Das Zebra
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Das Zebra

Anna, Luise und Sybille spielen nach dem Abendessen noch im Kinderzimmer.
Luise: “Mama, Sybille möchte eine Geschichte von einem Zebra hören.” Mama: “So, so, das hat sie dir gesagt?”
Luise: “Ja, das hat sie mir genau gesagt.”
Alle drei sitzen auf dem Boden zwischen einem Durcheinander aus Stiften, Scheren und Klebern sowie bemaltem, zerschnittenem und beklebtem Papier. Anna zeigt auf ein Blatt Papier mit schwarzem Krickel-Krackel drauf. “Guck mal. Hier hat sie sogar ein Zebra gemalt. Siehst du das denn nicht?” Sybilles Hände und Wangen sind ebenfalls voll mit Krickel-Krackel, wenn auch in grün. Sie strahlt die Mama an, reckt ihre Hände in die Höhe und sagt: “Gu-ma. Sebra.”
Luise: “Jetzt hast du es ja selbst gehört. Sie möchte eine Geschichte von einem Zebra hören.”


`Es war einmal ein Zebra. Dieses Zebra war ein glückliches Zebra, das zusammen mit vielen anderen glücklichen Zebras in einem weiten Grasland lebte. Eines morgens wachte das glückliche Zebra auf und begann, wie jeden morgen, das Gras zu fressen. Nach einer Weile bemerkte es jedoch, dass etwas nicht so war wie immer. Die anderen Zebras fraßen gar nicht, sondern schauten aus sicherer Entfernung mit neugierigen Blicken zu ihm hinüber. Das glückliche Zebra hörte ebenfalls auf zu fressen. “Was ist denn los?” fragte es die anderen Zebras. “Wer bist denn du?” fragte ein mutiges Zebra aus der ersten Reihe zurück. “Ich? Ich bin ein glückliches Zebra!” antwortete das Zebra. “Nein,” riefen da gleich mehrere der umstehenden Zebras und schüttelten heftig mit ihren Köpfen, “nein, du bist kein Zebra. Zebras haben schwarze und weiße Streifen, du aber bist ganz weiß und hast keinen einzigen schwarzen Streifen.” Das glückliche Zebra protestierte: “Aber natürlich bin ich ein Zebra, und ich habe auch ganz viele schwarze Streifen. Einen besonders dicken schwarzen Streifen habe ich an meiner linken Schulter.” Die anderen Zebras jedoch schauten nur wortlos auf das glückliche Zebra, und einige schüttelten schon wieder mit ihren Köpfen. Das Zebra blickte nun selbst an sich hinunter und sah vier weiße Beine und einen weißen Bauch. Es konnte gar nicht glauben was es sah, lief sofort zu einem nahen Wasserloch und betrachtete darin sein Spiegelbild von allen Seiten. Aber wie es sich auch drehte und wendete, es konnte keinen einzigen schwarzen Streifen entdecken. Selbst der dicke schwarze Streifen an der linken Schulter war fort. Verstört lief das Zebra zurück zu den anderen Zebras, die inzwischen begonnen hatten, wie jeden morgen, das Gras zu fressen. “Meine Streifen sind verschwunden!” rief es aufgeregt. Ein Zebra hob den Kopf und erwiderte: “Alle Zebras haben schwarze und weiße Streifen. Wenn du keine Streifen hast, dann bist du auch kein Zebra.” “Aber wenn ich kein Zebra bin, was bin ich dann?” fragte das weiße Zebra, aber alle Zebras fraßen Gras und keines antwortete ihm. Da lief das weiße Zebra fort, lief und lief, bis es an das Ende des Graslandes kam, lief weiter, lief in einen dunklen Wald hinein und kam schließlich zu einem großen, verdorrten Baum. Auf einem dicken Ast dieses Baumes saß eine graue, weise Eule und schaute aus halbgeöffneten Augen zu ihm hinunter. “Ich brauch deinen Rat.” rief das Zebra hinauf. “Was für ein Problem hast du denn?” fragte die Eule. “Ich war ein Zebra, aber dann habe ich meine Streifen verloren und nun bin ich kein Zebra mehr. Kannst du mir sagen was ich jetzt bin?” Wahrscheinlich hätte die Eule über diese Frage gelächelt, aber mit einem Schnabel kann man nicht lächeln, so antwortete sie in einem milden Ton: “Du bist immer noch ein Zebra. Du bist ein Zebra, das seine Streifen verloren hat.” Das Zebra freute sich über die Antwort. “Weißt du auch wo ich meine Streifen wiederfinden könnte?” fragte es weiter, doch die Eule schüttelte den Kopf. “Nein, das weiß ich nicht,” sagte sie, schloss ihre Augen und begann leise zu schnarchen. Das Zebra verließ die Eule und lief weiter. Der dunkle Wald wurde lichter und schließlich kam das Zebra zu einem kleinen Bach. An dem Bach saß ein Waschbär, der unter den Kieselsteinen nach kleinen Wassertieren suchte. Das Zebra betrachtete den Waschbären genauer und sah, dass er schwarze und weiße Streifen hatte. “Wo hast du denn deine Streifen gefunden?” fragte das Zebra den Waschbären. Der Waschbär unterbrach seine Tätigkeit nur ungern. “Was ist denn das für eine komische Frage.” brummelte er. “Meine Streifen habe ich doch nicht gefunden. Die Streifen waren schon immer da, sie sind einfach da und so ist das eben.” Der Waschbär wand sich wieder den Kieselsteinen im Bach zu und beachtete das Zebra nicht mehr. Das Zebra lief weiter und kam nun zu einer Lichtung, auf der ein kleines buntes Haus stand. Vor dem Haus saß ein kleines Mädchen und schaute genau in die Richtung, aus der das Zebra auf die Lichtung gelaufen kam. “Hallo, kleines Mädchen.” sagte das Zebra und blieb vor dem Mädchen stehen.
“Hallo, Zebra,” sagte das kleine Mädchen, “wo hast du denn deine Streifen gelassen?” “Meine Streifen habe ich verloren und kann sie nirgends finden,” beklagte sich das Zebra. Das kleine Mädchen überlegte ein wenig. “Vielleicht solltest du aufhören deine alten Streifen zu suchen. Vielleicht solltest du dich nach neuen Streifen umschauen?” sagte es dann. “Neue Streifen scheint es aber nicht zu geben. Es ist als hätten alle Tiere ihre Streifen schon immer gehabt und als hätte keines sie je verloren.” setzte das Zebra dagegen. Das kleine Mädchen dachte darüber nach. “Weißt du,” sagte es nach einer kleinen Weile, “ich habe noch einige Töpfe mit Farbresten im Haus, vielleicht finden wir ja etwas für dich.” Das Mädchen und das Zebra suchten im kleinen bunten Haus nach Farben, sie fanden rote und grüne, gelbe und blaue, lila und orange - aber sie fanden keine schwarze Farbe. Sie begannen die Farben miteinander zu mischen, rot mit grün, gelb mit blau, lila mit orange ... . Da aber auch jetzt noch keine schwarze Farbe entstanden war, kippten sie nun auch noch die Mischungen zueinander, und als sie den letzten Farbrest dazugegeben hatten, entstand endlich die Farbe schwarz. Das Mädchen holte einen Pinsel, und mit diesem begann sie, dem Zebra schwarze Streifen zu malen. Das Zebra wünschte sich einen besonders dicken schwarzen Streifen auf der linken Schulter, weil aber das kleine Mädchen zum ersten mal in ihrem Leben Zebrastreifen malte, wurde aus dem Streifen an der Schulter eher so etwas wie ein Bogen mit Knick und dickem Klecks. “Eigentlich auch ganz schön.” sagte das Zebra. Es bedankte sich bei dem Mädchen für die Hilfe und lief zurück zu seiner Zebraherde. Es war nun wieder ein glückliches Zebra zwischen vielen anderen glücklichen Zebras.´


”Mama?”
“Ja, Anna?”
“Mama, ich finde das Ende doof.”
“Warum gefällt dir das Ende denn nicht?”
“Weil das Zebra zurück zu den anderen Zebras gelaufen ist.”
“Aber das Zebra hat doch die ganze Zeit versucht seine Streifen wieder zu bekommen, damit es zurück zu den anderen Zebras laufen kann.” “Aber es muss doch nicht zurück zu den anderen Zebras, oder?”
“Nein, es muss natürlich nicht zurück zu den anderen Zebras.”
“Also, ich finde das Zebra sollte bei dem kleinen Mädchen bleiben. Die beiden könnten doch Freunde werden und zusammen in dem kleinen bunten Haus wohnen.”
“Ja, das könnten sie machen.”
- - -
“Und wenn es regnet, Mama?”
“Was meinst du denn damit, Luise?”
“Wenn das Zebra wieder bei den anderen Zebras ist und es fängt an zu regnen, dann wäscht der Regen die aufgemalten schwarzen Streifen ab, und dann hat das Zebra schon wieder seine Streifen verloren.”
“Ja, genau,” meldet sich jetzt wieder Anna, “und dann fängt die ganze
Geschichte von vorne an. Wenn das Zebra aber bei dem Mädchen bleibt, dann kann es dem Zebra sofort neue Streifen malen.”
“Oder Punkte.” sagt Luise.
“Oder in rosa. Rosa ist viel schöner als schwarz.” sagt Anna.
“Die Farbe ist wasserfest.” versucht die Mama ihre Geschichte zu retten, aber Anna und Luise hören schon nicht mehr zu.






Gute Nacht