Die kleine Entschuldigung
Es ist Zeit für Anna und Luise schlafen zu gehen, aber noch toben die beiden durch den Wandschrank, quer durchs Zimmer und über die Betten. “Es ist Schlafenszeit, legt euch bitte hin, sonst wird es morgen früh beim Aufwecken wieder ein großes Gejammer” sagt die Mama, in der Tür stehend. ”Nei-hein, nei-hein, ruft´s aus dem Wald” singt, auf dem Bett federnd, Luise. Und Anna tönt aus dem Schrank: “Du kannst ja schon mal ins Bett gehen !”. Die Mama macht die große Deckenlampe aus und sofort folgt großes Gebrüll. Die kleine Babyschwester auf Mamas Arm findet das lustig und schreit ein bisschen mit. Es dauert eine ganze Weile, bis Anna und Luise hören können, dass die Mama eine Gute-Nacht-Geschichte verspricht, wenn sich alle Kindergartenkinder jetzt sofort ins Bett legen. “Na gut” sagt die eine, und die andere hat sich in ihrem Bett schon zugedeckt.
Die kleine Babyschwester bekommt einen Schnuller in den Mund gesteckt. Die Mama setzt sich auf den Boden des halbdunklen Kinderzimmers, fragt “wovon soll denn die Geschichte handeln?” und wartet. Anna sagt schließlich “von einem Pfannekuchen”, wahrscheinlich weil es einen zum Mittagessen gab. Die Mama wartet noch ein bisschen, dem Baby ist der Schnuller aus dem Mund gefallen, und es sagt “Gröff”. - “Aha,” sagt die Mama, “also von einem Pfannekuchen und einem Schwein.” “Ja, und von einer Entschuldigung.” ruft Luise schnell hinterher. “Von einer Entschuldigung ?” fragt die Mama erstaunt zurück “Ja!” erwidert Luise so bestimmt, dass die Mama nicht noch einmal nachfragt.
“Also,” beginnt die Mama, wie suchend an die Zimmerdecke schauend, “es war einmal eine kleine Entschuldigung. Sie lebte im Märchenland, und da sie noch so klein war, war sie auch nur für ein einziges Märchen zuständig. Es war das Märchen von dem dicken fetten Pfannekuchen - wisst ihr denn noch, wie das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen ging ?” “Ja, ja, ja !” Annas Stimme überschlug sich fast, da sie unbedingt zuerst antworten wollte. “Da hat die Mama einen großen Pfannekuchen gemacht. Und als der fertig war, da sprang er plötzlich aus der Pfanne und rollte schnell weg, rollte den hungrigen Kindern weg und rollte dem alten Mann weg und den vielen Tieren auch und...” “...und dann kam das Schwein und fraß ihn auf.” beendete Luise den Satz. “Ja, ja, aber nur weil das Schwein versprochen hatte ihn nicht zu fressen sondern ihm über den Fluss zu helfen, und da hat der Pfannekuchen nicht aufgepasst und – rupsch – hat das Schwein ihn doch aufgefressen,” erklärte Anna.
“Gut.” sagte die Mama und begann erneut: “Jedes mal wenn also jemand das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen erzählte und schließlich zur Stelle gelangte, an der das Schwein den Pfannekuchen auffraß, hätte es sich kurz vorher noch beim Pfannekuchen dafür entschuldigen sollen. Die kleine Entschuldigung war aber nicht nur klein, sondern auch ein wenig verschlafen und so kam sie immer zu spät. Wenn dann die kleine Entschuldigung endlich dazu kam, war der Pfannekuchen schon aufgefressen worden und konnte sie nicht mehr hören. Er saß immer ganz betrübt im Magen des Schweins und ärgerte sich auch ein bisschen darüber, das er gefressen worden war. Schließlich ging der dicke fette Pfannekuchen, der inzwischen ein trauriger dicker fetter Pfannekuchen war, zur Märchenkönigin und beklagte sich über die kleine Entschuldigung. Die Märchenkönigin rief die kleine verschlafene Entschuldigung zu sich und berichtete ihr von der Klage des Pfannekuchens. Die kleine Entschuldigung entschuldigte sich reuevoll, denn sie hatte noch nie darüber nachgedacht, dass sie für den Pfannekuchen und für das Märchen wichtig sein könnte. Sie versprach, in Zukunft früher schlafen zu gehen, um so immer rechtzeitig für das Märchen ausgeschlafen zu sein. Als nun das nächste mal eine Oma ihren Enkeln das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen erzählte, da passte die kleine Entschuldigung ganz genau auf, und kurz bevor das Schwein sein Maul aufmachte um den Pfannekuchen zu fressen, da sagte es: “Entschuldige, lieber Pfannekuchen, ich werde dich jetzt fressen, denn ich habe so einen großen Hunger.” Und dann schluckte es den Pfannekuchen hinunter. Der Pfannekuchen rutschte wie immer in den Magen des Schweins, aber er war nicht traurig, denn das Schwein hatte sich ja bei ihm entschuldigt. Außerdem hatte das Schwein Hunger gehabt und ein Pfannekuchen ist nun mal dazu da irgendwann von irgendjemanden gefressen zu werden.”
Das Baby ist längst eingeschlafen. Leise hört man es am inzwischen wieder hineingesteckten Schnuller nuckeln. Anna und Luise liegen still in ihren Betten, schlafen aber noch nicht, sondern schauen mit nachdenklichen Blicken auf die Bilder, die das durch die Tür hereinscheinende Flurlicht auf die Wände malt. Die Mama betrachtet die kleinen Gesichter zwischen den Kuschelkissen und überlegt, wohin Kindergedanken nach solch einer Geschichte wandern.
Gute Nacht