Diskussion: Der Jude im Dorn
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Tilly Boesche-Zacharow - (04.01.07 21:32)

Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte einen Knecht. welcher ihm mehr schlecht als recht diente. Aber weil nicht mehr viele den Knecht spielen wollten und der Bursche zudem das Talent hatte, gern und viel zu lachen, allerdings am meisten dann, wenn einen anderen ein arges Missgeschick getroffen hatte, behielt er ihn. Endlich - eines Tages kam der Bursche und sagte: "Ich habe geerbt, und das reicht, um mir selber einen Hof zu kaufen. Gib mir den Lohn für meine Arbeitszeit bei dir, und ich ziehe von hinnen." Der Bauer ging in sein Schlafgemach und wühlte unter der Matratze, unter der er sein Geld versteckt hielt. Aber er konnte den Beutel nicht finden.
"Ach, herrjemineh", dachte er und schüttelte den Kopf. "Wo ist das Geld geblieben. Nun kann ich meinen Knecht ja nicht bezahlen. Was tu ich jetzt? " Der Bursche war recht verärgert. "Wirklich, Bauer, da foppst du mich ja richtig. Hab ich mich nicht tot geschunden für dich, und nun tust du, als wärest du ein armer Mann." Aber dabei fühlte er in seinem Hosensäckel,
wo es leise klimperte. Er war der Dieb, der seinen Herrn bestohlen hatte. Nun aber tat er, als würde ihn der Geiz seines Herrn zutiefst enttäuschen.
"Wenn du mir schon kein Geld gibst, dann überlass mir irgendein Andenken von dir."
Diese Bitte kam dem Bauern recht, und er glaubte zu wissen, wie er seinen Knecht zufriedenstellen könnte. Im Heuschober
stand noch viel alter Plunder herum seit Generationen gesammelt. Darunter war eine Fidel, von der die Sage ging, ihr Lied könne den traurigsten Menschen zu neuem Leben und frohem Tanz bringen, und so lange sie gestrichen wurde, konnten die
Beine derer, die sie hörten, nicht aufhören, zu tanzen. Da der Bauer das Märchen nicht glaubte und auch nicht zu fideln verstand, dachte er: "Das wäre vielleicht etwas für meinen Burschen. Er ist ein fröhlicher Kerl und kann sich damit amüsieren."
Der Knecht guckte zwar scheel, aber weil ihm am besten bewusst war, dass der Bauer im Augenblick arm wie eine Kirchen-
maus war, nahm er das Instrument, warf das Seil daran über die Schulter und machte sich auf den Weg, sich einen schönen
Hof zu erstehen. Bald darauf begegnete er einem Juden. Er erkannte ihn an seinem silbernen Peissenhaar und der kleinen runden Kipa auf dem Kopf. Der stand und horchte auf den Gesang eines kleinen Vogels, hoch im Gezweig eines Baumes.
"Hör nur", sagte er zum näher kommenden Knecht. "Ist das nicht ein Gotteswunder? Wie schön er singt, und wie gut einem menschlichen Herzen das Liedlein tut."
"Man sollte ihn fangen und in einen Käfig sperren ", sagte der fröhliche Knecht. "Wer ihn singen hören will, muss ihn dann nur kaufen. Billig ist der kleine Sänger allerdings nicht.
"Gott hat ihn nicht geschaffen, in der Gefangenschaft das Leben zu verb ringen. Er hat Flügel und will fliegen - überall die Menschen zu erfreuen,"sagte der fromme Jude zutiefst erschreckt.
Da grinste der Knecht in sich hinein und dachte: "Probieren wir doch mal aus, was es mit dem Märchen von der Fidel auf sich hat." Er nahm das Instrument von der Schulter, legte den Bogen auf die Saiten und rief: "Zuerst sollst du fliegen, Jude, - und ich spiel dir dazu auf."
Er tat einen Strich über die Saiten, da fingen dem Juden an, die Füsse zu jucken, und er hob die Arme, so wie man alle Glieder beim Tanze ins Schwingen bringt. Aber er war nicht mehr ganz jung und stolperte, wollte sich am fröhlichen Knecht festhalten, stattdessen kamen beide ins Schwanken, stürzten und fielen in den vor ihnen stehenden Dornbusch.
Das war dem Juden sehr unangenehm. Er hatte noch nie jemand etwas Böses getan, und er war verstört, weil seinetwegen
der Bursche in die Dornen gefallen war. Es stach und stachelte, aber der fromme Jude riss sich lieber die Hände blutig, als dass er nur dagestanden und geguckt hätte, wie der albern kreischende Bursche sich herauszuarbeiten versuchte. Er hielt ihm also das Gestrüpp zur Seite, und der Knecht schimpfte und tobte: "Du Galgenstrick, was fällt dir ein, mich zu schubsen und zu knuffen. Sieh, wie zerkratzt ich bin. Und wo ist meine Fidel, du Lump,- hast du sie mir gestohlen?"
"Ich bitte dich", sagte der Jude. "Warum sollte ich dir etwas stehlen? Wart, ich hol dir das Instrument aus dem Busch."
Und wieder riss er sich die Hände blutig, sein Kaftan bekam Risse, und die Kipa fiel ihm vom Kopf. Aber er bekam die Fidel zu fassen, und während er mit ihr herauskrabbelte, fiel ihm ein, was für ein Gefühl des Glücks es war, als er den Ton der Fidel gehört hatte. Da wünschte er, den Burschen vergessen zu lassen, dass er einem so grossen Missgeschick anheimgefallen war.
Er tat einen Strich über die Saiten, ein Klang schwebte auf... und im gleichen Moment begann es den Knecht an den Fussohlen zu jucken. Es riss ihn nach allen Seiten, links herum, rechts herum, die Beine schwenkten, die Arme waren wie losgelöste Pendel. Er wollte schreien: "Hör auf!" aber er war ganz atemlos und bekam kein richtiges Wort heraus. Und der fromme Jude war so versunken in sein Spiel - die Fidel war ihm immer ein liebes Instrument gewesen - er sah den Burschen tanzen und freute sich, dass er ihn wieder hatte fröhlich machen können.
Inzwischen war der zurückgebliebene Bauer noch einmal in die Stube des Knechtes gegangen, weil er sie in Ordnung bringen wollte. Es hatte sich Besuch angesagt. Ein alter jüdischer Rabbiner, ein guter Freund von ihm, wollte für einige Tage bei ihm rasten und die Natur geniessen. Eigentlich hätte er schon fast hier sein müssen. Der Bauer wollte ihm ein Stück über die Felder entgegengehen. Da sah er auf dem Boden der Kammer, die der Bursche bewohnt hatte, etwas Glänzendes. Er hob es auf und sah, es war ein Golddukaten. Da dachte er noch nichts Böses, steckte das Goldstück nur in sei- ne Jackentasche.
Draussen, er war einige Minuten lang tüchtig marschiert, hörte er Musik, und Geschrei, und als er weiterlief, sah er seinen Knecht, der wie wild herumhüpfte, wortlos japste, und zu Boden fiel, weil er nicht mehr weiterkonnte. Aber als der Bauer herzueilte und aus den Augenwinkeln seinen alten Freund erkannte, der selbstvergessen die Fidel strich und ihr die schönsten Melodien entlockte, rief er: "Halt ein, Mosche, der Bursche tanzt sich tot. Die Geschichte scheint ja wirklich zu stimmen, - nun ist es bewiesen..."
Der fromme Jude liess den Bogen sinken und freute sich, seinen Freund zu sehen. Dieser aber half dem Knecht in die Höhe und hielt ihn fest, weil der sich auf den Juden stürzen und ihn schlagen wollte. Dabei riss ihm die Hose noch weiter auf, es klimperte und klapperte plötzlich, ein Strom von Goldstücken ergoss sich über den Waldboden. Zuletzt fiel auch der lederne Beutel hinunter, und der Bauer riss die Augen weit auf: "Ja, Hansel",japste er überwältigt, " der böse Dieb bist ja du, - da wirst du wohl jetzt deinen Lohn bekommen können."
So wurde der fröhliche Hansel in die Stadt gebracht und musste als Dieb am Schandpfahl stehen, drei Tage und drei Nächte, bei Kälte und Hitze, ohne zu essen und ohne zu trinken...
Aber nein, ganz so schlimm war es doch nicht, denn zweimal am Tag - morgens in der Früh, und spät am Abend kam der Jude Mosche und brachte ihm einen Krug mit Wasser und ein paar Semmeln. Das beschämte den Hansl sehr, und als man ihn frei gemacht hatte, verschwand er und wurde nie mehr in der Gegend gesehen.
Der Bauer aber und sein jüdischer Freund Mosche sassen im Sternenlicht und hörten den letzten Vogelpiepsern zu. Wenn alles still geworden war, nahm Mosche die Fidel und entlockte ihr die wunderbarsten Klänge. Aber sie hatten ihre böse Zauberkraftverloren. Und das war in Ordnung. Die alten Beine der zwei bejahrten Herren schlugen zwar ein bisschen den Takt dazu, aber für wilde Tanzorgien waren sie doch nicht mehr so richtig zu gebrauchen.


Bin zufällig bei Ihnen gelandet,und weil gerade dieses Märchen mich schon immer entsetzt und empört hat, hab ich innerhalb von 40 Minuten einfach hingeschrieben, was mir im Kopf herum ging. Ich denke, ein weiterer Kommentar meinerseits ist dadurch überflüssig geworden

Auf meinen Einspruch hin entfernte der Verlag Langewiesche-Brandt im Nachdruck der Grimm´schen Märchen 1982
das "Märchen" vom Juden im Dorn. T.B.Z.

haunebu - (06.05.08 00:16)

wie peinlich: Kaum taucht der Begriff "Jude" auf, springen einige entsetzt im Dreieck herum und tendieren zu perversem Aktionismus. Hallo wach: Es gab keinen Froschkönig, kein Rotkäppchen, keinen Juden im Dornbusch. Alles nur Märchen...

Welcher gebildeter Mensch kommt ernsthaft auf die Idee, Rotkäppchen zu verbieten, weil dort Wölfe diskriminiert werden? Kommt ein denkendes Wesen auf den Einfall, einen Frosch als Sexobjekt und unmündige, besitzheischende Minderheit zu erkennen?

Wer den Juden im Dornbusch verbieten will, hat Komplexe bzw. etwas zu verbergen oder zu befürchten, anders ist diese hektische Reaktion auf ein althergebrachtes Märchen(!) nicht ernsthaft erklärbar.

Unsere literarische Tradition darf nicht, auch nicht teilweise, verboten werden, das ist faktisch Bücherverbrennung. Das will doch auch kein "Jude" - oder plötzlich doch?

TBZ - (15.10.08 20:19)

Eine Diskussion ist ein Gespräch zwischen Menschen auf geistig gleichem Niveau. Schade, dass der hier vorliegende erste
Beitrag zu einer solchen diesen Anspruch nicht erfüllt. So viel Angriffslust, so viel Unwissenheit sprechen aus den recht primitiven Sprechblasenimitationen. Der Protagonist hat zwar die Möglichkeit, sich nicht outen zu müssen,ohne sich jedoch darüber klar zu sein, dass er den Stand seiner eigenen Bildung keinesfalls ebenso leicht verbergen kann.
Eine Tradition der Menschheit ist z.B. das Töten, das Morden, der Krieg, ja, auch der traditionelle Judenhaß. Es ist kein Fortschritt, auf diesen Gegebenheiten zu bestehen und weiter daran festzuhalten. Früher hatten wir auch einen Kaiser...Man kann zwar auf den positiven Dingen aufbauen und durch sie weiter entwickeln. Doch wenn sich etwas überlebt hat, sollte man sie ad acta legen oder etwas Neues, Besseres daraus machen.
Die Geschichte vom Juden im Dorn ist nur ein einziges Beispiel dafür, dass eine weiterhin großartige Verherrlichung von allen alten Traditionen nur zu einem "4. Reich" führen könnte. Ein Weg, den man geht, mag gut oder schlecht gewesen sein. Man kann von einem bestimmten Punkt an die Entscheidung fällen, den alten weiterzuwandern oder einen Seitenweg einzuschlagen, der einen zu einem weit besseren Ziel führen kann.
Hallo, wacher Kleiner - ich denke mir, es ist ein E R, ich will es Dir deutlich zu machen versuchen.
Ob ich Jude bin oder nicht, das spielt hier keine Rolle. Vielleicht verstehst du es, wenn ich ein anderes Beispiel nenne:
Eine Mutter verliert ihr Kind, es stirbt den Ärzten sozusagen unter den Händen.Würdest Du die Mutter verstehen, die dabei war und danach nie wieder im TV einen Arztfilm sehen kann, der sich genüßlich an einer Operationsszene delektiert?- Ich schätze, meine Antwort ist auch nicht diskussionsreif, aber mir tut es einfach weh, bei soviel Unwissenheit mit soviel Gefühlskälte konfrontiert zu werden.Diesem Menschen tun die Märchen leid, die man besser vergessen sollte. Aber die jüdischen Menschen kann man weiterhin diskriminieren mit zynischen Gehässigkeiten.Ja, die Märchengestalten entspringen der Fantasie - aber nicht immer einer guten, jedoch die jüdischen ausgelachten Märtyrer sind Realität. Ich wünschte, weder Menschen noch Bücher würden verbrannt. Aber besonders ungute Dinge alter Fabulierkunst muss man kleinen Kindern nicht nahebringen.
Damit würde man sie in die gleiche Unsensibilität hineinkatapultieren, mit der auch unser 1.Podiumsredner behaftet ist. Henryk Broder hat recht, wenn er erklärt: Der Haß auf die Juden wird seit Jahrhunderten von einer Generation auf die andere vererbt. Und damit möchte ich schließen, ich fürchte, es kommt ohnehin nicht an...TBZ

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