Der Sternenglanz
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Der Sternenglanz

Der Sternenglanz

Vor sehr vielen Jahren lebte ein Prinz. Zusammen mit seinen Eltern bewohnte er das grosskönigliche Schloss mit seinen fünf mächtigen Türmen, auf welchen dick der Schnee lag. Es war Winter.

Ein eisiger Nordwind heulte über die Ebene, und der Prinz zog sich mit klammen Fingern die Kapuze tiefer ins Gesicht. Es war ihm in seiner Kammer auf einmal so schwer ums Herz geworden, so eng, dass es ihn in den kalten Abend hinaus zog. Obwohl er Schätze im Überfluss besass, konnte er nicht mehr länger glücklich sein. Der prinz sehnte sich nach etwas, und er wusste nicht wonach

*

Über all seinen schweren Gedanken war es allmählich Nacht geworden. Von seinem elterlichen Schloss war er schon Meilen entfernt, als er auf ein Gemäuer stiess. Erschöpft liess er sich daran nieder und hockte sich in den Schnee. Er machte die Augen zu und schlief ein.


Nach einer Zeit weckte ihn eine wundersame Stimme:

leise, weise, sternenreise
weise leise klingt -
heile weile, sternenmeile,
weile heile bringt.

klinge, singe sternenlieder
singe, klinge, tanz!
bring mir meine liebe wieder,
such der sterne glanz!

*

Der Prinz öffnete die Augen. Was war das für ein Lied? - "Das ist u n s e r Lied, mein Prinz, und ich bin die Sternenprinzessin." - "Die sternenprinzessin?" - "Gewiss", antwortete sie, und der Prinz verliebte sich in diese wunderschöne Erscheinung. - "Woher kommst du?", fragte er. - "Ich wohne im Himmel. Mein Vater ist die Sonne, meine Mutter ist der Mond, und die abertausend Sterne sind meine Geschwister." - Der Prinz war glücklich.

*

So nahm die Prinzessin den Prinzen bei der Hand und führte ihn in den Himmel hinauf. Sie wollte ihn ihrem Vater, dem Sonnenkönig vorstellen, denn sie hatten einander bereits so sehr liebgewonnen, dass sie für immer zusammen bleiben wollten.

*

"So einfach geht das aber nicht!" sprach auf seinem Thron der König. "Zuerst, mein Sohn, hast du eine Prüfung zu bestehen: bringe mir von der Erde den STERNENGLANZ!"


*

Zum Abschied sang ihm die Sternenprinzessin noch einmal ihr gemeinsames Lied vor, dann machte er sich auf den Weg.
****

Der Prinz fand sich in einem weitläufigen, düsteren Tal wieder. Die Sonne war hier von schweren, schmierigen Wolken verdeckt, kein Grashalm, kein Blatt war wirklich grün - alles war faulig. Dieser Ort schien dem Prinzen so unwirtlich, dass er ihn auf dem schnellsten Weg wieder verlassen wollte! Wohin aber sollte er sich wenden? Wo sollte er mit der Suche nach dem Sternenglanz beginnen? Was war denn überhaubt dieser "Sternenglanz"? Der Prinz war ratlos.


*


Seit drei Tagen schon irrte der Prinz durch dieses ungeheure Tal und suchte nach dem Ausgang. Sein Mut begann ihn allmählich zu verlassen. Die lange Wanderschaft durch dorniges, dichtes Gestrüpp hatte ihn erschöpft, seine Arme und Beine hatte er sich zerkratzt und zerschunden, er war hungrig und dem Weinen nahe. Der Prinz setzte sich auf einen modrigen Baumstrunk. Voller Sehnsucht dachte er an seine Prinzessin, und es kam ihm wieder das Lied in den sinn. das Lied, das sie ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Leise begann er es vor sich her zu summen.


*

Kaum aber waren die ersten Worte des Liedes im Tale verklungen, erhob sich ein gewaltiges, wutentbranntes Schnauben, Fauchen und Stampfen im Wald. Vor Angst und Schrecken verschlug es dem Prinzen beinahe den Atem: Ein Drache stand vor ihm!


Der Drache herrschte den Prinzen an und während er sprach, kam ihm Feuer, Rauch und Schwefelsgestank aus Maul und Nüstern.

Dieses Land wurde nämlich schon seit Urgedenken von diesem Untier beherrscht, und das war denn auch der Grund, weshalb hier alles so traurig und öde war. Der Drache musste alles Schöne, Gute und Lebendge im Keim ersticken. Was Wunder, dass er auch des Prinzen Liebesgesang nicht dulden konnte.

so vergingen Tage und Wochen, und der Prinz wurde immer trauriger.

...

er vergass sogar die Prinzessin und den Sternenglanz, den eigentlichen Grund seiner Reise. Er lebte dumpf in den Tag hinein und fühlte sich dabei so leer und öde wie dieses Tal es war.

Eines Tages, beim Einnachten, sass er gelangweilt im feuchten Morast, blickte vor sich auf den Boden und dachte an nichts. - Da war es ihm, als sähe er in einer Pfütze etwas glänzen. Und dieses Glänzen rührte ihn auf eine seltsame Weise an. Unklar erinnerte er sich an etwas, und plötzlich hörte er ein Lied. Leise nur, und doch ganz nah. Nachdem er ein Weilchen zugehört hatte, merkte er, dass er es war, der da sang. Eine übergrosse Freude kam über ihn. Auf einmal erinnerte er sich wieder an alles: an sein zu hause, an die wunderbare Begegnung bei der zerfallenen Mauer, die Reise in den Himmel, an den Sonnenkönig, den Mond und die Sterne. Er erinnerte sich an die Sternenprinzessin und an ihr gemeinsames Lied. Sein Glück war so gross, dass er laut zu singen begann, und das Lied im ganzen weiten Tal erschallen liess:

leise, weise, sternenreise
weise leise klingt -
heile weile, sternenmeile;
weile heile bringt.

klinge, singe sternenlieder.
singe, klinge, tanz!
bring mir meine liebe wieder,
such der sterne glanz!

*

Es währte aber kaum einen Augenblick, da stand der Drache schon vor ihm. Er fauchte, zischte und drohte, ihn mit seinem feurigen Atem zu verbrennen. der Prinz jedoch liess sich nicht beirren, kannte weder Furcht noch Tod und sang weiter. Da aber geschah Wunderbares:


Das wutentbrannte Zucken des Drachen wurde weicher und floss allmählich in einen Tanz über. Sein Schuppengewand begann zu glänzen, und bald erstrahlte die ganze Umgebung in diesem eigenartigen Licht. Das ganze Tal erblühte zu neuem, frohem Leben! Die Vögel stimmten in den Gesang des Prinzen mit ein - es war ein Zwitschern und Jubilieren, wie man es in diesem Tal seit Menschengedenken nicht vernommen hatte!


***


So hat der Prinz den Drachen durch seinen Mut, seine Tapferkeit und durch das Lied besiegt und erlöst. Befreit von seinem schrecklichen Fluch, fiel er dem Prinzen dankbar in die Arme. Und der Sternenglanz war im Schuppengewand des Drachen!

Der Drache nahm den Prinzen auf seinen Rücken, und gemeinsam flogen sie nach hause, in den Himmel. Die Freude, mit welcher sie dort empfangen wurden, war übergross! Der Prinz und die Sternenprinzessin umarmten und küssten sich und waren glücklich wie noch nie. Und noch am selben Tag wurde die Hochzeit gefeiert. Sieben Tage und sieben Nächte dauerte dieses Fest. Es wurde gegessen und getrunken, gelacht, gesungen und getanzt!

Über allem aber erstrahlte das Licht des Drachen. Noch heute können wir es in klaren Nächten am nördlichen Himmel erkennen, und solange der Drache am Himmel weiter glänzt, solange werden der Prinz und die Sternenprinzessin glücklich sein.


leise, weise, sternenreise
weise leise klingt -
heile weile, sternenmeile;
weile heile bringt.

klinge, singe sternenlieder.
singe, klinge, tanz!
bring mir meine liebe wieder,
such der sterne glanz!

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© Christoph Rottmeier und David Lendenmann