Vor langer, langer Zeit stand der Mond jede Nacht voll und rund am Himmel. Wenn keine Wolken zogen, erfüllte silbernes Licht die Erde. Eines Tages sagte der Mond: "Ich möchte doch gar zu gerne die Sonne treffen und ihn kennen lernen, dessen Licht ich verwandle." Sie machte sich also auf und ging der Sonne nach, immer nach Westen, in den Sonnenuntergang hinein. Doch wie sehr sie sich auch mühte, sie konnte ihn nicht erreichen. Lange schon war sie gegangen, da gelangte sie an die schwarzen Tore der Unterwelt. Große schwarze Wächter standen zu beiden Seiten der Tore, den Speer in der Hand. "Was willst du, du Schöne, was führt dich hierher?" fragten sie. Der Mond blickte zu ihnen empor und antwortete: "Ich suche die Sonne, ihr Herren, und auf meiner Suche bin ich hier gelandet." Die Wächter sprachen: "Von der Sonne haben wir noch nie gehört, aber vielleicht weiß unser Fürst, der Tod, wo du ihn finden kannst." "So führt mich zu ihm!" Sie nahmen ihr all ihre Kleider ab, den Schmuck und den Stirnreif, denn niemand kann zum Tod etwas mitnehmen, und führten sie gebunden tiefer hinab bis in den Thronsaal des Todes. Das war ein schöner Mann und er saß auf einem prächtigen Thron. Als der Tod den Mond sah, wurde er von brennender Liebe ergriffen und stieg herab von seinem hohen Sitz. Er kniete vor ihr nieder, nahm seine flammende Krone ab und dass mit Juwelen besetzte Schwert und legte ihr beides zu Füßen. "Bleibt bei mir, Herrin, denn ich liebe Euch. Es wird Euch hier wohl ergehen, denn hier ist der Ort des Friedens und des Trostes." "Ich kann nicht bei Euch bleiben, Herr, denn ich bewege das Meer, ich leuchte den Tieren und Pflanzen der Nacht und ich bewache die Liebenden. Ich kann nicht bei Euch bleiben, doch ich kann zurückkehren.!" Da brachten sie ihr all ihre Kleider, den Schmuck und den Stirnreif und sie blieb drei Tage beim Fürsten Tod und wurde mit der größten Ehrerbietung behandelt. Dann nahm sie Abschied und brach auf zu ihrem alten Platz im Himmel und die Reise dauerte zwei Wochen. Strahlend und froh kam sie dort an. Sie leuchtete wie flüssiges Silber. Am nächsten Tag dachte sie an ihr Versprechen und machte sich wieder auf in die Unterwelt, und auch diese Reise dauerte zwei Wochen. Drei Tage bleibt sie immer beim Fürsten Tod und deshalb sind zu Neumond drei Nächte dunkel.