Verbeuge dich vor dem `Allmächtigen´ und besteige dann den Wagen!“ Und Hannah tat, wie ihr Anton aufgetragen. Kaum hatte sie sich vor dem Obergespenst verbeugt, eilte Fridolin herbei, nahm mit einer tiefen Verbeugung ihre Hand und half ihr galant auf den Tritt, der sich diesmal nicht in gespenstisches Nichts auflöste.
Kaum hatte Hannah den Waggon betreten, trug sie vornehme Kleidung der Biedermeierzeit. Warme Pelze, verziert mit bunten Rüschen und Bändern, ein wärmender Muff für die Hände – Hannah sah hübsch in dieser Maskerade aus. Ihr folgte „Johanna, Princess of Engelland“. Die Verbeugung des Fridolin fiel besonders tief aus, als er der neugebackenen Prinzessin in den Waggon half.
Anton stellte nun jeden Jungen vor. Yannik wurde „Edler Freiherr Yannik, Hauptmann der kaiserlichen Ehrengarde und Herr der Schwalbennestburg“. Lucas hieß nun „Baron Lucas, von und zu des Lichtensteines, Edler von Heppburg und der Auerburg“. „Ritter Marius, Edler vom Schnellert und Besitzer der Winburg“ – so hieß jetzt der zurückhaltende Marius.
An der Seite stand ganz gerührt der Gespensterfürst und brabbelte: „Ach, was für vornehme Gäste! So jung! So schön! So reich! Alles Burgfräuleins und Burgherren! Ach, was ist das doch für ein schöner Tag!“
Als letzter der Geburtstagsgäste wurde „Paul, der Große – Herrscher des Dies- und des Jenseits, Befehlshaber des mächtigen Paulusschwadrons und Besitzer des Luftschlosses“ besonders ehrerbietend vom `Allmächtigen´ sogar mir einem Gespensterhandkuss als Zeichen besonderer Ehre begrüßt.
Als Martin einstieg, rief Anton: „Jung-Martin, von und zu der Hemgesbergburg! Anlässlich seines 11. Wiegenfestes wurde er in den `Großorden des Heiligen Martinius´ aufgenommen und ihm wurde der Orden `Heiliger Bimbam mit Ehrenband´ verliehen. Verneigt euch vor diesem mächtigen Ritter der Ehrenlegion!“ Er selbst tat dies und alle machten es ihm nach. Martin stolzierte wie ein Pfau zum Waggon, lächelte huldvoll – wenigstens glaubte er es – und bestieg mit grinsendem Gesicht den Wagen. Kaum hatte er den Waggon betreten, wurde auch er, wie zuvor alle anderen, festlich in der Mode der Biedermeierzeit gekleidet.
Anton, heute besonders galant, begleitete den `Allmächtigen´, der vor Rührung über so viel vornehme Gäste immerzu „Ach was sind das für vornehme Damen und Herren!“ säuselte.
Kaum war der `Allmächtige´ in den Waggon geschwebt, setzte sich der Zug in Bewegung. Da er aber in die andere Richtung fahren musste, vollführte der Lokführer – es war kein anderer als der Junker Rodenstein – eine große Schleife. Auch wenn er ohne Schienen fuhr, der Gespensterzug dampfte, qualmte, ratterte und pfiff zurück in Richtung Wasserschloss. Wieder auf den Gleisen erhöhte der Rodensteiner die Geschwindigkeit. So strich der Fahrtwind den jungen Gästen, die zuerst im offenen Wagen Platz genommen hatten, ganz gewaltig um die Ohren. Aber von diesem Platz konnte man am besten den Zug bewundern. Aus dem überlangen Schornstein der Dampflokomotive quoll schwarzer Rauch, kringelte sich in der Luft, nahm dabei die Gestalt des Hermännchen an. Heizer des Gespensterzuges war niemand anders als des Rodensteiners Rüstung. Die Rüstung schaufelte Kohle oder Holzkohle oder irgend etwas anderes Schwarzes in die Öffnung der Feuerung. Dort brannte hell das Feuer, das aber dem Martin sehr wunderlich vorkam. „Anton, schau mal in das Feuer! Ist das nicht unser Giftzwerg, der Adalbert?“, fragte er seinen Bruder. Und Adalbert war es wirklich. Er war das Feuer und zeigte sich in seiner Gespenstergestalt immer dann, wenn er sich besonders „aufglühte“.
Noch weitere bekannte Gespenster entdeckten die Brüder. Die Wassernixe und ihr Ehemann, das Wassergeistlein sowie der Bachgeist befanden sich im großen Wassertank. Ab und zu öffneten sie die Klappe und krochen als gespenstische Dampfwolke aus der Öffnung, in die sonst das Wasser nachgefüllt wurde. Die Wassernixe machte sich auch den Spaß und zischte aus der Dampfpfeife in einem ohrenbetäubenden Lärm.
„Zu Tisch, meine lieben Burgfrauen und Burgherren!“, säuselte der `Allmächtige´. In seiner prachtvollen Schaffneruniform schien er sich selbst äußerst zu gefallen. Er schwebte so elegant und gekonnt zwischen die Gäste, dass man wirklich seine anmutigen Bewegungen, trotz seiner gewaltigen Leibesfülle, bestaunen musste.
Im zweiten überdachten Waggon war eine festliche Tafel gedeckt. Die beiden Elfen, Lucia, blutiges Tautröpfelein und Elfi, stachliger Sonnentau, schwirrten graziös durch den Waggon, nur darauf wartend, die Mädchen und Jungen zu bedienen.
Jeder fand sehr schnell seinen Platz, denn riesige Tischkarten mit vollem Titel, so wie sie Anton beim Einsteigen hinaus gebrüllt hatte, schwebten über dem Sitzplatz. Den Ehrenplatz erhielt Martin. Seine Tischkarte war über und über mit Goldstaub bedeckt. Als er sie näher betrachten wollte und sie anfasste, zerfiel sie zu Staub. Auch das Essen, das dann verabreicht wurde, war außergewöhnlich. Jeder wurde aufgefordert, sein Wunschessen zu denken. In gespenstischer Eile wurde es von den beiden Elfen serviert. Martin stellte sich eine riesige Eisbombe vor und prompt stand sie vor ihm. Er nahm den Löffel und schob sich eine Riesenportion in den Mund und aß ... Nichts! Das machte zwar nicht satt, aber Spaß machte dieses Bankett doch. Die Kinder bestellten gedanklich alles was ihnen einfiel und prompt lieferten es die Elfen. Immer war es „Luft“, was sie in den Mund nahmen.
Ein Zwischenfall unterbrach das Festessen.
„Da! Ein großer LKW fährt gleich über die Schienen!“, schrie ängstlich der Paul. Und wirklich fuhr ein Vierzigtonner auf die Schienen zu. Obwohl der Rodensteiner in seiner Funktion als Lokomotivführer Signale gab und die Wassernixe immer und immer wieder aus der Pfeife mit großem Lärm zischte, der LKW-Fahrer schien taub zu sein. Ein Zusammenstoß war unausbleiblich.
Die Kinder krümmten sich zusammen, Marius umklammerte Anton, Hannah kroch fast ihrem Bruder auf den Schoß - jeder glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Doch wie wunderbar, der Zug fuhr durch den LKW hindurch – einfach so: Er fuhr durch den LKW!
Niemand der Kinder merkte etwas, niemand war verletzt. Verstört schauten sich die Geburtstagsgäste und ihre Gastgeber an. Was war mit ihnen geschehen? Dann sprach Anton das Unfassbare aus: „Wir sind alle auch Gespenster!“
„Gespenster?“ kreischte Johanna und ergriff den Arm ihres Nachbars und griff durch ihn hindurch. Martin versuchte sie zu beruhigen: „Johanna, wenn wir den Zug verlassen, sind wir wieder Menschen. Glaube es mir!“
In diesem Moment stieg eine gewaltige Rauchwolke aus dem Schornstein und wehte in den Waggon hinein, vorbei an Martins Gesicht. Und der hörte seinen kleinen Gespensterfreund Hermann: „Vorsicht, mein lieber Martin! Vorsicht! Der `Allmächtige´ will euch als Gespenster behalten. Vorsicht!“
Auch Anton erhielt eine Alarmmeldung. Fridolin war wieder als Mücke aktiv und mit feinem Stimmchen warnte er Anton: „Du musst den `Allmächtigen´ zwingen, euch als Menschen frei zu lassen! Du hast die Kraft, denn du wirst die Silberglocken sehen und damit wirst du übergroße Macht haben, auch über den `Allmächtigen´. Denke daran: Wer die Glocken besitzt, ist Herrscher über das Mühlental!“
Also darin waren sich Anton und Martin einig: Fridolin und Hermännchen waren echt gute Gespenster. Sie hatten sich kurz durch Flüstern verständigt, immer auf der Hut, dass sie der `Allmächtige` nicht belauschen kann.
Der Gespensterzug dampfte unterdessen unverdrossen ins Mühlental hinab. Die Endstation war der alte Bahnhof, nahe des Wasserschlosses. Nur den Kindern machte dieser Ausflug nun überhaupt keinen Spaß mehr. Johanna war nahe dem Heulen, Hannah versuchte sich krampfhaft am Arm ihres Bruders festzukrallen und griff doch nur ins gespenstische Leere. Auch Paul, Marius, Lucas und Yannik saßen blass und ängstlich schauend. So sehr auch Anton und Martin auch versuchten, sie davon zu überzeugen, dass sie bald wieder Menschen seien – sie glaubten ihnen nicht. Der `Allmächtige´ genoss diese Anspannung seiner Menschengäste. Er strahlte förmlich vor Vorfreude. Da Anton wusste, warum er sich so amüsierte, schmiedete er in Gedanken seinen „Schlachtplan“.
Mit lautem Pfeifen, Zischen und Quietschen fuhr der Zug in den alten Bahnhof ein. Galant wurden die Mädchen aus dem Waggon geleitet. Der dicke `Allmächtige´ ließ es sich nicht nehmen, sie persönlich zu geleiten. Martin sah, wie Johanna genau so wie die Gespenster dicht über den Boden schritt. Er selbst sprang vom Trittbrett auf den Bahnsteig und merkte, dass er keinen Boden berührte. Ihm war jetzt auch mulmig zumute, vertraute aber auf Anton, der ihm zuflüsterte: „Aufpassen Martin! Lasse dich auf keinen Handel mit dem `Allmächtigen´ ein. Auch wenn er noch so vorkommend ist und uns alles verspricht, keinen Handel! Überlasse alles Verhandeln mir!“ Martin nickte. Und Anton startete seinen Angriff.
„Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle“, flötete er so liebenswert er konnte, obwohl er am liebsten dieses unverschämte Obergespenst verhauen hätte. „Fürst der Gespenster! Beherrscher des Mühlentales! Der Wunsch meines Bruders ist erfüllt! Nun erfülle meinen Wunsch: Zeige mir die drei silbernen Glocken!“
„Oh, mein lieber junger Burgherr! Leider ist dieses heute nicht möglich, denn kein Mensch kann diese Glocken sehen. Seid ihr Gespenster – ja, dann ...!“ Er strahlte über sein feistes Gesicht. Dann schwatzte er fröhlich weiter. Man konnte annehmen, dass er sich seiner Sache ziemlich sicher war. „Ich mache euch zu Gespenstern und dann seht ihr die herrlichen Silberglocken, Glocken, die kein Mensch mehr seit 600 Jahren erblickt hat. Du wirst sie dann auch sehen, mein lieber junger Freund!“
„Gut, gut!“, antwortete ihm Anton. „Nur - ich will sie sehen, die Silberglocken. Nur ich hatte diesen Wunsch! Also erfülle auch nur mir meinen Wunsch, edler Fürst und Herrscher!“
Der `Allmächtige´ überlegte. Man konnte an seinem aufgeblasenen Gesicht erkennen, welche Gedanken ihm durch seinen Gespensterkopf gingen.
Anton hörte wieder Fridolins feines Stimmchen: „Gut gemacht, mein lieber Anton. Verlange, dass alle anderen sofort zu Menschen werden und wieder bei euch im Menschenreich sind. Ich werde dir auch weiterhin mit meinem Rat helfen. Vertrau mir!“ Und Anton vertraute ihm.
„Einverstanden, mächtiger Fürst!“, sprach Anton sehr betont. „Mach mich zum Gespenst! Alle anderen schicke zurück ins Menschenreich. Sie sollen mit Martin weiterhin seinen Geburtstag feiern. Erfülle dies und ich werde ein Gespenst!“
Der `Allmächtige´ überlegte nicht lange. Wahrscheinlich sagte er sich, lieber ein neues junges Gespenst sicher, als viele, die er vielleicht gar nicht zum Gespenstern zwingen kann.
„Gut! Gut!“, antwortete er mit betont freundlichem Gesichtsausdruck. „Wie du befiehlst, mein lieber junger Burgherr! Wie du befiehlst!“ Er machte schnips und schnaps mit seinen dicken Fingern und man konnte sehen, wie sich Martin und seine Geburtstagsgäste wieder zu Menschen wandelten. Zuerst begann die Veränderung am Kopf. Die bleichen gespenstischen Züge wichen einer gesunden durchbluteten jungen Haut. Der ganze Vorgang vollzog sich in Windeseile.
„So, ich habe deinen Wunsch erfüllt, mein junger Burgherr! Jetzt können wir beide ganz allein den größten Schatz weit und breit bewundern.“
„Halt, edler Fürst! Zuerst müssen diese Menschen zurück in die Wohnung!“ Anton zeigte auf Martins Geburtstagsgäste, die - nun wieder Menschen - überhaupt nichts mehr verstanden.
„Oh, mein lieber junger Burgherr, das ist nicht meine Sache! Dies ist nicht meine Sache!“ Der `Allmächtige´ feixte bei diesen Worten so unverschämt, dass Anton schon die Hand zum Schlag erhob. Doch im letzten Moment bekam er sich wieder in Gewalt. Martin, der seinen Bruder sehr genau kannte und wusste, was der gehobene Arm des Anton bedeutete, rief ihm zu: „Anton, die Heimreise übernehme ich!“ Er hielt Anton seine Hand hin und Anton sah den Ring des Hermännchens funkeln. Auch bemerkte er, wie eine kleine Rauchwolke, ganz blass und fast durchsichtig, aus Martins Ohr entwich. Er blickte dem Wölkchen hinterher und ahnte, wer da wieder mit gutem Rat zur Stelle war.
Martin drehte an seinem Ring und auf der Stelle waren alle Geburtstagsgäste verschwunden. Als letzter, langsamer als die anderen Kinder, löste sich Martin auf. Anton glaubte ihn zu hören: “Ich komme wieder!“
„So, mein lieber junger Burgherr“, säuselte der `Allmächtige´, „jetzt kannst du die Silberglocken sehen. Merke aber: Du darfst sie nicht berühren, denn dann wirst du tot umfallen.“
Irgendwie hatte Anton den Eindruck, dass diese Aussage des Obergespenstes erstunken und erlogen war. Er schaute sich hilfesuchend nach Hermännchen oder Fridolin um, aber beide fehlten in der Runde der Gespenster. So beschloss er, dem `Allmächtigen´ vorerst beizupflichten.
„Danke für deinen guten Rat, mein edler Fürst und Freund!“ Und er verbeugte sich mehrfach elegant vor dem Obergespenst, so dass der ganz gerührt über so viel Contenance und Ehrerbietung verkündete: „Ich danke dir, lieber junger Burgherr! Ich danke dir, dass ich dein Freund sein kann!“
Des `Allmächtigen´ Erwiderung war kaum beendet, als Anton Fridolins feine Fistelmückenstimme hörte: „Ja, Anton! Schmeichle ihm, dann ist er wie betrunken und dir fällt es leichter, wieder ein Mensch zu werden.“
Und noch ein Stimmchen hörte Anton im anderen Ohr: „Schön wäre es, wenn du statt des `Allmächtigen´ Herrscher des Mühlentales werden würdest. Überlege es dir, Anton.“
Aber da brauchte Anton nicht lange überlegen – er wollte Mensch bleiben. Aber die Worte des Hermännchen, denn kein anderer als er hatte ihm das zugeflüstert, brachten ihn auf eine Idee.
„Was geschieht wirklich, wenn ich die Glocken berühre?“, flüsterte er hinter vorgehaltener Hand dem Hermännchen zu. Aber nicht Hermann, sondern Fridolin meldete sich mit feiner Stimme: „Du wirst der unumschränkte alleinige Herrscher des Mühlentales sein. Berührst du sie, kann dir keiner mehr die Macht nehmen. Nur dann verlierst du die Macht wieder, wenn du sie freiwillig abtrittst. Anton, alle müssen dir gehorchen, auch der `Carli´. Auch er, Anton! Bitte werde unser Herrscher!“
Zum ersten Mal vernahm Anton das verächtlich ausgesprochene `Carli´. Er ahnte, wie der `Allmächtige´ seine Herrschaft über die Gespenster für seine eigenen Interessen missbrauchte.
Herrscher und Gespensterfürst wollte er nicht werden, aber....!
Diese Gedanken behielt er für sich. Mit freundlichem Lächeln verkündete er: „Großmütiger und edler Freund, Herrscher des Mühlentales und Beschützer der Silberglocken, ich, `Ritter Anton, Herr des Adlersteines und Herrscher über den goldenen Drachen´ bin bereit, die Glocken zu sehen!“
Dieser Rede folgte Verbeugung über Verbeugung, so dass der `Allmächtige´ fast vor scheinbarer Rührung davon floss. Er machte mit der linken Hand „Schnips“ und mit der rechten „Schnaps“ und sie befanden sich innerhalb des Wasserschlosses.
Sie standen am Brunnen des Schlosses. „Schau hinunter!“, befahl der `Allmächtige´. „Dort tief am Grunde des Brunnen siehst du die Glocken.“
Nichts Freundliches oder Nettes war mehr in der Stimme des Gespensterfürsten. Barsch fuhr er Anton an. Anton beugte sich tief über den Brunnen. Krampfhaft hielt er sich am Brunnenrand fest, um nicht beim Hinunterbeugen vom Obergespenst oder einem seiner Getreuen in den Brunnen geworfen zu werden. Aber keiner hegte diese Absicht, denn dann hätte ja Anton die Glocken berühren können. Anton stierte in das Wasser. Er glaubte, helles silbernes Glitzern zu erkennen, aber das reichte ihm nicht.
„Fürst!“, sagte er kurz und bündig auf alle Höflichkeitsfloskeln verzichtend, „Fürst, ich sehe nichts. Entweder willst du mir meinen Wunsch nicht erfüllen oder du bist ein übler Betrüger und nicht der mächtige Herrscher, für den du dich ausgibst! Zeige mir die Glocken hier außerhalb des Brunnens!“ Anton zeigte auf den Boden vor ihm und stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuße auf. „Hier, nur hier will ich sie sehen! Ansonsten verkünde ich, dass der `Allmächtiger Carl Friedrich von und zu der Wasserschlossmühle´ nichts anderes als ein gemeiner Betrüger, übler Aufschneider und ein machtloses kleines stinkendes Gespenstlein ist!“
Das war zuviel für den `Allmächtigen´. Er blies sich zur gewaltigen Größe auf, befahl seinen Untertanen, Anton den Garaus zu machen. Diese stürzten sich auf Anton, zogen ihn an Armen und Beinen. Dabei wurde Anton richtig gehend zerstückelt. Seine linke Hand, an der sich der Ring des Adalbert befand, flog zum `Allmächtigen´. Der zog in Windeseile den Ring vom Finger. Jubelnd verkündete er: „Jetzt gehörst du mir, du kleines, freches, ungehobeltes, missratenes, großmäuliges Biest!“ Er streckte den Ring wie ein Siegeszeichen in die Höhe. Die anderen Gespenster jubelten mit ihm. Einige wohl aus vollem Herzen, andere nur, um sich selbst nicht als Gegner des `Allmächtigen´ bloßzustellen.
Die Freude des Obergespenstes wurde zäh unterbrochen. Ein ungeheuer starker Windhauch zischte durch die Gespensterschar. Der Ring in der Hand des `Allmächtigen´ fiel zu Boden, um von dort von Martin aufgehoben zu werden. Anton, der sich inzwischen aus seinen einzelnen Teilen wieder selbst zusammengesetzt hatte, sah, wie der Windstoß sich zu Fridolin wandelte. Überrascht, aber auch erfreut war er, seinen Bruder wieder bei sich zu haben.
„Zeige mir sofort die silbernen Glocken!“, brüllte Anton den `Allmächtigen´ an. Martin hatte ihm den Ring zurück gegeben. Anton drehte Adalberts Ring sichtbar vor den Augen des `Allmächtigen´. Diese Drohung, dass Anton nämlich wieder über mächtige Zauberkräfte verfüge, schien das Obergespenst nun doch dazu zu bewegen, die Silberglocken hinauf zu holen.
Er blies sich gewaltig auf und kurz bevor er zu platzen drohte, stieß er die Luft in den Brunnen. Das Brunnenwasser und mit ihm drei silberne Glocken, fein gearbeitet und aus reinem Edelmetall, schwebten mit einem „Platsch“ vor Antons Füßen.
„Dein Wunsch ist erfüllt!“, brüllte der `Allmächtige´ mit solch gewaltiger Stimme, dass die beiden Jungs den Eindruck gewannen, taub zu sein. Schon wollte der Gespensterfürst die Glocken eigenhändig in den Brunnen versenken, als Anton etwas Fürchterliches tat: Er beugte sich zu den Glocken und berührte die erste. „Martin, komm!“, rief er. Und auch Martin berührte eine der drei Silberglocken. Ein „Oh weh!“ und anschließendes Gewinsel des jetzt sehr kleinen `Allmächtigen´ bewies, seine Macht über das Mühlental war vorbei. „Gnade! Gnade!“, schrie er wieder und immer wieder. Doch Anton scherte sich nicht um „Carli“. Immer noch ein Gespenst, blies er sich auf, hob eine Glocke empor und fragte die anwesenden erschrocken blickenden Gespenster: „Was muss ich tun, um wieder ein Mensch zu sein?“
„Gib die Macht zurück“, säuselte Carli. „Der die Glocken besitzt, kann alles!“
„Prima!“, rief Anton. “Das ist ein Wort!“ Er suchte Fridolin, der genauso wie die anderen Gespenster fassungslos über das Verhalten der beiden Jungs war und nun sehr verlegen drein blickte. „Fridolin, komm bitte zu mir!“ Fridolin kam dieser Aufforderung nach. Schüchtern stellte er sich neben Anton, ehrfürchtig zu ihm aufblickend. „Fridolin, dir übergebe ich die Silberglocken und damit die Macht über das Mühlental. Schwören musst du mir, dass du mich anschließend sofort wieder zum Menschen machst. Bist du einverstanden?“ Verlegen stand Fridolin und stammelte: „Gern, mein ... mein lie... lieber Freund.“
„So schwöre!“, redete ihm Anton freundlich zu. Und Fridolin leistete einen gewaltigen Schwur: „Ich, Frodolin der Gerechte (Diesen Namen hatte er sich selbst schnell gegeben!), Beherrscher der Macht und Freund der Menschen, schwöre beim Tod aller hier anwesenden Gespenster, dass ich Anton, meinem Menschenfreund, wieder Kraft der Glockenmacht zum Menschen werden lasse!“
Einen solch gewaltigen Schwur, der den Tod aller Gespenster bei Nichterfüllung zur Folge hätte, hatte bisher noch kein Mühlengespenst geleistet. Damit bewies Fridolin, dass er ein kluger neuer Herrscher war, denn nun würde kein Gespenst, auch nicht Carli, der ehemalige `Allmächtige´, versuchen, die Umwandlung zu verhindern.
Fridolin Hand strich sanft über die Glocke und fröhlich rief er: „Ich will ein guter Herrscher sein!“
„Halt, Fridolin!“ Martin machte sich bemerkbar. „Auch mir gehört ein Teil der Macht. Und auch ich möchte meine Macht an einen guten Freund abgeben.“
Martin winkte Hermännchen und rief ihm zu: „Hermännchen, du teilst dir in Zukunft die Macht über das Mühlental mit Fridolin! Aber auch du musst etwas versprechen!“
Hermännchen, mit einem Male im Mittelpunkt des Geschehens stehend, wollte sich am liebsten verstecken oder in ein gespenstisches Nichts auflösen. Doch Fridolin schien sehr angetan von Martins Vorschlag und Kraft seiner neuen Macht, befahl er Hermann zu den Glocken.
„Was soll ich denn versprechen, mein lieber Martin?“ Hermännchen konnte einem wirklich leid tun. Noch kleiner als er schon war, stand er neben Fridolin und bibberte vor Aufregung.
„Versprechen sollst du, dass in Zukunft alle Mühlengespenster und auch die anderen Gespenster – ich denke da besonders an den Ritter Rodenstein – die Menschen nicht mehr erschreckt, sondern den Menschen als Schutzeengel, ihr könnt euch auch als Schutzgespenster bezeichnen, dienen werdet. Kannst du mir das versprechen, Hermann von der Alten Wassermühle?“
„Oh Martin!“, klagte Hermann, „das ist unmenschlich, pardon, ich meine ungespenstisch. Wir müssen Menschen erschrecken! Wir müssen, denn sonst, oh mein lieber Freund Martin, denn sonst sterben wir!“
„Das wäre wirklich ungespenstisch, mein liebes Hermännchen“, erwiderte Martin. „Schließen wir einen Kompromiss: Ihr seid als `Schutzengel´ tätig und dafür dürft ihr aller sieben Jahre zur Geisterstunde die Menschen im Mühlental etwas ärgern. Aber kein Mensch darf dabei zu Schaden kommen!“
„Das ist mehr als wir jetzt Gespenstern dürfen! Darauf leiste ich sofort einen Schwur.“ Und auch Hermann leistete einen gewaltigen Schwur und auch er gab sich einen neuen Namen: Hermann, der Freund und Helfer.
Hermann strich vorsichtig über eine der drei Silberglocken und schwor: „Ein guter Herrscher will ich Hermann, der Freund und Helfer, sein, gerecht zu jedermann und auch Freund und Helfer der Menschen. Soll ich diesen Schwur brechen, so soll ich sofort vernichtet und meine Überreste ins Nichts gehen.“
„Oh Hermann, was schwörst du da?!“, schrieen gleich mehrere der Gespenster. Selbst Carli blickte nicht nur erstaunt, sondern erschrocken zu Hermann. Fridolin weihte Anton und Martin in ein besonderes Kapitel des Gespensterlebens ein. „Auch wir Gespenster können sterben. Unsere Seelen wandern zu neuen Gespenstern und damit erst sind wir unsterblich. Geht die Seele ins Nichts, dann ist unser Hermännchen ein Nichts. Oh, wie traurig wäre das! Solch einen Schwur hatte einst nur der Oberherrscher aller Gespenster und Geister dieser Erde geleistet. Dies war zur Zeit des großen Alexander, des Beherrschers dieser Welt. Er brach diesen Schwur, um Gespenster vor gewalttätigen Menschen zu schützen. Er war ein großer Herrscher!“ Dann klagte Fridolin wieder: „Oh weh, oh weh! Was hast du nur geschworen, Hermännchen!“ Martin glaubte sogar, eine Träne in Fridolins rechtem Auge zu erkennen.
Doch Hermann war jetzt ganz der neue Herrscher des Mühlentales. „Fridolin!“, befahl er, „unser Freund Anton soll zum Menschen werden!“ Und Fridolin legte die linke Hand auf eine Glocke und murmelte: „Hinguckei, hingucknei, hinguckdei.“ Beim dritten „Higuckdei“ merkte Anton, wie sein Körper von Wärme durchströmt wurde. Er ließ sich von Martin anfassen und erleichtert sagte er: „Habe dank, Fridolin. Auch dir Hermännchen herzlichen Dank. Ihr seid wirklich gute Gespenster!“
Jetzt kam die Stunde des Abschiedes. Martin und Anton wollten schon am Ring drehen, als Adalbert sich meldete: „Anton, vergiss bitte nicht, mir meinen Ring zurück zugeben. Du weißt doch: Nur in den Keller werfen!
Adalbert, dieser Giftzwerg, der den beiden Jungs nur Schaden zufügen wollte, zeigte sich jetzt als liebenswertes und höfliches Gespenstlein. Auch Hermann bat für seinen Gespensterfreund: „Adalbert ist ein guter Freund, Anton. Ohne diesen Ring würde er fast seine gesamte Kraft verlieren. Das wäre sehr grausam.“
„Gut, gut!“, antwortete Anton. „Er bekommt ihn. Wieder wollte Anton am Ring drehen, als er von Martin daran gehindert wurde. Er wollte doch unbedingt noch etwas von Hermännchen wissen.
„Hermännchen, wenn ihr eure Ringe wieder am Finger habt, dann vergessen wir euch doch wieder. Gibt es nicht einen Trick oder eine Ausnahmeregelung in eurem Gespenstercodes, uns zu erlauben, auch weiterhin mit euch in Kontakt zu treten?“
Hermännchen wiegte den Kopf hin und her. Auch Fridolins Gesicht zeigte Spuren äußerster Konzentration und Grübelei. Dann offenbarten beide, das ihnen solch eine Möglichkeit unbekannt sei.
„Also gut. Was nicht sein kann, das nicht sein soll.“ Martin hatte sich damit abgefunden. Da meldete sich der ehemalige `Allmächtige´. Nun nicht mehr aufgeblasen, sondern in normaler Gestalt, wirkte er fast sympathisch. „Im großen Lehrbuch der Gespensterakademie habe ich einst vor einigen Hundert Jahren gelesen, dass das Kräutelein `Gespensterwurz´ getrocknet und zu Tee bereitet, dem Menschen, der einen Schluck von diesem äußerst giftigen Getränk zu sich nimmt, Gespenster sehen lässt.“
„Sag Carl Friedrich!“, rief Martin erfreut. „Wo finde ich dieses Kraut?“
„Das ist sehr, sehr selten. Wenn ich mich recht erinnere wächst es nur aller 13 Jahre und muss im Mondschein gepflückt werden. Getrocknet wird es in einer Eselshaut, zubereitet in einem ungebrannten Tonkrug und trinken muss man es zu Mitternacht zum 12. Schlag.“
„Danke Carl Friedrich! Danke Hermännchen und Fridolin! Danke euch allen für die tollen Erlebnisse!“, rief Martin und drehte am Ring. Anton folgte ihm und beide fanden sich im Flur der elterlichen Wohnung wieder. Martins Geburtstagsgäste saßen noch am gedeckten Tisch und stopften die letzten Kuchenreste in die bereits vollen Bäuche. Keiner erwähnte auch nur das Wort „Gespenst“. Auch Martin und Anton empfingen sie so, als wenn sie man gerade eben aus dem Zimmer gegangen wären.
Am nächsten Tag gingen die Brüder zu dem Gespensterkeller. Trotz der Schneedecke fanden sie die Stelle, wo Martin seinen Stiefel verloren hatte. Einige wenige Spatenstiche und die Jungs konnten, auf dem Bauche liegend, mit Hilfe des Lichtes der Taschenlampe in den Keller blicken. Sie sahen Hermann und Adalbert blass und durchscheinend in einer Ecke hocken. Das Licht erschreckte sie. Martin hörte ein Leises: „Bitte gebt uns unsere Ringe.“
„Hier habt ihr sie!“, rief Anton und warf seinen in den Keller. Martin tat es ihm nach. Die Jungs sahen ein Aufblitzen und vernahmen: „Danke Anton! Danke Martin!“
Sie erhoben sich und konnten zusehen, wie sich das Loch vor ihren Augen schloss. Selbst der Schnee legte ich wieder auf die Stelle. Kaum bedeckten die letzten Schneekristalle den Gespensterkeller, als auch sämtliche Erinnerungen an die Mühlengespenster in den Köpfen der Brüder gelöscht waren.

Nachwort

Die Menschen im Mühlental lebten auch weiterhin wie bisher. Allerdings sagte man ihnen nach, dass sie besonders eifrige und äußerst zuverlässige Schutzengel hätten. Als Beleg für solche Aussagen führte man gerne mehrere Beispiele an. So rutschte ein Dachdeckerlehrling unglücklich auf einer nassen Holzleiste aus und stürzte 5 Meter in die Tiefe. Doch wie ein Wunder landete er wie eine Katze unverletzt auf Händen und Füßen auf dem weichen Boden am Haus.
Einem kleinen Jungen wurde von einem Hund zwei Finger abgebissen. Kind und Hund brachte man zum Arzt. Der Arzt brachte den Hund zum Erbrechen der abgebissenen Finger und die nähte der Doktor wieder an die Hand des Jungen.
Und noch ein drittes Beispiel sei hier genannt: Beim letzten großen Sommergewitter schwoll der Mühlenbach so gewaltig und so rasch an, dass man sogar das heranrauschende Wasser hören konnte. Von dieser heranbrausenden Wasserflut wurde eine junge Frau mit ihrem Baby überrascht. Die Wucht des Wassers riss der Frau die Beine weg, so dass sie ins schäumende Wasser fiel und genauso hilflos wie ihre Baby im Kinderwagen im Bachwasser trieb. Ein tiefer Ast hielt sie auf und es gelang ihr, sich aufs Trockene zu retten. So rannte sie am Bachufer ihrem davon treibenden Baby nach. Keine fünfzig Meter weiter an einer leichten Biegung schwappte das Wasser den Kinderwagen aufs trockene Land. Dort stand er nun. Das Baby im Wagen hatte keinen Tropfen Wasser abbekommen, brabbelte leise vor sich hin und rasselte mit der Klapper.
Auch Martin und Anton lebten weiterhin im Mühlental. Martin hatte aber seit seinem 11. Geburtstag einen besonderen Tick: Er wollte ein Kraut finden, das Gespensterwurz heißen soll. Er selbst wusste nicht, wie er auf diese Idee gekommen war, aber sie hatte sich so verfestigt, dass er sogar Botanik studieren wollte, um dieses Kräutlein zu finden.
Ob er es gefunden hat, kann ich euch allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Wenn er es finden sollte, ja dann ..., dann ist es garantiert eine neue Geschichte wert!
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