Die Verwandlung, oder das Lachen des Waldes
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Die Verwandlung, oder das Lachen des Waldes

Petz, der Bär, wachte schweißgebadet auf. Ihm träumte, daß ihm der Jäger sein Fell mit Schüssen durchsiebt hatte. Er wußte, dass dieser ihm schon länger nach seinem Leben trachtete. Petz tastete über seinen Leib und seine Gliedmaßen. Zum Glück hatte er nur geträumt und befand sich in Ordnung. Der nächtliche Schreck hatte ihm den Angstschweiß durch die Poren getrieben. Jetzt am Morgen fühlte er sich so ungewaschen und gar nicht sauber.
Weil er ein reinliches Tier war, trollte er sich zum nahen Weiher. Ein wenig mulmig war ihm schon, als es im Gebüsch knackte. Behände verschwand er wieder in seiner Baumhöhle und wartete die offensichtliche Gefahr ab. Ganz in der Nähe nahm er Erschütterungen am Waldboden wahr, die von eiligen Schritten herrührten. Ein Bär hat nämlich ein sehr feines Gehör. Zum Glück entfernten sie sich sehr bald.
Nach einer Weile, die er seiner Sicherheit gewährte, kroch er wieder ans Tageslicht.
Am Weiher war’s still, nur das Singen der verschiedensten Vögel störte die Morgenruhe. So lieblich klang es an sein Ohr, dass er bedauerte, nicht ebenso singen zu können. Mochte er sich noch so zu bemühen, mehr als ein Brummen kam nicht aus seiner Kehle.
Aber was war das? Ein zartes Wimmern und Schnupfen, und der sonst so ruhige Wasserspiegel zog immer wieder heftige Kreise, so daß er, als er gerade sein Spiegelbild betrachtete, sein Antlitz nur verzerrt sah. Er bekam einen schiefen Ausdruck ins Gesicht, die Haare standen ihm lockig zu Berge, und seine Schnauze sah ungewöhnlich lang und Furcht erregend verzerrt aus.
Petz schaute über den See, um einen Grund für seine schauderhafte Mißgestaltung zu entdecken. War es der Wind, der sein Aussehen derart verunstaltete, oder wuselte wieder einmal der emsige Biber durch das Wasser?
Dieser nimmer müde Geselle trübte ständig mit seinen Bauvorhaben den einzigen Spiegel im Wald. Doch, so sehr er auch seine Augen über das Wasser gleiten ließ, kein Biber war weit und breit zu sehen.
Da bemerkte er ein zartgliedriges Nixlein, das sich offenbar mit seinen Haaren in den Zweigen einer dicht am Ufer stehenden Trauerweide verfangen hatte. So emsig es sich drehte und wendete, es schien sich immer mehr in den langen Ästen und lanzettenartigen Blättern zu verstricken. Dabei blickte sein Gesichtchen sehr hilflos und ängstlich drein.
Petz, der ein gutmütiger Bär war, wollte dem niedlichen Geschöpf helfen, doch das Nixlein fürchtete sich sehr vor dem großen braunen Tier.
„Tu mir bitte nichts!“, sagte es. „Ich könnte dir drei Wünsche erfüllen.“ Der Bär brummte: „Ich will dir helfen, einfach so, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.“ Dann dachte er an sein Spiegelbild, welches er heute im Wasser erblickt hatte, und dass es ihm schon lange nicht mehr gefiel, auch wenn der See ruhig lag. Außerdem graute ihm vor dem Jäger, der ihm ständig nachstellte, um ihn zu töten, und er brummte: „Na ja, da fiele mir schon etwas ein, was ich mir wünschen könnte!“
Sehr behutsam befreite er das Nixlein aus den Fängen des Baumes, dass wirklich keines des seidigen Haares an den Ästen hängen blieb. Dann nahm er seine rechte Tatze und strich liebevoll, indem er diese wie einen Kamm benutzte, über das seidenweiche Haar des schönen Geschöpfes bis es sich wieder glatt um ihr Gesichtchen schmiegte.
„Danke dir, lieber Bär“, sagte Laura. So hieß die kleine Nixe. „Nun zu deinen drei Wünschen. Wähle sie gut, denn hast du sie einmal ausgesprochen, gehen sie sofort in Erfüllung und sind nicht mehr zurück zu holen.“
Der Bär nickte und sagte: „Ich möchte ein Mensch sein, dann wird der Jäger nicht mehr auf mich schießen!“ Der kleine See hob und senkte sich mit gurgelndem Geräusch. Eine hohe Welle trat über das Ufer und besprengte seine Füße, eine zweite brauste über seinen Bauch, und eine dritte warf ihn einfach um, noch ehe er fliehen konnte. Da lag er nun und schloss vor Angst die Augen. Ich glaube, er flüchtete sich in den Schlaf, weil er sich so gar nicht vorstellen konnte, was nun mit ihm passieren würde und ob er heil blieb, oder der See ihn verschlingen würde. Gleichzeitig geschah die Verwandlung. An der Stelle, wo der Bär gelegen hatte, erwachte ein nackter junger Mann.
Das Nixlein klatschte in die Hände und rief: „Schöner junger Mann, was befielst du weiter?“ „Bringe mir Kleider, damit ich mich entsprechend anziehen kann“, sagte der Bär etwas zu gebieterisch. Er schämte sich vor Laura und versuchte seine Blöße mit den Händen zu bedecken. Sofort war er mit einem noblen Anzug bekleidet. Er erschrak, nun hatte Laura ihm auch den zweiten Wunsch erfüllt. Alles war so schnell gegangen. Nun blieb ihm noch ein einziger Wunsch, den musste er aufbewahren, für alle Fälle.
Er würde erst einmal abwarten, wie ihm die neue Rolle in seinem Leben gefiel und ob sie von Nutzen wäre. „Halt ein Laura“, rief er deshalb, „lass mich einen Wunsch zurück behalten!“
„Du bist sehr klug, die Bitte sei dir gewährt“, sagte diese. Meinen Namen kennst du ja, rufe mich, wenn du deinen letzten Wunsch erfüllt haben möchtest. Ich bin jederzeit für dich da. Adieu und nochmals lieben Dank für deine Hilfe! Viel Glück im neuen Gewand“, rief sie ihm noch zu. Dann tauchte Laura im See unter.
Von fern meinte er ein silberhelles Lachen zu hören. Es schien aus der Tiefe des Sees zu kommen. Dann sah er die Ringe, die sich über den gesamten See, immer größer werdend, ausbreiteten, als letzte Zeichen seiner lieblichen Begegnung.
Er fühlte sich plötzlich sehr einsam, wie er da in seinem neuen Körper allein am Ufer stand. Um zu sehen, wie kräftig er noch war, spannte er seine Muskeln. Tatsächlich waren auch diese geschrumpft, eben auf die Größe eines normalen Menschen. Hoffentlich, so schoss es ihm durch den Kopf, würde seine Kraft ausreichen, wenn er sich wieder einmal zur Wehr setzen müsste gegen jemanden, der im Böses wollte.
Der Bär, der nun ein Mensch geworden war und nun immer aufrecht gehen musste, machte sich sogleich zum Rathaus der Stadt auf. >Robert Petz< wollte er sich nennen und sich auf diesen Namen einen Ausweis ausstellen lassen. Er wusste, daß er den als Bürger dieser Stadt brauchte.
Als Bär erfährt man einiges von den Menschen, die täglich im Wald nach Beeren und Pilzen suchen. Oftmals hatte Petz ihnen interessiert und gern zugehört, denn sie redeten viel miteinander beim Suchen.
Der Beamte blickte gar nicht freundlich über seine Nickelbrille auf Robert, als dieser eintrat und ein wenig stockend seinen Wunsch nach einem Pass vorbrachte. Dann fragte er ihn nach seinen Papieren: „Stammbuch mit Geburtsurkunde!“, wiederholte der Mann etwas ungeduldig. Robert stutzte, davon hatte er noch nie etwas gehört.
„Wohl Asylant, oder?“, ungeduldig wartete der Beamte auf eine Antwort von Robert und machte sich Notizen. „Wo du kommen her?“, forschte Herr Schmid im schlechten Deutsch weiter. „Ich kann sie recht gut verstehen. Sie können ganz normal mit mir reden“, sagte Robert. „Ich kann sie auch einsperren lassen, wenn sie mir nicht sofort ihr genaues Herkunftsland nennen, aus welchem sie gekommen sind!“, gab der Beamte zu bedenken. „Wovon wollen sie eigentlich leben?“
„Ich werde arbeiten, um Geld zu verdienen. Sehen sie, Ich bin stark und gesund“, meinte Robert. Dann spannte er seine Muskeln an, dass es Herrn Schmid, angesichts solcher Pakete, etwas mulmig wurde. Gleichzeitig besann sich der Beamte auf seine wichtige Staatsaufgabe und erklärte: „Arbeit gibt es nur für Deutsche. Sie müssen zuerst beweisen, dass sie einer von uns sind. Dann bekommen sie eine Steuerkarte. Diese benötigen sie, um arbeiten zu dürfen!“
Robert kratzte sich hinter dem Ohr. So kompliziert hatte er sich seine Menschwerdung nicht vorgestellt. „Wozu das alles?“, fragte er kleinlaut, weil er an seine gesunden Arme und Hände dachte, die bereitwillig jede Arbeit verrichtet hätten.
„Ohne eine Steuerkarte, ist ihnen nicht erlaubt zu arbeiten“, erklärte der Behördenvorsteher, der hinzu getreten war. „Die Steuerkarte bekommen sie aber erst nach ihrer Registrierung. Wenn sie einen festen Wohnsitz haben, wird sie ihnen nach Hause geschickt.“ Die Beamten diskutierten miteinander. Dann wendeten sie sich gemeinsam an Robert. Der dachte in vielen Dingen noch wie ein einfacher Bär. Ihm fehlte der nötige Durchblick, denn er hatte in seinem Leben damit noch nie etwas zu tun gehabt.
Je mehr sie auf ihn einredeten, umso weniger verstand er.
Langsam wurde ihm klar, dass man ihn weder brauchte, noch haben wollte, weil er seine Identität nicht beweisen konnte, und niemand in der Welt für ihn eintreten konnte.
Das Verfahren schien ihm zu umständlich, und er hatte keine Gewähr, jemals als ein Mensch, mit ordentlichen Papieren ausgestattet zu werden. Wovon sollte er menschenähnlich leben, wenn er nicht arbeitete? Dann dachte er an den einen Wunsch, den die Nixe noch für ihn bereit hielt.
So schnell, wie es ihm möglich war, verließ er das Zimmer mit den beiden Menschen, die ihm verdutzt nachschauten. Er lief, so flink seine Füße sich bewegen konnten zurück in den Wald. Fast atemlos rief er aus vollem Hals: „Laura, liebe Laura mein, ich will gewiss kein Mensch mehr sein!“

Nichts regte sich, Niemand schien ihn zu hören. Spürte Laura nichts von seiner Not? Nur der Wind säuselte in den Zweigen und die unermüdlichen Vögel wippten auf den Ästen und zwitscherten um die Wette. Verzweifelt und eine Spur zu laut stampfte er mit seinen großen Füßen so gar nicht gesittet, wie ein Mensch zu sein hatte, über den Waldboden. Dabei blickte er über die spiegelglatte Fläche des ruhigen Wassers. Keine Welle und kein Nixlein brachte sie in Unordnung.
In seiner großen Not brüllte er aus voller Kehle und schluchzte dabei tieftraurig, wie nur ein Bär heulen kann:“ He Hexendreck und Bärenpunsch, gewähre mir den dritten Wunsch!“
Es tropfte von den Bäumen wegen der hohen Luftfeuchtigkeit, aber Robert schien es, als zeige sich hierin die versinnbildlichte Trauer des Waldes, der mit ihm fühlte.
Der See schäumte, das Wasser bäumte sich auf zu einer haushohen Fontäne, als koche es in seinem tiefsten Grund. Wie schon beim vorangegangenen Wünschen rollte eine Welle, aber diesmal eine noch gewaltigere heran. Sie erfasste den polternden Robert, als wollte sie ihn für immer in den Schlund des Sees ziehen. Sie legte ihn dann aber behutsam nahe dem Ufers ab.
Er war vor Schreck in eine Ohnmacht gefallen, die ihn in einen ruhigen Schlaf überging.
Da lag Petz nun friedlich schlummernd wieder in seiner alten Gestalt. Sein Fell glänzte noch ein wenig feucht in der Sonne. Neben ihm hockte das Nixlein. Es kitzelte ihn mit einem Zweig in der Nase und lachte ihn so fröhlich aus vollem Halse an, als er erwachte. Er schaute in ihr hübsches Gesichtchen, ihre kleinen weißen Zähne blitzten wie Perlen an einer Schnur.
Mit seinem lauten: „Hatschi!“, verschreckte er das zarte Wesen noch einmal heftig. Dann mussten sie beide herzlich lachen und auch der Jäger, der hinter dem Baum die Szene beobachtet hatte, sah ein, dass Robert eigentlich gar kein gefährlicher, sondern ein lustiger Bär ist. Ohne ihn würde dem Wald viel von seiner Lebendigkeit verloren gehen.
Er steckte die Flinte in den langen Ledersack und band ihn fest zu. Dann lachte auch er aus vollem Herzen mit. Vielleicht lachen sie ja noch heute, und du hörst es einmal, wenn du in den Wald gehst und selbst still auf seine Geräusche acht gibst.
Helga - Christina Heinrigs